Redaktion der pilger

Freitag, 06. August 2021

Noch mehr als Nähe

Die Katastrophe zeigt: Wir können füreinander zum „Brot“ werden und zu Botinnen und Boten des Lebens. (Foto: imago)

Zum Sonntag: Alle Ich-bin-Worte Jesu sprechen von der Liebe Gottes

Manchmal haben wir keine Worte, um auszusprechen, was mit uns los ist. Manchmal gibt es auch gar keine Worte, die das Leid, die Enttäuschung, die Verzweiflung auch nur ansatzweise ausdrücken könnten, die Menschen aushalten müssen. Auf dem persönlichen Lebensweg kann das eine Kündigung sein, eine nicht bestandene Prüfung, der Verlust eines Menschen oder eine zerbrochene Freundschaft. Krisen, die alles in Frage stellen, was vorher ganz alltäglich und sinnvoll war. Lebensträume, die zerplatzen wie Seifenblasen – als hätte es sie nie gegeben.

Zurzeit erleben wir große Krisen auch gemeinsam: die Pandemie zwingt uns als Einzelne wie auch die Länder der Welt zum Innehalten, die Hochwasserkatastrophe hat so vielen ihr Zuhause und geliebte Menschen genommen. Wie sollen wir das Unsagbare in Worte fassen, wie dem Undenkbaren, Unvorstellbaren einen Rahmen geben, der uns in aller Ohnmacht wieder handlungsfähig werden lässt?

In dieser Situation ist es auf den ersten Blick keine Hilfe, vom Brot des Lebens zu hören, das Jesus gibt, damit wir davon essen und in Ewigkeit leben. Es stellt sich die Frage, ob ewiges Leben unter den schmerzvollen Bedingungen unserer Zeit überhaupt erstrebenswert ist. Aber auf dieser Ebene bleibt das Wort vom Brot platt und rein materiell. Sicher kann uns das Wasser im Mund zusammenlaufen, wenn uns der Duft von frisch gebackenem Brot in die Nase steigt, aber wir wissen auch darum, dass wir wieder Hunger bekommen, wenn es auch noch so gut schmeckt. Diese Erfahrung haben die Väter und Mütter Israels in der Wüste genauso gemacht wie Elija, der sich gleich zweimal mit Brot und Wasser stärken musste, um Kraft für seine Aufgabe zu sammeln. Wir Menschen sind begrenzt – oder mit anderen Worten abhängig: wir brauchen Wasser und Nahrung, wir brauchen ein Dach über dem Kopf, Schutz vor den Gewalten der Natur. Wir brauchen einander, um uns gegenseitig Hilfe, Verständnis und Geborgenheit geben zu können.
In der Krise, wenn alles um uns und über uns zusammenbricht, hilft uns ein Stück Brot allein nicht weiter- und doch steht hinter dem Brot der Mensch, der mit uns teilt, was er hat. Die Nachbarin, die ein Zimmer anbietet, der Feuerwehrmann, der mit in die am schlimmsten betroffene Region ausrückt, um anzupacken und zu helfen, wo es möglich ist. Hinter dem Stück Brot steht ein Mensch, der hinschaut, sich interessiert für das Schicksal der anderen, sich sorgt um die, die nicht mehr wissen, wo sie bleiben sollen und wie das Leben weitergehen soll. Brot, das Leben schenkt – davon wird auch mitten in dem unvorstellbaren Leid etwas spürbar, wenn Menschen füreinander da sind.

Das Brot, von dem Jesus im Johannesevangelium spricht, ist noch mehr als geteiltes Mitgefühl und praktische Hilfe in der Not. Er spricht davon, dass dieses Brot Leben schenkt, das den Tod überwindet. Brot des Lebens, das alle unsere Bedürfnisse stillt: den körperlichen Hunger, aber auch den Hunger nach Sicherheit und Geborgenheit, nach Begegnung und Nähe, nach Sinn und Erfüllung. Alle Sehnsucht kann in seinem Versprechen eine Erfüllung finden. Das Brot des Lebens nimmt uns das Leid nicht, auch nicht den körperlichen Schmerz einer Krankheit oder den seelischen, wenn uns alles genommen wird. Aber dieses Brot steht für den Menschen, der sich selbst hingibt, um anderen alles zu geben. Es ist weit mehr als duftendes Backwerk aus Getreide und Sauerteig, obwohl auch das schon ein großes Glück sein kann, wenn wir es miteinander teilen.
Wenn Jesus sagt: „Ich bin das Brot des Lebens“, wird deutlich, dass dieses Brot und dieses Leben nicht erst irgendwann im Jenseits auf uns wartet, sondern es ist jetzt und hier. „Ich bin“ – mitten auf verwüsteten Straßen und in Sperrmüllbergen. „Ich bin“ – in der Ungewissheit, ob die Tochter, Nichte oder Freundin noch lebt – und in der Gewissheit, dass Menschen und Tiere in den Wassermassen ertrunken sind.

„Ich bin“ – das ist der Name und die Visitenkarte Gottes, mit der er uns deutlich macht, dass er mit uns im Schlamm, in der Wüste, in der Verzweiflung aushält. Wer an dieses „ICH BIN“ glaubt, hat das ewige Leben. Nicht erst, wenn alles aufgeräumt und wieder aufgebaut ist und nach heiler Welt aussieht. Sondern genau in dem Elend, das auch Teil unseres Lebens ist. Ich bin – in der Einsamkeit, die dich umgibt, wenn deine Partnerin viel zu früh gestorben ist. In der Kraftlosigkeit, die dich lähmt, morgens aufzustehen und dann irgendwie durch deinen Tag zu kommen. Ich bin – in all dem, was du erfahren darfst, erleiden musst, was dir geschenkt ist und was dir aufgebürdet wird.
„Ich bin das Brot des Lebens“ – dieses Angebot macht Jesus, der darum weiß, dass Brot wichtig ist, aber eben nicht alles. Jesus bietet an, dass wir mit ihm ans Kreuz und durch das Kreuz hindurch gehen – in den Schmerz und durch ihn hindurch. Er zeigt uns mit dem Wort vom Brot eine Perspektive auf: dass wir füreinander zum Brot werden können und zu Botinnen und Boten des Lebens, damit wir alle das Leben haben.Annette Schulze

 

 

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