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Mittwoch, 06. Februar 2019

Durchgreifende und glaubwürdige Veränderungen

Katholikenrat des Bistums Speyer beschäftigte sich mit den Herausforderungen durch die Missbrauchskrise

Generalvikar Andreas Sturm lieferte den Mitgliedern des Katholikenrates umfassende Informationen zum Thema Missbrauch im Bistum Speyer und stellte sich in einer Gesprächsrunde Fragen zum Thema. Foto: rn

Die katholische Kirche brauche durchgreifende, schnelle, nachhaltige und glaubwürdige Veränderungen – in der Sexualmoral, im Kirchenrecht, vor allem bei der Gleichstellung der Frau, im Priesterbild, im Bereich der bislang mangelnden Dialog- und Konfliktkultur. Dr. Gerhard Kruip, Professor für Christliche Anthropologie und Sozialethik an der Universität Mainz, ging in die Tiefe, als er am 2. Februar beim Katholikenrat des Bistums Speyer über die Herausforderungen durch die Missbrauchskrise sprach und der Frage nachging, was sich in der Kirche angesichts der Krise ändern muss.

Wenige Wochen vor der im Vatikan stattfindenden weltweiten Konferenz der Bischofskonferenz-Vorsitzenden zu Konsequenzen aus den Missbrauchsskandalen beschäftigte sich der Katholikenrat  in einer außerordentlichen Vollversammlung mit dem Thema – in Vorträgen, einer moderierten Gesprächsrunde und Arbeitsgruppen. Professor Kruip, der Speyerer Generalvikar Andreas Sturm und Christine Lormes, eine der beiden Präventionsbeauftragten des Bistums Speyer, beleuchteten aus ihren Arbeitsbereichen heraus die Thematik.

Erschreckende Dimension
Bereits die Beschreibung der weltweiten Dimension der Missbrauchskrise durch Professor Kruip machte betroffen. Irland, Chile, USA sind nur einige Beispiele. In Deutschland brachten die Enthüllungen aus dem Berliner Canisius-Kolleg das Thema auf die Tagesordnung. Die im September des vergangenen Jahres veröffentlichte Studie zum „Sexuellen Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“ machte den Umfang des Skandals offenbar: 1 600 beschuldigte Kleriker, 3 677 betroffene Kinder und Jugendliche (in den Jahren zwischen  1946 und 2014). Professor Kruip stellte die Studie umfassend vor, erläuterte ihre Grundlagen und Ergebnisse. Dazu gehörte auch, dass bei 33,9 Prozent der Beschuldigten ein kirchenrechtliches Verfahren eingeleitet wurde, bei 53 Prozent jedoch kein Verfahren und nur bei 19,4 Prozent Strafanzeige erstattet wurde. Als Reaktion gab es häufig nur Versetzungen.
Professor Kruip ging auch auf Ursachen sexuellen Missbrauchs ein: vom zölibatären Leben bis zu sexueller Unreife von Priesterkandidaten. Hilfreich war, dass er ausführlich die „systemischen Ursachen“ einordnete, über die derzeit heftig diskutiert wird: sexueller Missbrauch als Missbrauch von Macht in einem klerikalen System, Vertuschung aus einer falsch verstandenen Kirchenraison heraus, mangelnde Kontrollmechanismen, eine dem Menschen nicht gerecht werdende kirchliche Sexualmoral (Homosexualität eingeschlossen).
Kruip verwies auf Forderungen des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, das sich für eine Trennung von Exekutive und Judikative im Kirchenrecht einsetzt, für eine umfassende Transparenz, für eine Gleichstellung von Frauen und Männern in der Kirche (mit Zugang zu allen Ämtern) und für die Abschaffung des Pflichtzölibats. Kruip mahnte eine Rückbesinnung auf den eigentlichen Kern der christlichen Botschaft an. Jüngste Äußerungen von Bischöfen zum Missbrauchsskandal und den notwendigen Konsequenzen findet der Mainzer Sozialethiker ermutigend.

Blick auf das Bistum Speyer
Generalvikar Sturm gab bei der Tagung einen umfassenden Überblick zum Thema Missbrauch im Bistum Speyer. Für die bundesweite Missbrauchsstudie hat das Bistum Speyer 1 452 Personalakten von Priestern und hauptamtlichen Diakonen gesichtet, die zwischen 1946 und 2014 in der Diözese Speyer tätig waren oder sich im Ruhestand befanden. Erfasst und dem Forschungskonsortium zur Auswertung übergeben wurden Hinweise nicht nur auf strafrechtlich relevante Formen des sexuellen Missbrauchs, sondern auch auf Grenzverletzungen unterhalb der Schwelle der Strafbarkeit, zum Beispiel scheinbar harmlose Berührungen.
Festgestellt wurden dabei Hinweise auf 186 betroffene Kinder und Jugendliche, davon 98 männliche und 88 weibliche. Insgesamt 89 Priester – 76 Diözesanpriester, drei nicht inkardinierte Priester und zehn Ordensgeistliche – wurden als Beschuldigte erfasst, ungeachtet dessen, ob es sich um verifizierte Taten, Beschuldigungen, Verdächtigungen, vage Hinweise oder mögliche oder erwiesene Falschbeschuldigungen handelte.

