Redaktion der pilger

Montag, 05. Juli 2010

Zum Sonntagsevangelium: Für wen gehst du?

Ein Beitrag von Theo Wingerter zum Text des Lukas-Evangeliums, Kapitel 10, 1-9.

In den Erzählungen der Chassidim begegnet Rabbi Naftali von Ropschitz eines Nachts einem Wächter, der seine Runden geht. Der Rabbi fragt ihn: „Für wen gehst du?“ Der gibt ihm Antwort und fragt zurück „Und für wen geht ihr, Rabbi?“ Die 72 Jünger, die Jesus aussendet, hätten wohl geantwortet: „Wir gehen für unseren Rabbi Jesus und seine Botschaft vom Reich Gottes.“ Sie wissen, dass sie nur Boten sind, nicht selbst der Aussendende und nicht die Botschaft. Aber sie sollen vorbereiten auf den, in dessen Auftrag sie unterwegs sind. Mit ihm identifizieren sie  sich. Sein Kommen in die  einzelnen Gemeinden – die 72 Jünger stehen hier für die Gesamtheit aller Völker – sollen sie ankündigen und durch sichtbare Zeichen hinweisen, dass durch ihn die Herrschaft Gottes bereits angebrochen ist. Die Aufgabe, allen Menschen diese Botschaft zu bringen, ist zu groß für sie allein. Darum soll Gott weitere Boten und Zeugen berufen. Heute würde Jesus wohl nicht nur Männer als legitimierte Beauftragte aussenden.  

Jesus mutet den Jüngern einiges zu. „Wie Schafe unter die Wölfe“ sind sie gesandt. Sie sollen auf jede materielle und finanzielle  Sicherheit verzichten. Wehrlos und arm, ohne Vorsorge für  morgen, barfuß und somit in ihrem Leben bedroht  durch die in Palästina nicht seltenen giftigen Vipern, so machen sie sich auf den Weg. Ein solches Risiko kann nur eingehen, wer überzeugt ist, dass Jesus stärker ist als die drohenden Gefahren. Nicht durch äußere Macht können sie die Menschen für die Botschaft vom Reich Gottes gewinnen, sondern nur durch ihr überzeugendes Auftreten. Sie stehen mit ihrer ganzen Person hinter dem, was sie verkündigen. Wer so ungesichert und mittellos wie die Jünger Jesu das Reich Gottes verkündigt, versteht besser die Menschen, die arm sind in jeder Hinsicht und die vor Gott und den Menschen nichts aufzuweisen haben, weder materielle Güter noch Anse-hen, weder Macht und Einfluss noch Leistung oder psychische  oder körperliche Gesundheit.  Sie können nur sich selbst einbringen, wie sie vor Gott sind.

Eigenartig klingt die Anweisung Jesu, niemanden unterwegs zu grüßen. Die Jünger sollen sich nicht durch ein nettes Geplauder verzetteln und dabei  in die Gefahr geraten, ihren eigentlichen Auftrag und ihre Botschaft zu vergessen. Sie sollen die Menschen auf die Herrschaft  Gottes vorbereiten. Wenn sie Kranke heilen, verweisen sie auf das, was Gott mit dem Menschen beabsichtigt: die Überwindung des Leides in der Welt. Krankheit meint mehr als körperliche Gebrechen. Krank ist, wer im Innersten seiner Seele leidet und die eigene Unzulänglichkeit und das eigene Versagen schmerzvoll empfindet; krank ist, wer Angst haben muss um die eigene Zukunft, um Arbeitsplatz und Gesundheit oder um das Geschick seiner Kinder; wer Angst haben muss vor anderen Menschen, Berufskollegen oder Mitschülern, vor Konkurrenten oder Mitarbeitern; wer bangen muss um die Zukunft der Menschheit und der Erde.

Weder Jesus noch seine Jünger können alle Krankheiten heilen und alles Leid aus der Welt schaffen. Aber sie setzen Zeichen, wie die Welt nach dem Willen Gottes sein sollte und einmal sein wird. Sie machen Mut, von vorn anzufangen und sich selbst etwas zuzutrauen, die eigenen Kräfte zu mobilisieren und nicht nur auf das zu starren, was misslungen ist und misslingen kann. Sie richten Menschen auf und geben ihnen Würde auch in einem zerfallenden oder gescheiterten Leben. Sie lassen die Menschen aufrecht gehen, weil sie von Gott geliebte Geschöpfe sind und weil in Jesus das Reich Gottes bereits angebrochen ist, in dem jeder durch ihn Zukunft hat. 

Heute wie damals wird die Botschaft  einer Welt  angeboten, die nicht gesund ist und die aber trotzdem nicht auf diese Botschaft wartet, da sie zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist oder  sich selbst genügt. Heute werden die Jünger Jesu mit Fragen konfrontiert wie: Treffen mich die Spargesetze, so dass  meine finanzielle und materielle Grundlage erschüttert wird? Sind die Einsparmaßnahmen gerecht verteilt? Werde ich von heimtückischen Krankheiten und den Beschwerden des Alters verschont bleiben und auch im Krankheitsfall optimal versorgt sein oder muss ich befürchten, im Alter zu vereinsamen? Werden die Kinder einen ihnen entsprechenden Beruf ergreifen können, der ihnen ein menschenwürdiges Leben ermöglicht? Werden sie ihr Leben führen können in einer friedlichen Welt ohne Angst vor Terrorismus jeder Art? 

In eine solche Welt werden die Boten Jesu heute gesandt. Werden sie für das, was sie zu verkünden haben, Interesse finden? Was haben sie heute anzubieten? Es ist die gleiche Frohe Botschaft, mit der Jesus die 72 Jünger ausgesandt hat. Jeder Christ, der sich der Aufforderung Jesu stellt, sich an seinem Platz  als Arbeiter für die Ernte einzubringen, muss sich fragen: „Für wen gehst du?“ Wenn er für sich überzeugend – wie die Jünger – die Frage beantwortet, kann er es wagen, auf der Grundlage der Botschaft Jesu sich mit den Problemen der heutigen Zeit auseinander zu setzen und eine überzeugende Antwort zu geben. (Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Beitrag an den Autor Theo Wingerter)

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