Redaktion der pilger

Mittwoch, 22. Dezember 2021

„Schließe dies fest in Deinem Glauben ein“

Weihnachtskrippe im Speyerer Dom: Maria, Josef und das göttliche Kind. (Foto: Karl Hoffmann/Domkapitel)

Weihnachtsgruß von Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann

Es gibt Musik, die hat die geheimnisvolle Kraft, uns Glaubens- und Festgeheimnisse im Gemüt unmittelbar gegenwärtig werden zu lassen. So ergeht es mir seit frühen Zeiten mit dem Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach. Schon wenn die ersten Takte mit den Pauken und Trompetenklängen ertönen, weiß das Herz: Jetzt ist Weihnachten, das wunderbare Fest der unendlichen Liebe Gottes zu unserer Welt, die geheimnisvolle Feier der Geburt unseres Erlösers. Was für eine Kraft geht auch und gerade in schweren Zeiten von diesem Meisterwerk der Musik aus, in dem der Thomaskantor die ganze Weihnachtserzählung – vom Befehl des Kaisers Augustus bis zur Anbetung der Sterndeuter – in sechs großartigen Teilen in die Sprache der Musik übersetzt und zugleich sein persönliches Glaubensbekenntnis an den Mensch gewordenen Gott abgelegt hat.

Dabei berühren mich neben den festlichen Eingangschören, den schlichten Rezitativen und den eingängigen Chorälen besonders die innigen Arien, die dem Zuhörer helfen sollen, sich mit Geist, Herz und Gemüt die biblische Botschaft persönlich immer tiefer anzueignen. Eine der zwölf Arien bewegt mich jedes Mal ganz besonders: die wunderbare, nur von ganz wenigen Instrumenten begleitete und damit umso innigere Alt-Arie „Schließe, mein Herze“. Sie folgt auf jene Stelle im Lukas-Evangelium, in der es heißt: „Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen“ (Lk 2,19). Was zuvor nur von Maria gesagt wird, soll nun zur inneren Haltung aller werden, die die Weihnachtserzählung hören: „Schließe, mein Herze, dies selige Wunder fest in deinem Glauben ein! Lasse dies Wunder, die göttlichen Werke, immer zur Stärke deines schwachen Glaubens sein!“

Die Offenheit Mariens für das Geheimnis der Menschwerdung und ihr tiefer Glaube, die aus diesen Zeilen spürbar werden, spiegeln sich in vielen Krippendarstellungen wider, so auch in der großen Krippe des Speyerer Doms. Dort ist Maria zu sehen, wie sie ganz nahe an der Futterkrippe sitzt, so dass das Kind in der Krippe und seine Mutter geradezu miteinander verschmelzen. Die Körperhaltung und die halbgeschlossenen Augen Mariens sind ganz auf das göttliche Kind ausgerichtet. Ihre geöffneten Hände hält sie dem Neugeborenen entgegen – um ihn zu schützen und zugleich um von ihm Rettung und Heil zu empfangen, wie es die Hirten gesagt haben. All das macht spürbar, wie sehr Maria vom Wunder der Geburt ihres Sohnes, in dem Gott selbst Mensch geworden ist, ergriffen ist. Und wie sehr sie dieses tiefe Glück festhalten will, das ihr in jener Nacht im Stall von Bethlehem geschenkt worden ist.

„Schließe, mein Herze, dies selige Wunder fest in deinem Glauben ein!“ Darauf kommt es an Weihnachten an: Dass wir – wie Maria – das, was wir in den vielen Weihnachtsliedern besingen und in unseren Krippen bildlich darstellen, ganz tief in unser Herz, in unser Innerstes, in unser Leben aufnehmen. Dass die harten Erfahrungen und Widernisse des Lebens uns nicht verschließen gegenüber der wunderbaren Botschaft von Weihnachten, sondern dass wir die göttliche Bejahung des Lebens, die wir feiern, ganz fest in unserem Glauben einschließen, damit diese Verbindung zu Gott zum tragenden Fundament unseres ganzen Lebens werden kann.

