Wochenkommentar

Mittwoch, 21. August 2019

Austausch wichtiger denn je

Angleichung der Lebensverhältnisse steht noch aus

30 Jahre friedliche Revolution und Mauerfall – das ist ein ganz anderes Jubiläum als noch vor zehn Jahren. Diesen Glücksfall in der deutschen Geschichte angemessen zu feiern, ist nämlich angesichts der aktuellen Probleme, Diskussionen und Konfliktlagen nach drei Jahrzehnten paradoxerweise schwieriger statt leichter geworden. Da kommt das Plädoyer von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier für einen „Solidarpakt der Wertschätzung“ und einen stärkeren Austausch zwischen Ost- und Westdeutschen zur rechten Zeit.

Dass der Bundespräsident, der selbst Westdeutscher ist, aber längere Zeit in Brandenburg gelebt hat, eine Gesprächsreihe mit dem Titel „Geteilte Geschichte(n)“ gestartet hat, ist eine glänzende Idee. Denn immer noch u bestehen zwischen Ost- und Westdeutschen Missverständnisse und gegenseitige Vorurteile, wird einander viel zu wenig erzählt und zugehört. Zur ehrlichen Aufarbeitung und zu einem aufrichtig gefeierten Jubiläum gehört allerdings auch, offen über Irrtümer, Fehler und falsche Entwicklungen beziehungsweise Einstellungen zu reden. Auch 30 Jahre nach dem bewundernswerten Aufstand gegen die SED-Diktatur, der ebenso wie die Gestaltung und das Meistern des Umbruchs eine ganz große Leistung darstellt, wollen viele ehemalige DDR-Bürger ihren Nachkommen immer noch keine Auskunft darüber geben, wie sie sich vor 1989 dem Regime gegenüber verhalten haben. Außerdem sollte – bei allem Verständnis für ein Gefühl des wirtschaftlich und kulturell Sich-Abgehängt-Fühlens – der Stolz über das Erringen der Freiheit vor 30 Jahren groß genug sein, um den Rattenfängern der AfD nicht auf den Leim zu gehen, die die friedliche Revolution auf eine skandalöse, wahrheitswidrige Weise uminterpretieren wollen. Die Westdeutschen aber müssen jedwede Überheblichkeit und Arroganz ablegen, sich für die Sorgen, Nöte und Emotionen ihrer ostdeutschen Brüder und Schwestern ernsthaft interessieren und ohne Scheuklappen der Frage stellen, was sie bei der Wiedervereinigung falsch gemacht haben und was heute noch falsch läuft.

Am Ende aber darf es nicht beim Miteinander-Reden bleiben, sondern es muss auch – möglichst gemeinsam –gehandelt werden. Die ganz konkrete Angleichung der Lebensverhältnisse steht noch aus. (Gerd Felder)

Redakteur:  Gerd Felder

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