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Kultur

Mittwoch, 28. Oktober 2020

Ein strahlender Zufall

Vor 125 Jahren machte ein Physiker eine bahnbrechende Entdeckung

Wilhelm Conrad Röntgen, der Entdecker der Röntgen-Strahlung. (Foto: epd bild)

Am 8. November 1895 entdeckte Wilhelm Conrad Röntgen die nach ihm benannten Strahlen. Sie revolutionierten die Medizin. 1901 bekam er den Physik-Nobelpreis. Ein Abitur aber hatte Röntgen nicht – er wurde kurz vorher von der Schule geworfen.
Einer der größten Meilensteine der modernen Medizin ist im Prinzip dem Zufall zu verdanken: Als Wilhelm Conrad Röntgen (1845 bis 1923) im Herbst 1895 wie so oft bis spät in die Nacht im Labor des Physikalischen Instituts der Universität Würzburg mit Kathodenstrahlen experimentierte, leuchteten ein paar Brösel Bariumplatincyanür auf dem unaufgeräumten Schreibtisch. Das Glimmen hörte auch nicht auf, als er die Röhre mit Papier, Pappe und Holz abschirmte: Die Strahlen hatten die Eigenschaft, Materie zu durchdringen. Die Entdeckung am 8. November vor 125 Jahren machte den Forscher weltberühmt und revolutionierte Physik und Medizin.
„Was in den Wochen nach dieser Entdeckung passierte, charakterisiert Röntgen ziemlich gut“, sagt Roland Weigand, der Beauftragte für die Röntgen-Gedächtnisstätte in Würzburg. Offenbar verließ der Forscher danach kaum noch sein Labor, so sehr bannte ihn die Entdeckung der unbekannten Strahlen, die er X-Strahlen nannte. „Er ließ sich das Essen dorthin bringen, sogar ein Bett soll er im Labor aufgestellt haben“, sagt Weigand.
Ende Dezember fertigte er das erste Röntgenbild der Geschichte an, es zeigt das Handskelett seiner Frau. Von den oft starken Nebenwirkungen der Röntgenstrahlung wusste er noch nichts, sie blieben lange Zeit unbekannt.
Ohne Röntgens Entdeckung wäre die heutige Medizin kaum denkbar. Und das betrifft nicht nur die bekannten Röntgenbilder bei Knochenbrüchen oder Zahnarztbehandlungen. Auch bei der Bekämpfung von Viren spielen moderne Röntgenoptiken eine große Rolle. Mit hochintensiven Röntgenstrahlen lassen sich die Strukturen von kleinen Molekülen, von Proteinen oder eben von Viren ausmessen und darstellen. Das wiederum hilft, passgenaue Medikamente oder Therapieverfahren zu entwickeln.
Als Röntgen mit damals 50 Jahren die X-Strahlen entdeckte, war er bereits ein in Fachkreisen geschätzter Wissenschaftler. Er hatte eine akademische Karriere hingelegt, an die 30 Jahre zuvor keiner geglaubt hatte: Röntgen war Schulabbrecher. 1863 wurde der gebürtige Remscheider im holländischen Utrecht ohne Abitur von der Schule geworfen, weil er für die Karikatur eines Lehrers verantwortlich gemacht wurde – die nicht einmal von ihm stammte. Offiziell durfte Röntgen in Utrecht deswegen nicht studieren und war nur als Gasthörer eingeschrieben. Später ging er nach Zürich an die Polytechnische Hochschule, dort war Studieren ohne Abitur möglich.
1888 kam er als Professor nach Würzburg. „Diese Entscheidung zeigt, dass ihm die Experimentalphysik über alles ging“, sagt Roland Weigand. Denn Röntgen hätte allen Grund gehabt, Würzburg zu meiden: Als er 1870 als Assistent seines Züricher Doktorvaters erstmals in die Stadt kam, wurde ihm dort die Habilitation verweigert – wegen seines fehlenden Abiturs. Er habilitierte in Straßburg, wurde 1879 Professor in Gießen, bevor er doch an den Main zog: „Würzburg hatte damals das bestausgestattete physikalische Institut in Deutschland, vielleicht sogar in Europa“, erklärt Weigand.
Zeitgenossen bezeichneten ihn als Kauz, als Sozialphobiker, aber auch als Genie, akribischen Forscher und Wissenschaftler. Zuvorderst aber war er uneitel. Als er im Januar 1896 nach zahllosen Experimenten erstmals die X-Strahlen öffentlich präsentierte, soll er den Vortrag mit den Worten begonnen haben: „Durch Zufall entdeckte ich diese Strahlen.“
Nach dem Vortrag wurde von Zuhörern der Vorschlag gemacht, die von Röntgen entdeckten Strahlen auch nach ihm zu benennen – dafür fand sich eine große Mehrheit, entgegen Röntgens ausdrücklichen Wunsch. Er meldete für die Strahlen und deren Nutzung auch kein Patent an, ihm ging es um die Wissenschaft. Später beanspruchten andere Forscher die Entdeckung für sich. Das ging so weit, dass ihm manche den ersten Nobelpreis für Physik im Jahr 1901 am liebsten wieder aberkennen wollten.
Röntgen selbst belastete die Entdeckung der X-Strahlen aber aus einem anderen Grund. Auch wenn er testamentarisch verfügt hatte, dass alle Aufzeichnungen außer den veröffentlichten Aufsätzen nach seinem Tod vernichtet werden sollten: Es ist überliefert, wie sehr er sich daran störte, als Experimentalphysiker „nur“ auf diese eine Entdeckung reduziert zu werden, erzählt Weigand. „Er hat 70 Aufsätze geschrieben, nur drei davon befassen sich mit den X-Strahlen.“ Hinzu kommt, dass es nicht die Entdeckung der X-Strahlen an sich war, die die Menschen begeisterte – sondern ihre Nutzung, die die Medizin revolutionierte.

Redakteur:  epd

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