Geistliches Leben

Mittwoch, 15. Mai 2019

Jesu Vermächtnis

Gedanken zum Johannes-Evangelium 13, 31–33a.34–35 von Pastoralreferentin Luise Gruender

Was einen Christen ausmacht, ist allein die Liebe

Liebe und Liebe sind zweierlei; man muss genau hinsehen, was wirklich Liebe ist und was nicht. Das heutige Evangelium hilft uns dabei. Mit den hierfür ausgewählten Evangeliumsversen beginnt Jesu Abschiedsrede an seine Jünger. Nachdem Judas hinausgegangen war, fängt Johannes an, davon zu erzählen. Die Gläubigen sind unter sich. Da spricht Jesus: Jetzt ist der Menschensohn verherrlicht. Es strahlt auf, was sein Geheimnis ausmacht. Dieses „jetzt“ meint natürlich das, was durch den Verrat des Judas in Gang kommt: Die Kreuzigung. Das Liebesgebot Jesu steht also in der Nähe seines Todes.

Judas war hinaus gegangen, um ihn zu verraten. Jesus weiß um sein Leiden und seinen drohenden Kreuzestod. Da gibt er den Seinen das „neue Gebot“: „Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben.“ Die Liebe Jesu zu seinen Jüngern ist das, was bleiben soll. An seiner Liebe, die sich verschenkt, sollen die Jünger sich ausrichten; sie sollen sie nachleben. So bleibt seine Liebe in der Welt gegenwärtig. Angesichts seines nahen Todes wird das Gebot der Liebe zum Vermächtnis Jesu.

Die Liebe, die wir anderen schenken sollen, ist als Antwort zu verstehen auf die Liebe, die wir selber durch Jesus Christus erfahren und empfangen. Sie findet ihren Ausdruck nicht in spektakulären Taten oder Treueschwüren, sondern in unserer Verantwortung: Unsere Verantwortung gegenüber den nächsten Menschen, Verantwortung in unserem Beruf, Verantwortung gegenüber den Notleidenden, Verantwortung gegenüber der Schöpfung. Was uns vordergründig oft als Erfüllung von Pflichten oder als alltägliche Aufgabe scheint, dürfen wir als unsere Liebe begreifen, mit der wir antworten auf die Liebe Gottes zu uns.

Wenn wir so auf das Leben schauen, gibt es gewiss mehr Menschen, als wir es ahnen, die dieses „neue Gebot Jesu“ erfüllen. Tagtäglich im Leben der Familien, in der Erziehung der Kinder oder in der Sorge für kranke und pflegebedürftige Menschen. Hier findet diese Liebe ihren konkreten Ausdruck. Oder überall da, wo sich Menschen nicht nur für ihr eigenes Wohlbefinden ins Zeug legen, sondern sich den Blick für die Nöte der Zeit und der Schöpfung bewahrt haben.

„Daran wird die Welt erkennen, dass ihr meine Jünger seid: Wenn ihr einander liebt“. Das unterscheidende Merkmal der Christen soll allein die Liebe sein. Von ihr her sollen wir bei den Menschen auffallen und bekannt werden. Wegen unserer Liebe sollen wir „von uns Reden machen“. Wir wissen aber, dass wir dahinter zurückbleiben. Darum feiern wir diese Liebe Jesu immer wieder neu. In jeder Eucharistiefeier empfangen wir sie. Aber auch an anderen Punkten unseres Lebens. Sie ist nicht in erster Linie eine Aufgabe oder Pflicht, hinter der wir zurückbleiben. Die Liebe ist Gabe unseres Herrn, die uns als Geschenk anvertraut wird, um sie zu leben. So wird sie zur Verantwortung.

Liebe hat so viele verschiedene Eigenschaften: Sie verändert den Blickwinkel, weckt das Interesse an Neuem, macht offener, verstärkt die Toleranz, stellt die eigene Person in den Hintergrund, hilft, stützt, tröstet, verbindet und noch vieles mehr.

Auch eine Gemeinschaft basiert auf Liebe: entweder der Liebe von Menschen zueinander oder der Liebe zu einer gemeinsamen Sache. So sind wir Christen verschieden in Alter, Bildung und Lebenserfahrung, aber die Liebe zu Jesus und Gott haben wir alle gemeinsam.

Jesus glaubt so unbedingt, dass Gott ihn lieb hat, dass er diesen Glauben um keinen Preis widerruft. Es hätte ihm vor Gericht das Leben gerettet, wenn er seine Botschaft von Gott zurückgenommen hätte. Aber diese Botschaft, dass Gott jeden unbedingt liebt, genau das widerruft er nicht, weil er damit Gott der Lüge strafen würde. Denn wenn Gott der Liebende ist, dann bleibt er es auch dort, wo ich ihn als den Liebenden vielleicht gar nicht mehr erkennen kann. Ja: Er wird es dort am meisten sein, wo ich es am allermeisten brauche. Deshalb flieht Jesus vor dem Kreuz nicht, weil er der Liebe traut. Darum leuchtet ausgerechnet durch sein Sterben auf, was sein Geheimnis ausmacht: das Vertrauen in Gott, das so unbedingt ist, dass es sich seinerseits gar nicht anders äußern kann als dadurch, dass er Gott lieb hat.

Zu den Grundeinstellungen des Menschen gehören die Nächstenliebe und die Selbstliebe. Jesus fordert uns auf, seinem Beispiel zu folgen. Nehmen wir uns deshalb jeden Tag ein wenig Zeit, dies zu tun. Dabei dürfen wir uns selbst aber nicht außer Acht lassen. Den Nächsten lieben funktioniert nämlich nur dann, wenn ich mich selbst annehmen kann. Ich muss mein eigenes Dasein gutheißen, um jemand anderem sagen zu können: Es ist gut, dass du bist.

Dabei sollte ich aber immer darauf achten, dass ich mich nicht zu schnell und zu gern mit Kleinerem zufrieden gebe: Liebe und Liebe nämlich sind zweierlei; ich muss also  genau hinsehen, was wirklich Liebe ist und was nicht. Wir dürfen größer von uns denken – und von Gott. (Pastoralreferentin Luise Gruender)

Redakteur:  Luise Gruender

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