KEB

Mittwoch, 29. Juni 2022

„Ich muss raus aus dieser Kirche – weil ich Mensch bleiben will“

Gedanken zum Buch des ehemaligen Generalvikars Andreas Sturm

„Was??? Dieses Buch liest du?“ – Diesen Satz hörte ich des Öfteren, als ich erzählte, dass ich das Buch von Andreas Sturm in der Dorfbuchhandlung meines Vertrauens bestellt hatte. Die Irritation meiner Gesprächspartner*innen war deutlich zu spüren.

Dabei weiß ich gar nicht, wieso. Nur, weil ich das Buch lese bzw. inzwischen gelesen habe, bin ich ja noch nicht aus der Kirche ausgetreten oder vom Glauben abgefallen. Ich finde es immer spannend, wie allein die Beschäftigung mit Konfliktthemen bei manchen Menschen Stress auslöst. Dabei gehört es zum Handwerkszeug der Geisteswissenschaft, Texte zunächst ergebnisoffen und unvoreingenommen zu lesen und zu analysieren – zumindest im Ideal. Wie auch immer – speziell von der Lektüre dieses Buches habe ich mir erwartet, dass ich die Genese der Entscheidung Andreas Sturms erfahre und seinen Entschluss dadurch besser einordnen kann. Diese Erwartung wurde nicht enttäuscht und ich kann bereits vorneweg sagen, dass ich froh bin, das Buch gelesen zu haben.

Im „Dialog“ nach David Bohm würde man davon sprechen, dass es wichtig ist, bei Aussagen oder Erklärungen „die Wurzeln dranzulassen“ – das ist eine der dialogischen Kompetenzen. Gemeint ist damit: „Mache deinem Gegenüber die Ursprünge deiner Gedanken und Gefühle zugänglich.“ Andreas Sturm tut das mit seinem Buch. Auf etwa 190 Seiten erfährt man von seiner katholischen Sozialisation, seiner Entfremdung, seinem Blick auf die Kernthemen kirchlicher Debatten…

Freilich muss man zunächst den Buchdeckel überwinden, der mit seinem provokanten Titel in fetten, rot-schwarz gefärbten Lettern mehr nach Angriff und Abrechnung als persönlicher Reflexion ausschaut. Dazu kommt der Zeitpunkt der Veröffentlichung kurz nach Bekanntwerden des Rück- und Austritts. Viele fanden das ungeschickt – oder sagen wir es ehrlich: völlig daneben. „Wie kann man so nachtreten?“, „Man beißt nicht die Hand, die einen jahrelang gefüttert hat!“, „Was soll diese Abrechnung am Ende? Das ist kein guter Stil!“, waren nur einige Sätze, die ich in diesem Zusammenhang gehört habe. Darauf angesprochen erklärt Andreas Sturm in unzähligen Interviews, es handle sich um eine persönliche Reflexion, die aus Tagebucheinträgen entstanden ist, nicht um eine Abrechnung. Er wolle das Buch jetzt veröffentlichen, um endgültig abschließen zu können, um nicht in einem halben Jahr wieder Unruhe zu stiften. Und er wolle nicht noch monatelang der sein, der Ratschläge gibt, nicht von seinem alten Bistum lassen und sich seiner neuen Aufgabe darum nicht vollkommen widmen kann. Ob diese Erklärung ausreicht, muss jede*r für sich entscheiden. Mir genügt sie und ich kann seine Entscheidung nachvollziehen – auch wenn ich über den Titel des Buches noch eine Runde nachgedacht hätte. Vielleicht hätte ein nicht ganz so provokanter Titel mit schlichterem Layout weniger Wasser auf die Mühlen derer gegossen, die ohnehin schon gegen Andreas Sturm wettern, und das Buch hätte womöglich noch manche*n Lesende*n dazugewonnen – oder auch nicht, weil er dann „langweiliger“ gewesen wäre. Man weiß es nicht…

Hat man jedenfalls den Buchdeckel überwunden, findet man – nach den obligatorischen Titelseiten – zunächst das Inhaltsverzeichnis, das die fünf Kapitel mit ihren jeweiligen Unterkapiteln auflistet. Bereits hier zeigt sich, wie ich finde, dass das Buch Tagebucheinträge aufgreift, denn die Überschriften sind recht locker formuliert.

Dem eigentlichen Textteil ist Sturms Primizspruch vorangestellt: „Gott ist Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm.“ (1 Joh 4,16) Wer weiß, dass Sturm bereits bei seinen Aussagen zur Segnung gleichgeschlechtlicher Beziehungen ein großes Medienecho ausgelöst hat, der wird sich kaum wundern, dass er sein Buch unter dieses Leitwort stellt. Bereits damals hatte er gezeigt, dass die Liebe zweier Menschen für ihn ausschlaggebend ist, ihnen Segen zuzusprechen. Diese offene Haltung zeigt sich auch in seinen Stellungnahmen zur Aktion #OutInChurch und wird in seinem Buch vielfach wieder aufgegriffen.

Jetzt wäre es an der Zeit, auf den Inhalt des Buches einzugehen. Dies möchte ich nur anhand einiger weniger Schlaglichter und Gedanken tun, die mir dazu gekommen sind – alles andere kann nur die eigene Lektüre leisten.

