Kultur

Donnerstag, 17. Oktober 2013

Großartiges Gesamtwerk der Verkündigung

Symposium bewertet Schraudolph-Fresken neu – Kritik an Präsentation im Kaisersaal des Doms

Unter anderem die Überarbeitung der „Marienkrönung“ mit „Tuch“ und mit Ornamenten als „Befestigung“ stieß bei den Teilnehmern des Schraudolph-Symposiums auf Kritik. Foto: Archiv

Ob Johann Baptist Schraudolph nun tatsächlich ein Nazarener war, wurde nicht klar beantwortet. Doch dass seine Fresken, mit denen er Mitte des 19. Jahrhunderts den Dom zu Speyer ausmalte, neu – und zwar durchaus positiv – bewertet werden, ist ein Ergebnis des Internationalen Symposiums, das kürzlich in Speyer stattfand. Dabei wurde aber auch Kritik geäußert – nicht nur an der radikalen Zerstörung der Ausmalung in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts, sondern ebenso an der jetzigen Präsentation der neun geretteten Fresken im Kaisersaal des Doms. Die Europäische Stiftung Kaiserdom zu Speyer hatte das Symposion hervorragend organisiert und mit hochkarätigen Wissenschaftlern der Geschichte und Kunstgeschichte des 19. Jahrhunderts besetzt.
Zum Hintergrund: König Ludwig I. von Bayern ließ von 1846 bis 1853 den Dom zu Speyer durch den Historienmaler Johann Baptist Schraudolph und den Ornamentmaler Joseph Schwarzmann ausmalen. Einerseits verfolgte der König damit ein politisches Ziel, den Dom als Symbol der Einheit des Reiches zu etablieren und das monarchische Prinzip zu befestigen, andererseits wollte er den Glauben des Volkes neu beleben und stärken. Letzteres war auch Absicht des damaligen Speyerer Bischofs Nikolaus von Weis, auf den das theologische Bildprogramm der Ausmalung zurückgeht. Wenn auch Schraudolph nicht der Malergemeinschaft der so genannten Nazarener angehörte, vertrat er doch deren Ziel einer Erneuerung der religiös-christlichen Kunst durch Klarheit und Innerlichkeit.
Die Fresken im Speyerer Dom stießen zunächst auf Zustimmung, aber schon bald auch auf Ablehnung als oberflächlich, naiv und kitschig; vor allem verschandele sie den Innenraum des romanischen Doms. Die Ausmalung wurde in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts entfernt, lediglich die 24 Fresken des so genannten Marien-Zyklus blieben im Dom erhalten, acht Bilder aus dem Querhaus und die Marienkrönung der Apsis wurden abgenommen und werden jetzt nach aufwändiger Restaurierung im Kaisersaal des Domes präsentiert.
Bereits seit einiger Zeit hat eine Neubewertung dieser Malerei als Zeugnis von Kunst und Frömmigkeit des 19. Jahrhunderts eingesetzt. Damit einher ging die Kritik an der Radikalität, mit der die Bilder aus dem Speyerer Dom entfernt wurden. Von „Bildersturm“ und „Kulturfrevel“ ist gar die Rede. Darin war sich im Wesentlichen auch das Symposium einig. Dabei sah es die Malerei Schraudolphs nicht unkritisch; durchaus wurden die starre Dogmatik, die Flachheit der Darstellung, die unbewegliche Programmatik kritisiert, auch die Naivität mancher Motive; doch dürfe dies nicht getrennt vom kulturellen, gesellschaftlichen, politischen und vor allem religiösen Bewusstsein des 19. Jahrhunderts beurteilt werden. Diese Kritik könne man, provozierend formuliert, auch an Malereien der Renaissance und des Barock oder gar an Picasso und Chagall anlegen.  
Anzuerkennen sei das groß angelegte Gesamtprogramm der Malerei im Speyerer Dom, das die Vollständigkeit des Erlösungswerkes Gottes von der Erschaffung der Menschen durch ihre Geschichte hindurch bis zu ihrer Vollendung, die sich in der Aufnahme Marias in den Himmel und ihrer Krönung als „verheißene Aussicht“ zeigt, darstellt. So sei hier das Programm der Verkündigung schlechthin entstanden, die Heilsgeschichte in staunenswerte Bilder gefasst. Die Kunst stehe – so die Absicht von Bischof Nikolaus von Weis – im Dienst der frommen Erbauung, der religiösen Erziehung, der Glaubensbildung, der Verkündigung des Evangeliums. Diese Wertschätzung sei auch dadurch zum Ausdruck gekommen, dass der Bischof in Hirtenbriefen nicht nur die Bilder erklärte, sondern an ihnen die gesamte Heilsgeschichte bis hin zum Weltauftrag der Gläubigen breit darlegte. Dem sei der Stil dieser Malerei entgegen gekommen, da der im Gegensatz zu der bloßen „Verehrung“ körperlicher Schönheit im Neoklassizismus, in dem die klassische Antike nachgeahmt wurde, den Bildern eine „Beseelung“ gegeben, Herz und Empfindung geweckt habe.
Heute – so die nahezu einhellige Meinung der Wissenschaftler beim Symposium – würden solche Bilder, gar ein solches Bildprogramm, ob es nun gefällt oder nicht, nicht so radikal entfernt und unwiederbringlich zerstört; dies komme tatsächlich einer Verachtung der Kunst, vor allem der religiös-christlichen Kunst des 19. Jahrhunderts gleich.
Vor allem beim Podiumsgespräch am Ende des Symposiums, aber auch bereits am Rand der Veranstaltung, wurde scharfe Kritik an der Präsentation der geretteten Fresken im Kaisersaal geäußert. Die zu martialische Rahmenkonstruktion lasse den neoromanischen Raum völlig verschwinden, die als kitschig empfundene Beleuchtung durch die zahllosen Lämpchen versetze eher auf einen Jahrmarkt denn in eine Schau sakraler Werke, überhaupt passe diese Präsentation eher nach Hollywood als in ein Gotteshaus.
Im Besonderen sahen einige der Fachleute eine „Verhunzung“ der Marienkrönung: Abgesehen davon, dass sie auch heute in die Apsis gehöre, um nicht nur dem Marienzyklus, sondern dem Dom und dem darin abgebildeten Weg der Gläubigen, Ziel und Abschluss zu geben, seien auch im Bild selbst Eingriffe vorgenommen worden, die weder kunsthistorisch noch theologisch zu verantworten seien: Während ursprünglich das Glaubensereignis der Marienkrönung als ein vollkommen himmlisches Ereignis gesehen und deshalb ganz in den Goldgrund zurückgelegt worden sei, so habe man es nun auf ein irdisches, eingerissenes Tuch gelegt und zudem mit vier unverständlichen runden Elementen gewissermaßen befestigt. Dies widerspreche der gesamten Konzeption von Theologie und Verkündigung und müsse – wenn möglich – rückgängig gemacht werden.
Von dieser Kritik abgesehen, wurde jedoch einhellig gewürdigt, dass die Fresken im Kaisersaal des Domes überhaupt wieder gezeigt werden. Dafür sprach man den Verantwortlichen Dank und Anerkennung aus. So könnte von hier aus, im Zusammenhang mit dem im Dom verblieben Marienzyklus auch die neue Bewertung von Kunst und Frömmigkeit des 19. Jahrhunderts weiter vorangetrieben werden, wozu das Speyerer Symposium einen wichtigen Schritt getan habe. (kh)      

Redakteur:  Redaktion

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