Redaktion der pilger

Mittwoch, 17. August 2022

Mut zur Transparenz

Yvette Gerner, Intendantin von Radio Bremen, in ihrem Büro im vierten Stock des Funkhauses. (Foto: Christof Haverkamp)

Die Chefin von Radio Bremen hält viel vom Dialog – im Beruf wie in der Kirche

Yvette Gerner ist die erste Frau an der Spitze von Radio Bremen und macht kein Geheimnis daraus, dass sie katholisch ist. Sie wünscht sich eine Kirche, die sich den Fragen der heutigen Zeit stellt, neugierig ist und veränderungsbereit.

Jeder Kontakt zu den Katholiken wird genau beobachtet. Das weiß Yvette Gerner. Egal, ob sie eine Gastpredigt hält oder beim Stadtpastoraltag mitdiskutiert. Aber Kritik daran hält sie aus. „Manche Leute fordern von mir eine absolute Neutralität, die kann es aber gar nicht geben. Es gibt nur eine hohe Form der Transparenz, und die beginnt bei mir selbst – dass ich mir bewusstmache, wofür ich stehe. Ich bin katholisch, aber auch sehr kritisch mit der Amtskirche – insbesondere, was die Missbrauchsvorfälle angeht.“
Yvette Gerner ist seit 2019 Intendantin von Radio Bremen, die erste Frau an der Spitze des öffentlich-rechtlichen Senders. Und sie steht dazu, dass sie Katholikin ist. Deshalb hat sie zum Beispiel das Angebot wahrgenommen, sich an einer Fastenpredigtreihe in der Innenstadtkirche St. Johann zu beteiligen. Sie kommt gern mit unterschiedlichen Menschen ins Gespräch. In dem Fall „fand ich es schon fast mutig, mich einzuladen“, sagt sie. „Der Propst wusste ja, dass er meine Predigt nicht kontrollieren kann. Über diese Offenheit habe ich mich gefreut und praktiziere sie auch meinerseits.“

In Speyer war sie die erste Obermessdienerin
Dennoch wägt die 55-Jährige sorgfältig ab, in welcher Rolle sie gerade spricht. „Als Intendantin ist mein Verhältnis zur katholischen Kirche differenzierter. Dienstlich ist die Spannbreite einfach breiter – sie reicht von kritischer, investigativer Berichterstattung, klarer, kommentierender Haltung bis zum Dialog hier vor Ort und dem Austausch mit den Gremienvertreterinnen und -vertretern.“

Aufgewachsen in Speyer, wusste sich Yvette Gerner schon früh durchzusetzen. Sie wollte wie ihre Brüder in der Klosterkirche ministrieren. Die Ordensfrauen erlaubten das nicht. Also wurde das Thema am Familientisch diskutiert. Mit dem Ergebnis, „dass wir alle in die Nachbargemeinde gewechselt sind, wo auch Mädchen ministrieren durften“. Gerner wurde Obermessdienerin, die erste in Speyer, und später Sakristanin im Kaiserdom, weil sie sich so gut auskannte.  

Wenn Liberale gehen,bleiben nur Konservative
Viel Zeit verbrachte sie damals auch in der Katholischen Jungen Gemeinde (KJG). „Wir haben stundenlang über Frauen in der Kirche, die Friedensbewegung, den Glauben, unsere Lebenspläne diskutiert und gestritten, oft gemeinsam mit den Jugendlichen von der gegenüberliegenden evangelischen Gemeinde.“ Dieser Geist des kritischen Dialogs, betont Gerner, habe sie geprägt und halte sie in der Amtskirche – noch. Fürs Bleiben gibt es wenig rationale Gründe. „Wenn immer mehr liberale Christen wie ich die Kirche verlassen, bleiben doch nur die Konservativen.“

Ein wertschätzender Dialog, basierend auf dem Verständnis, dass auch der oder die andere Recht haben könnte, ist der Chefin von Radio Bremen wichtig. Zumal das heute, wie sie sagt, nicht mehr selbstverständlich sei. Es gebe eine Freude an heftiger Kritik bis hin zur Zerstörung. Gerner glaubt, dass Medien und Kirche durchaus in ähnlichen Themen unterwegs sind und zu den Institutionen zählen, die Bindungen stärken und das Gemeinwohl unterstützen können.

Aber taugt die katholische Kirche noch als gesellschaftliche Mitspielerin, als Klebstoff, der die Gemeinschaft zusammenhält? Yvette Gerner überlegt. „Als Privatperson möchte ich die Hoffnung nicht aufgeben, aber ich glaube, es wird schwierig. Es steht und fällt damit, ob sich die Kirche den Fragen der heutigen Zeit stellt.“ Dazu, so hatte sie es auch in ihrer Fastenpredigt formuliert, müsse sie neugierig sein und veränderungsbereit, ausgestattet mit einer offenen Fehlerkultur, Transparenz und einem modernen Management.

„Mut zur Transparenz kann ich nur empfehlen“, sagt sie und erzählt, wie sie mit Kritik umgeht. Manchmal greift sie einfach zum Telefonhörer und ruft jemanden an, der sich zuvor schriftlich mit drastischen Worten beschwert hatte. „Es ist nicht so, dass ich mich auf solche Gespräche freue. Aber in der Regel sind sie total anständig.“ Dem anderen zuhören, nicht, um Einigkeit herzustellen, sondern um miteinander im Gespräch zu bleiben – darauf legt sie Wert.

Spielräume für Frauen sollten besser genutzt werden
Das Amt der Intendantin ist nicht die erste Führungsposition der Journalistin. Nach ihrem Studium der Politikwissenschaften, Germanistik und Slawistik, nach Promotion und verschiedenen beruflichen Stationen war sie unter anderem stellvertretende Leiterin des ZDF-Auslandsjournals und zuletzt Chefin vom Dienst in der Chefredaktion des ZDF. Wie geht sie mit Macht um?

Yvette Gerner lächelt, lehnt sich zurück am großen Tisch in ihrem rundum verglasten Büro und sagt: „Wer flexibel und innovativ arbeiten will, darf nicht zu machtorientiert sein, sollte sein Handeln reflektieren und sich nicht zu ernst nehmen.“ Rein formal trägt Gerner die Gesamtverantwortung für Radio Bremen, hält aber viel von Mitsprache.

Sie rät, Spielräume für Frauen innerhalb der Kirche sowohl im Geistlichen als auch bei der Besetzung von Toppositionen innerhalb der Administration mutiger auszunutzen. Sie selbst hat gute Erfahrungen gemacht mit gemischten Führungsteams: „Die tun der Unternehmenskultur gut.“ (Anja Sabel)

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