Andreas Sturm schildert in seinem Buch viele persönliche Erfahrungen und Erlebnisse beginnend in seiner Kindheit. Oft werden daran Phänomene wie „Machtmissbrauch“, „Gnadenlosigkeit“, „Weltfremdheit“, „Opportunismus“, „Diskriminierung“ deutlich. Auch wenn sicher nicht jede*r genau diese Dinge erlebt hat, bin ich recht sicher, dass die Mehrheit derer, die sich in der Kirche engagieren, in ihr leben und/oder arbeiten, mit diesen Phänomenen in Berührung gekommen ist. „Aber das gibt es in der Gesellschaft auch an anderer Stelle!“, höre ich manche*n nun entgegnen. – Das ist absolut richtig. Aber, dass es an anderer Stelle auch so ist, macht die Sache selbst ja nicht besser. Auch in anderen Bereichen werden diese Dinge – bestenfalls – beim Namen genannt und jede*r ist dazu aufgerufen zu überlegen, ob er*sie das mit sich machen lassen möchte und ob die guten Erlebnisse das Schlechte noch aufwiegen können.

Andreas Sturm zeigt in seinem Buch, dass er viele Fronten sieht, an denen die Kirche kämpft. Nicht nur das immer klarer werdende Ausmaß des sexuelle Missbrauchs hat ihn dabei an seine Grenzen gebracht, sondern auch viele andere Themen der Kirche, die berühmten „heißen Eisen“ – die für ihn inzwischen längst kalt geworden sind. Kalt sind sie seiner Meinung nach deshalb, weil sie gesellschaftlich inzwischen vollkommen irrelevant geworden sind und kaum einer mehr versteht, woran sich die Kirche eigentlich abarbeitet. In einem großen Teil (ab Seite 59) denkt er über den Zölibat, den Umgang mit Homosexualität, das Stützen eines „kranken“ Systems, Loyalitäten, Macht, die reiche Kirche, priesterliche Unantastbarkeit, Liturgie, den rauen Umgangston sowie die Kluft zwischen Pfarrei und Weltkirche nach. Er zeigt auf, dass er in vielen Punkten Parallelwelten erlebt hat: zwischen dem, was er denkt und fühlt, und dem, was er nach außen in seiner Position vertreten musste; zwischen dem, was Gutes in der Pfarrei läuft, und dem, was weltkirchlich gesehen doch nicht umgesetzt werden kann; zwischen dem, was die frohe Botschaft an Potential mit sich bringt, und dem, was die Kirche nach außen widerspiegelt.

Sturms Schilderungen werfen, alle zusammengenommen, einen schonungslosen Blick auf die Kirche. Dieser Blick ist für ihn nicht immer einfach, denn – so gibt er an vielen Stellen zu – er war oft auch nicht mutig, hat nichts gegen das Unrecht unternommen, sondern mitgemacht. Seine Konsequenzen zieht er trotzdem, er verlässt die römisch-katholische Kirche. Daran kann auch der Synodale Weg nichts ändern, der für viele noch voller Hoffnungen steckt. Für Sturm ist die Lage hoffnungslos. Er sieht, dass die Themen seit der Würzburger Synode vor 50 Jahren noch immer dieselben geblieben sind und fragt nicht mehr „was wird Rom zulassen?“ sondern nur noch „wer fängt die Enttäuschung und die Enttäuschten auf?“ (Seite 61). Zu oft hat er gesehen, wie neue Ansätze aufkeimten und bald wieder in römischen – oder anderen, von Klerikalismus, Traditionalismus, … geprägten – Schubladen verschwanden. Immer mehr hatte er den Eindruck, sich in seinem Amt verstellen zu müssen, nicht vollumfänglich zu seinen Überzeugungen stehen zu können und schließlich Zuversicht verbreiten zu müssen, die er selbst gar nicht mehr hat. Schon in seinem ersten Kapitel schreibt er: „Das konnte ich persönlich nicht mehr. Andere mögen für sich zu anderen Konsequenzen kommen“ (Seite 13). Ich meine, dieser Satz zeigt die Stärke des Buches auf: Sturm spannt durch seine Offenheit einen Erfahrungshorizont auf, in den sich der*die Lesende mit seinen eigenen Erlebnissen einordnen kann. Er tut dies, ohne einen Appell zu formulieren. Er ruft nicht zum Austreten auf, sondern bleibt bei sich und seiner persönlichen Entscheidung. Jede*r, der*die das Buch liest, kann zu einem völlig anderen Ergebnis kommen.

Andreas Sturm sagt offen und ehrlich, dass ihm die Kraft ausgegangen ist, dass er die Hoffnung auf eine Wendung in der Kirche verloren hat – und dass er gehen muss, wenn er seinen Glauben retten und Mensch bleiben will. Er ist dabei sicher kein Heiliger – das gibt er selbst an vielen Stellen zu. Und dennoch finde ich seine Erkenntnis und sein Eingeständnis ehrlich und mutig.

Allen, die sich – mit dem oder ohne das Buch Andreas Sturms – Gedanken um sich und die Kirche machen, wünsche ich daher, dass sie genauso ehrlich und mutig sein können – ganz egal, ob sie am Ende gehen oder bleiben!
 

Sonja Haub
Bildungsreferentin Katholische Erwachsenenbildung Pfalz
 

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