Redaktion der pilger

Donnerstag, 02. September 2010

Pakistan: Lassen uns Flutopfer kalt?

Ausmaß der Katastrophe und Hilfsbereitschaft stehen in anderem Verhältnis als bei früheren Ereignissen

Es ist nicht zu bestreiten: Wenn die Erde wackelt oder ein Tsunami über die Küsten fegt, dann ist das gewaltig. Die Naturkatastrophen liefern spektakuläre Bilder, denen sich kein Medium entziehen kann. Sie rasen um die Welt, lösen große Betroffenheit und in direkter Verbindung mit dem verursachten menschlichen Leid riesige Spendenbereitschaft aus. So war es bei der Flutwelle, die Südostasien überrollte. So war es, als in Haiti der Boden bebte. 

Aber so ist es nicht in Pakistan, wo mehr als 20 Millionen Menschen mit den katastrophalen Folgen einer Überschwemmung kämpfen, Haus und Hof verloren haben, die ohnehin minimale Infrastruktur komplett zusammen gebrochen ist, Seuchen hinter jedem Baum lauern und 3,5 Millionen Kinder in akuter Lebensgefahr schweben. Es hat sehr lange gedauert, bis das Leid in Pakistan überhaupt den Weg in den Nachrichten gefunden hat. Nach wie vor ist die Berichterstattung dürftig. Von Sondersendungen oder gar spontan organisierten Spendenaktionen mit Prominentenaufmarsch kann keine Rede sein. Das Ausmaß der Katastrophe und die auch öffentlich organisierte Hilfsbereitschaft stehen diesmal in einem völlig anderen Verhältnis zueinander als sonst.

Bei der Suche nach Gründen dafür wird man schnell fündig. Pakistan ist zwar nicht weiter von uns weg als andere Katastrophengebiete. Aber es hat schlicht und ergreifend ein ganz mieses Image. Der Staat gilt als völlig korrupt und ist es wohl auch. Wenn die Bundesregierung davon spricht, dass man bei den Hilfsmaßnahmen sehr wohl darauf achtet, mit privaten Hilfsorganisationen zusammen zu arbeiten und nicht mit den staatlichen Stellen, dann ist dem eigentlich kaum noch was hinzuzufügen. Was wahrscheinlich aber eine noch größere Rolle spielt, ist die zwielichtige Rolle, die Pakistan im Kampf gegen den islamistischen Terror spielt. Einerseits ist das Land Frontstaat im Afghanistan-Konflikt und in der Auseinandersetzung mit den Taliban. Andererseits ist es unbestreitbar Ausbildungs- und Rückzugsraum für islamistische Terroristen. Manche Regionen gelten geradezu als Basis für die Verbreitung radikalen Gedankenguts und Rekrutierungsfeld für neue Kämpfer. Diese Gemengelage macht das Thema Pakistan zugegebenermaßen extrem sperrig. Aber es gilt auch: Mit der Not der Menschen dort, denen geholfen werden muss, hat das absolut nichts zu tun.

Die unübersehbare Lücke in der Hilfsbereitschaft haben andere sofort erkannt. Es sind die fundamentalistischen Islamisten, die hier versuchen einzuspringen. Das reicht vom saudischen Königshaus, das sich mit großzügiger Unterstützung konservativer Kräfte seine auf Wüstensand gebaute Macht erkauft bis hin zu den Taliban. Die individuelle Not ist für sie das ideale Sprungbrett, um ideologischen Boden zu bereiten oder gut zu machen. Zwar gilt auch hier, dass Hilfe in vorderster Front zunächst einmal einfach Hilfe ist. Aber sie erhält über diesen Weg eine politische Note, die hierzulande entweder nicht gesehen, oder verschämt verschwiegen wird. 

Dabei ist das keine bloße Unterstellung, sondern lediglich die Kopie eines Erfolgsmodelles. Die palästinensische Hamas, die die gemäßigten palästinensischen Organisationen längst überflügelt hat und eine Quelle der ständigen Bedrohung für Israel darstellt, hat sich über genau diesen Weg ihre Basis geschaffen. In einem Raum ohne erkennbare Strukturen wurden über viele Jahre durch Schulen, Sozialwerke und Arbeitsplätze ­ schlicht ein  inoffizieller Staat ­ geschaffen, der sich nun auf die auch radikale Unterstützung von jenen verlassen kann, denen er geholfen hat. Wer glaubt, Hilfe habe keine politische Dimension, der möge sich dieses Beispiel, seine Urheber und das Umfeld genau betrachten, das dem von Pakistan gar nicht so unähnlich ist.

In weiterer, hoch politischer Punkt kommt hinzu. Es ist ja nicht so, dass noch nie Geld und Hilfe nach Pakistan geflossen wären. Ganz im Gegenteil. Über Jahrzehnte hat gerade der Westen Milliarden an Staat, Geheimdienste und Militär überwiesen. ­ Erst um die Taliban in Afghanistan im Kampf gegen die sowjetische Invasion zu unterstützen, danach um eben diese Taliban in ihrem Kampf gegen den Westen klein zu halten. Immer hat Pakistan als Nachbarstaat hier die zentrale Rolle als Basis und Aufmarschfeld gespielt. Dass die Aufbau- und Waffenhilfe dafür natürlich von eminenter politischer Relevanz ist, war nie eine Frage. Warum humanitäre Hilfe das nun nicht sein soll, gehört zur Moral einer Politik, die man schlicht als doppelt bezeichnen muss.

Und dennoch gilt als Erstes: Es geht bei der Hilfe für Pakistan um die Menschen in Not, um jedes einzelne Schicksal, um die Rettung von Millionen von Kindern, um den akuten Katastrophenfall. Und um den Aufbau einer Infrastruktur, die wieder ein menschenwürdiges Leben ermöglicht. Und wenn dann auf den Hilfspaketen deutlich steht, dass diese Hilfe von den Menschen der Bundesrepublik Deutschland kommt, dann muss man sich dafür nicht schämen.

(Stefan Dreizehnter)

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