Redaktion der pilger

Mittwoch, 07. September 2022

Vertrauensverhältnis zerstört

Die Unabhängige Aufarbeitungskommission möchte sich nun vor allem wieder der bereits geplanten wissenschaftlichen Missbrauchsstudie widmen. (Foto: mnirat/AdobeStock)

Vorsitzender der Unabhängigen Aufarbeitungskommission des Bistums Speyer tritt aus dem Gremium aus

Vor gut einem Jahr hat die Unabhängige Aufarbeitungskommission des Bistums Speyer (UAK) ihre Arbeit aufgenommen. Zu ihren Aufgaben zählen unter anderem die quantitative Erhebung des sexuellen Missbrauchs in der Diözese, die Untersuchung des administrativen Umgangs mit Täter und Betroffenen sowie die Identifikation von Strukturen, die sexuellen Missbrauch ermöglicht, erleichtert oder dessen Aufdeckung erschwert haben. Aus ihren Reihen wählte die UAK im Juli 2021 Bernhard Scholten zu ihrem Vorsitzenden.

Gerade einmal 13 Monate später, am 18. August, hat der Ministerialdirigent a.D. im rheinland-pfälzischen Sozialministerium sein Amt zur Verfügung gestellt und seine Mitgliedschaft in dem siebenköpfigen Gremium beendet. Nachfolgerin ist die bisherige Stellvertreterin Scholtens, Mareike Ott. Ihrer Wahl am 19. August seien kontroverse Diskussionen über den Umgang mit der Thematik „Missbrauch“ und der Arbeitsweise der Kommission vorausgegangen, heißt es in einer Pressemitteilung der UAK vom 31. August. „Dabei wurden unterschiedliche Einschätzungen zwischen dem ehemaligen Vorsitzenden Bernhard Scholten auf der einen und den weiteren Mitgliedern der Kommission auf der anderen Seite offensichtlich.“

Hintergrund sind Vorwürfe gegen die Person Bernhard Scholtens und ihre Aufklärung, über die wochenlang gerungen wurde. Eine ehemalige Patientin beschuldigt ihn, sie in seiner Zeit als Psychologe an der Pfalzklinik in Klingenmünster in den 1980er Jahren sexuell missbraucht zu haben. Scholten war in den Fall der Frau involviert, die nach ihrer Aussage mit richterlichem Beschluss in die Klinik eingewiesen wurde. „Sie behauptet, ich bin für ihr verpfuschtes Leben verantwortlich, weil ich aus ihrer Sicht die Unterbringung veranlasst habe“, so Scholten gegenüber dem „Pilger“. In einem Brief an den ehemaligen Ministerialdirigenten bezichtigt sie ihn vage und indirekt der Vergewaltigung und fordert ihn auf, seinen Posten als UAK-Vorsitzender zu räumen. Mittlerweile hat die Frau den Vergewaltigungsvorwurf aufgrund eines von dem Beschuldigten eingeschalteten Anwalts widerrufen.  

Über die Vorwürfe der ehemaligen Patientin gegen ihn hat Bernhard Scholten die UAK Speyer Mitte Mai in Kenntnis gesetzt. Seit dem 15. Juni ließ er seine Amtsgeschäfte ruhen bis die Anschuldigungen ausgeräumt sind. Nach Angaben von Mareike Ott sei die UAK mit Bernhard Scholten überein gekommen, sich der Angelegenheit intern zu widmen. Zu diesem Zweck sollte zunächst einmal Kontakt mit der Frau aufgenommen und danach die weitere Vorgehensweise gemeinsam mit Bernhard Scholten beraten werden. Dieser habe sich jedoch über die Vereinbarung hinweggesetzt und stattdessen unter anderem die Deutsche Bischofskonferenz (DBK), die Deutsche Ordensoberenkonferenz und die Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs der Bundesregierung über die Vorwürfe seiner ehemaligen Patientin informiert.

Die UAK und der Betroffenenbeirat werten diese Vorgehensweise als Machtmissbrauch und forderten Scholten dazu auf, von seinem Amt zurückzutreten. „Er hat den Sachverhalt entgegen der Absprache öffentlich gemacht ohne Rücksicht auf den Persönlichkeitsschutz der Betroffenen“, kritisiert Bernd Held, Sprecher des Betroffenenbeirats im Bistum Speyer und UAK-Mitglied. Aufgrund dieses Vertrauensbruchs gebe es keine Basis der Zusammenarbeit mehr.

Scholten verteidigt seine Vorgehensweise. Er habe verhindern wollen, dass diese Gesprächspartner, mit denen er zusammengearbeitet habe, von Dritten von den Anschuldigungen erfahren, teilte er auf „Pilger“-Anfrage mit. Und er spricht von Enttäuschung und einem Vertrauensbruch ihm gegenüber. Denn es gebe im Bistum keine Anzeichen, dem Sachverhalt nachzugehen. Er selbst habe vorgeschlagen, eine unabhängige Institution einzurichten, die sich der Angelegenheit annehme. Denn bislang fehle ein geordnetes Verfahren, wie solche Vorhaltungen, die auch andere UAK-Mitglieder treffen können, zu überprüfen und zu bewerten sind.

In einem Schreiben dankte Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann Bernhard Scholten für seine geleistete Arbeit und würdigte seinen Entschluss, die Aufarbeitungskommission zu verlassen. „Damit ermöglichen Sie, dass die UAK ihre Aufgabe unbeschadet fortsetzen kann.“ Gleichzeitig stellte der Bischof klar, „dass es uns als Bistum Speyer nicht möglich ist, die gegen Sie erhobenen Vorwürfe einer inhaltlichen Überprüfung zuzuführen, denn es handelt sich um mutmaßliche Vorgänge, die in keinem Zusammenhang mit dem Bistum oder seinen Gliederungen stehen, sondern betreffen Zeiten Ihres Einsatzes im Dienst des Landes Rheinland-Pfalz.“ Zudem informierte er den scheidenden UAK-Vorsitzenden, dass er ein von ihm gewünschtes bundeseinheitliches Verfahren zum Umgang mit Fallkonstellationen wie der vorliegenden bereits angeregt habe. Und er machte deutlich, dass „nicht das Vertrauensverhältnis zwischen Ihnen und dem Bistum – das aus meiner Sicht auch nicht zerrüttet ist – für die Arbeit der UAK entscheidend ist, sondern das Vertrauensverhältnis zwischen Ihnen und den Mitgliedern der Kommission und Ihnen und den Mitgliedern des Betroffenenbeirats“.

Die UAK möchte sich nun wieder ihrer inhaltlichen Arbeit zuwenden. Im Fokus steht dabei die bereits geplante wissenschaftliche Studie zum sexuellen Missbrauch in Einrichtungen und Pfarrgemeinden innerhalb des Bistums Speyer zwischen 1945 und der Gegenwart. Dabei soll geklärt werden, wie Missbrauch möglich war, was ihn begünstigt hat und wie er so lange vertuscht werden konnte. „Wir hoffen, dass die Studie noch in diesem Jahr starten kann“, betont Mareike Ott. Auch stehe die Nachnominierung eines UAK-Mitglieds von Seiten der rheinland-pfälzischen Staatskanzlei als Nachfolger von Bernhard Scholten aus. Rechtliche Grundlage sei die gemeinsamen Erklärung der DBK und des ehemaligen Unabhängigen Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig. „Darin wurden verbindliche Kriterien und Strukturen für eine unabhängige Aufarbeitung in allen Bistümern festgelegt.“ (pede)

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