Kirche und Welt

Mittwoch, 12. Februar 2020

Wir müssen reden

Wie die Kirche die Erschütterung nach der Wahl in Thüringen deutet – und was sie jetzt vorschlägt

Thomas L. Kemmerich (FDP) löste mit seiner Kandidatur zum thüringischen Ministerpräsidenten ein politisches Erdbeben aus. (Foto: actionpress)

Der Erfurter Bischof Ulrich Neymeyr und Claudio Kullmann vom Katholischen Büro sind überzeugt, dass die Kirche dazu beitragen kann, damit die Gesellschaft nicht auseinanderbricht.

Claudio Kullmann ist überzeugt davon, dass man als Christ nicht unpolitisch sein kann. Er sagt: „Die Botschaft Jesu fordert uns immer wieder aufs Neue heraus, Antworten auf die drängenden Fragen der Zeit zu formulieren.“ Kullmann leitet das Katholische Büro in Erfurt, er vertritt die Kirche gegenüber der Thüringer Politik – und drängende Fragen gibt es in der Politik gerade zuhauf. Denn der FDP-Politiker Thomas Kemmerich ist mit den Stimmen der AfD zum Thüringer Ministerpräsidenten gewählt worden; mit den Stimmen des Landesverbandes von Björn Höcke, der laut Gerichtsurteil als Faschist bezeichnet werden darf. Wie sehr diese Wahl die Politik erschüttert, zeigt Annegret Kramp-Karrenbauers Rückzug vom Bundesvorsitz der CDU. Vieles ist unklar: Wie können in zunehmend zersplitterten Parlamenten Koalitionen entstehen? Wer soll mit wem zusammenarbeiten – und wo sind Grenzen?
Und wie kann jeder von uns dazu beitragen, dass das Gesprächsklima im
Land wieder milder wird?

Ein guter Anfang: sich nicht über den Nächsten zu erheben

Der Erfurter Bischof Ulrich Neymeyr sagt: „In Thüringen ist viel politisches Vertrauen verloren gegangen, zwischen den Politikern im Landtag untereinander genauso wie zwischen Bürgern und Politik andererseits.“ Immerhin hätten „die heftigen Reaktionen in allen demokratischen
Parteien und der Zivilgesellschaft klargemacht, dass ein Paktieren mit der
Rechten, bewusst verabredet oder billigend in Kauf genommen, von der überwältigenden Mehrheit in unserem Land nicht geduldet wird“.
Dennoch werden die Debatten hitziger. Bischof Neymeyr sagt: „Ein guter Anfang
wäre, den Nächsten bewusster als Mensch wahrzunehmen und sich nicht über ihn erheben zu wollen.“ Kullmann, der Leiter des Katholischen Büros in Erfurt, regt an: „Vielleicht müssen wir auch wieder neu entdecken, direkter miteinander zu kommunizieren und uns mit anderen Meinungen zu konfrontieren.“ Dabei kann die Kirche helfen. Bischof Neymeyr sagt, mit ihren politischen Bildungsveranstaltungen könne sie dazu beitragen, demokratische Prozesse einzuüben. Er stellt klar, die Kirche habe immer mit AfD-Anhängern gesprochen und werde das auch weiterhin tun. Kullmann fügt hinzu, AfD-Anhänger seien mit ihren Fragen und Sorgen in kirchlichen Räumen willkommen, wenn sie die grundlegenden Regeln des freien und respektvollen Austausches akzeptierten: „Das heißt aber noch lange nicht, dass wir AfD-Funktionären eine Bühne bieten müssten. Das machen wir auch nicht.“ Er hält es für falsch, dass manch einer die AfD und die Linkspartei als rechte und linke Extremisten gewissermaßengleichsetzt. Er betont: „Wir wenden unsgegen jede Form von Extremismus, von links, von rechts, im Namen einer Religion.“ Kullmann sagt aber auch: „Dass die Linkspartei sich in Thüringen extremistisch verhalten würde, davon merke ich nicht viel. Dass wir derzeit ein deutlich größeres Problem mit Rechtsextremismus haben, kann wohl keiner abstreiten.“

Redakteur:  Andreas Lesch

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