Beim Evangelisten Lukas heißt es, dass Maria die Worte der Hirten in ihrem Herzen erwog bzw. bewegte. Das griechische Wort, das hier im Originaltext steht, meint wörtlich „zusammenfügen“ oder „zusammenwerfen“. Damit lässt sich das Gemeinte noch treffender beschreiben: Maria bringt in der Stille ihres Herzens das, was in der Heiligen Nacht geschehen ist, mit ihrem Leben zusammen: Sie wirft es – tief im Herzen erwägend – zusammen in die eine Waagschale des Lebens. Sie setzt die wunderbare Botschaft der Engel und Hirten mit ihrem eigenen schlichten Leben so in Beziehung, dass sich für sie ein neues größeres Ganzes zeigt, ein neuer, erlöster „Lebensentwurf“, für den ihr Gott die Augen öffnet. Auf diese Weise kann sich in ihr das vollziehen, was die Kirchenväter „sacrum commercium“, einen wunderbaren Tausch bzw. einen „fröhlichen Wechsel“ (Martin Luther) genannt haben: Gott ist Mensch geworden, damit wir Menschen Anteil am Leben Gottes gewinnen. Er hat sich auf unser oft so armseliges Leben eingelassen, damit wir das Leben in Fülle haben. Er ist im schwachen Kind von Bethlehem erschienen, damit uns durch ihn Zuversicht und Stärke zuteilwird. So wie es in der zweiten Zeile unserer Arie aus dem Weihnachtsoratorium heißt: „Lasse dies Wunder, die göttlichen Werke, immer zur Stärke deines schwachen Glaubens sein!“

Gerade in diesem Jahr, in dem uns die Pandemie zum zweiten Mal dazu zwingt, das fröhliche Fest stiller, schlichter und, gerade für die Familien so schmerzlich, auf Distanz und mit vielerlei Beschränkungen zu feiern, kann und will uns die Weihnachtsbotschaft besonders nahekommen und ins Herz treffen, um unser Leben von innen heraus zu verwandeln. Auch wir sollen das, was uns derzeit bewegt, und die Weihnachtsbotschaft „zusammenwerfen“, damit sich beides gegenseitig durchdringt und sich so auch in uns ein wunderbarer Tausch vollzieht: die Ängste um erkrankte Angehörige und Freunde, um die eigene Gesundheit, um die Zukunft vor allem unserer Kinder und Enkelkinder, um das wirtschaftliche Überleben – und die Botschaft des Engels: „Fürchtet euch nicht!“ Die Trauer um die inzwischen über 100 000 Toten und die Überforderung der Ärzte und Pflegenden, die tagtäglich an ihre Grenzen stoßen – und die Zusage, dass Gott eine „große Freude“ für uns bereithält. Die heftigen Diskussionen um angemessene Maßnahmen der Pandemiebekämpfung mitsamt der zunehmenden Spannungen und Spaltungen in unserer Gesellschaft – und das Lied des himmlischen Engelsheeres: „Friede auf Erden“. Beides scheint sich auf den ersten Blick gegenseitig auszuschließen.

Das Zusammenbringen dieser so unterschiedlichen Welten mutet zu einfach, zu schlicht gedacht, weltfremd an. Und doch offenbart genau diese Spannung, dieser „große Wurf“ das unglaubliche Geheimnis des Weihnachtsfestes, in dem Gott selbst ganz real als Mensch unter Menschen sich in unsere Welt hinein entäußert, um beides wieder zusammenzufügen und den Himmel offen zu halten gerade dort, wo das Elend am größten ist. Und so will er uns ermutigen, beides, die Not der Welt und die erlösende Botschaft, in unseren Herzen zu bewegen und von Gott so zusammenfügen lassen, dass unser Leben trotz aller Sorgen und Ängste durch die Feier der Menschwerdung Gottes von Freude und Hoffnung umfangen und durchdrungen ist. Dann zünden wir nicht nur Kerzen an unseren Weihnachtsbäumen an, dann werden wir selber zum „Licht der Welt“ (Mt 5,14).

So wünsche ich Ihnen allen ein gesegnetes und von stiller Zuversicht und Freude geprägtes Weihnachtsfest!

Ihr Bischof
+ Dr. Karl-Heinz Wiesemann

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