Alle Hinweise an Staatsanwaltschaft
23 Verdachtsfälle wurden  durch staatliche Behörden untersucht. Insgesamt elf strafrechtliche Verfahren endeten nach Auskunft von Generalvikar Sturm  mit der Verurteilung des Beschuldigten; insgesamt gab es auch sechs Gefängnisstrafen (ältester Fall 1913, jüngster Fall 2010).  Bei 54 Fällen gab es ein kirchliches Verfahren, dabei 36 mit Urteil. Sturm räumte ein, dass manche kirchliche Urteile in der Öffentlichkeit schwer zu kommunizieren seien. Als Beispiel nannte er ein Zelebrationsverbot; was einem Außenstehenden harmlos erscheine, sei für  Priester durchaus eine wirkliche Strafe. Aus dem Dienst entlassen wurde bisher kein Priester des Bistums Speyer, wohl aber von der bisherigen Tätigkeit suspendiert oder in den Ruhestand versetzt. So blieben Täter auch ein Stück weit unter Kontrolle.
Staatliches und kirchliches Strafrecht existieren grundsätzlich nebeneinander. Im Bistum Speyer ist man seit 2010 dazu übergegangen, alle Verdachtsfälle auch der zuständigen Staatsanwaltschaft zu melden – mit einem unerwünschten Nebeneffekt, wie Generalvikar Sturm erläuterte. Opfer, die sich anonym etwa per Telefon beim Bistum oder bei den beiden Missbrauchsbeauftragten melden, legen teilweise wieder den Hörer auf, wenn sie erfahren, dass alle Fälle an die Staatsanwaltschaft weitergeben werden. Sie scheuen zurück vor Befragungen und Zeugenaussagen, die zum Aufbrechen alter Wunden führen  könnten, vermutet Sturm. Hier suche man noch nach einer Lösung.
Neben dem Umgang mit den Opfern und deren Leid treibt den Speyerer Generalvikar das zerstörte Vertrauen gegenüber der Kirche um, denn damit ist vielfach auch der Glaube der Menschen infrage gestellt. Deshalb berühre sie die Debatte so sehr. Es werde lange dauern, das zerbrochene Vertrauen zurückzugewinnen.

Ein weiter Weg
Generalvikar Sturm sieht die Aufarbeitung des Missbrauchskandals im Bistum Speyer zwar auf dem Weg, aber längst nicht am Ziel. Vor dem Katholikenrat nannte er Punkte zum aktuellen Stand im Bistum Speyer und zu den nächsten Schritten. Die strafrechtliche Aufarbeitung in Zusammenarbeit mit den Staatsanwaltschaften geht demnach weiter. Die neu gegründete Arbeitsgruppe „Missbrauch und Prävention“ hat ihre Arbeit mit Begleitung durch externe Experten aufgenommen, und es gibt erste Überlegungen, einen Betroffenenrat einzurichten. Sturm verwies darauf, dass noch auf vielen Ebenen und in vielen Bereichen der kirchlichen Arbeit Schutzkonzepte zu erarbeiten sind. Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Präventionsarbeit, über die beim Katholikenrat Christine Lormes berichtete – und zum Beispiel darauf hinwies, dass Missbrauch bei den Schülertagen Anfang Februar ein wichtiges Thema war.

Gespräch mit Betroffenen
Ein wichtiger Schritt ist für den Speyerer Generalvikar auch das Gespräch mit den Betroffenen. Diese  würden sukzessive von Bischof Karl-Heinz Wiesemann angeschrieben und eingeladen. Erste Termine seien bereits vereinbart.
Sturm, der auch weitergehende Konsequenzen aus dem Missbrauchsskandal ansprach – Stärkung der Frauen auf den Leitungseben und Veränderungen bei der Priesterausbildung zum Beispiel –, bedauerte, dass die deutschen Bischöfe bei der Aufarbeitung des Missbrauchs in unterschiedlicher Geschwindigkeit unterwegs sind; zumindest in Rheinland-Pfalz zögen sie jedoch an einem Strang, freute er sich.

Stellungnahme des Katholikenrates
Zeitnah soll jetzt eine Stellungnahme des Katholikenrates erarbeitet werden. Diese werde auch Handlungsoptionen des Laiengremiums beschreiben, wie Katholikenrats-Vorsitzende Luisa Fischer in einem Grußwort ausführte, das verlesen wurde. Sie selbst konnte an der Vollversammlung krankheitsbedingt nicht teilnehmen. (rn)

Die Missbrauchsstudie kann von der Homepage der Bischofskonferenz www.dbk.de heruntergeladen werden.



Redakteur:  Redaktion

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