Redaktion der pilger

Donnerstag, 09. September 2010

Und im Himmel freut sich Gott

Wie er die Sünder liebt und wie wir es ihm nachtun sollen

Beitrag von Diplom-Theologe
Klaus Haarlammert
zum 24. Sonntag im Jahreskreis 
(Lukas-Evangelium 15, 1–10) 

Mit Zöllnern und Sündern Umgang zu haben, gehört sich nicht, macht sogar selbst sündig. Und wer ein Sünder ist, hat sich von Gott abgewandt. Heftiger kann kein Vorwurf an Jesus sein. Zöllner waren Kollaborateure, sie dienten den feindlichen Besatzern, die zudem noch heidnisch, also gottlos waren. Und Sünder, darüber war überhaupt gar nicht erst zu reden. Kurzum: Zöllner und Sünder waren zu meiden. Jesus musste das doch wissen! Gerade sie aber kamen in Scharen – „alle“ – zu Jesus, um ihn zu hören. Das machte ihn und das, was er sagte, besonders verdächtig. Jesus scherte sich nicht darum, er „isst sogar mit ihnen“. Das brachte die Pharisäer und Schriftgelehrten erst recht auf die Palme: Was Jesus sich herausnahm, war unerträglich.

Jesus reagiert nicht mit gleicher Empörung, sondern mit einem Gleichnis; eigentlich sind es drei, die der Evangelist Lukas so zusammengestellt hat, weil sie ein roter Faden verbindet: Verlorenes wird gesucht und gefunden (Schaf, Drachme) oder kehrt um (Sohn), und die Freude darüber ist riesengroß. Am diesem Sonntag kann der gesamte Text (Lukas-Evangelium 15, 1–32)  gelesen werden oder nur die ersten beiden Gleichnisse (15, 1–10). Die enthalten ja Sprengkraft genug.

Auf den ersten Blick jedoch scheint das, was Jesus sagt, nicht so aufregend zu sein. Welcher Hirte von hundert Schafen würde nicht das eine Schaf, das sich verlaufen hat, heimholen wollen? Auch wenn er dafür die neunundneunzig anderen Schafe unbeaufsichtigt lassen muss – geht dieses eine nur verloren, ist es ein herber Verlust. Und doch ist es „nur“ ein einziges Schaf, es sind ja noch neunundneunzig andere da. Und welche Frau, die zehn Drachmen besitzt und davon eine verliert, stellt nicht das Haus auf den Kopf, sie wiederzufinden? Zehn Drachmen ist kein großes Vermögen, aber doch eine Rücklage; eine Drachme weniger, ist für die Frau ein kleines Vermögen. Und doch ist es „nur“ eine Drachme, es sind ja noch neun da. Dass der Hirte und die Frau suchen, was sie verloren haben, ist selbstverständlich. 

Was Jesus sagen will, wird erst aus dem Gesamt seiner Botschaft deutlich; und darin sind die Gleichnisse allesamt „Reich-Gottes-Gleichnisse“. Auf den Punkt gebracht, geht es einzig und allein um Gott: So ist Gott, sagen diese Gleichnisse. Und dieses verlorene Schaf, diese verlorene Drachme werden „einem einzigen Sünder“ gleichgestellt. Aber Sünder – ist es nicht „gottlos“, sich mit ihnen abzugeben, geht nicht dieser Vorwurf an Jesus? Er kontert: So ist Gott: wie dieser Hirte, wie diese Frau. Auch das Kleinste und Geringste ist ihm wert und wichtig; geht es verloren, macht er sich auf die Suche, bis er es findet. Niemanden gibt Gott verloren, auch Sünder nicht! 

Sich mit Sündern einzulassen, ist verwerflich, mit ihnen Tischgemeinschaft zu pflegen, ist der Gipfel des Unerträglichen. Wenn Jesus dann erzählt, dass Gott sich so um die Sünder sorgt: sie sucht und ihnen nachgeht, sie auf seinen Schultern heim trägt …, muss dies die Pharisäer und Schriftgelehrten empören, denn sie haben ein anderes, in ihren Augen das einzig richtige Gottesbild. Aber Jesus treibt es noch weiter: So wie Gott mit den Sündern umgeht, gehe auch ich mit ihnen um. Gott ist so, ich bin so! „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen … Glaubt mir doch, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist“ (Johannes-Evangelium 14, 9.11). Zwischen Gott und mir, sagt Jesus, ist kein Unterschied. „Ich und der Vater sind eins“ (Johannes-Evangelium 10,30).

Das ist Gotteslästerung! „Wir steinigen dich nicht wegen eines guten Werkes, sondern wegen Gotteslästerung; denn du bist nur ein Mensch und machst dich selbst zu Gott“ (Johannes-Evangelium 10,33). Der Anspruch Jesu, wie Gott zu handeln, ja selbst Gott zu sein, empört die Pharisäer und Schriftgelehrten aufs Äußerste. Auf Gotteslästerung steht der Tod. Jesus wird nicht gesteinigt, aber ans Kreuz genagelt – wegen Gotteslästerung. „Da wandte sich der Hohepriester an ihn und fragte: Bist du der Messias, der Sohn des Hochgelobten? Jesus sagte: Ich bin es … Da zerriss der Hohepriester sein Gewand: Ihr habt die Gotteslästerung gehört … Und sie fällten einstimmig das Urteil: Er ist schuldig und muss sterben“ (Markus-Evangelium 14, 61–64).   

Da wird das, was Jesus sagt, zur absoluten Handlungsanweisung. Wer sich zu Gott bekennt, der so ist, muss auch handeln, wie er handelt: wie Jesus es vorlebt, indem „er sich mit Sündern abgibt und sogar mit ihnen isst“. Die Sünde hassen, aber die Sünder lieben. Das ist den Pharisäern und Schriftgelehrten gesagt. Und uns! „Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist“ (Lukas-Evangelium 6,36). Riesengroß wird die Freude darüber im Himmel, bei allen Engeln sein. Und erst recht bei Gott! 

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