Redaktion der pilger

Donnerstag, 24. November 2022

Wachsam sein

Der Advent ist kein Wartezimmer in diesem Sinn, sondern das Wartezimmer unserer Zukunft in der Fülle erlösten Lebens, die der wiederkommende Jesus Christus uns schenkt. (Foto: AdobeStock/M. Dörr & M. Frommherz)

Advent ist die Zeit des aufmerksamen Wartens

Der vorliegende Text des Evangeliums provoziert mich irgendwie. Warum? Viele, die mich kennen, wissen, dass ich eine Schwäche habe, ich kann nämlich nicht – oder nur sehr schlecht – warten. Die Tugend der Geduld zu üben, kostet mich extrem viel Kraft.

Egal, was mich warten lässt, eine Person oder die Deutsche Bahn, ich werde meistens ziemlich schnell richtig unruhig. Warten macht mir wirklich gar keinen Spaß. Es ist für mich ein Martyrium. Das Sprichwort „Vorfreude ist die schönste Freude“ habe ich nie verstanden und es ist kein Wunder, dass ich das Warten vermeiden will, wo immer es geht. Ein kleiner Trost für mich ist, dass es offenbar auch anderen Menschen so geht, sogar schon zur Zeit des Evangelisten Matthäus. Worum ging es damals?

Jesus hatte allem Anschein nach erwartet, dass der „Tag Jahwes“, der Tag des „Letzten Gerichts“ schon bald anbrechen würde. Wer das Evangelium liest, stößt auf einige Stellen, die das klar benennen. Zum Beispiel heißt es einige Kapitel vor unserer Textstelle im Matthäusevangelium (16,28): „Amen, ich sage euch: Von denen, die hier stehen, werden einige den Tod nicht schmecken, bis sie den Menschensohn in seinem Reich kommen sehen.“

Kein Wunder also, dass einige Freundinnen und Freunde Jesu von dieser „Naherwartung“ überzeugt waren, genauso wie der Apostel Paulus. Deswegen ist es konsequent, dass sie aus dieser Stimmung heraus „Hab und Gut verkauften“, sogar „Häuser und Grundstücke“, wie es in der Apostelgeschichte heißt, um sich durch Armenspenden sozusagen rechtzeitig den Himmel zu sichern.

Und es war auch konsequent, dass in einer solchen Situation eine Trauung oder das Kinderkriegen nicht mehr sehr sinnvoll ist. Daher rät Paulus im ersten Korintherbrief davon ab. Allerdings blieb das Ende der Welt aus, Jesus kam einfach nicht wieder, und der „Tag Jahwes“, das sogenannte Endgericht ist bis heute nicht eingetreten.

Als Matthäus sein Evangelium schrieb, waren mehr als fünfzig Jahre seit dem Tod und der Auferstehung Jesu vergangen. So lange kann man keinem Menschen das Warten zumuten. Und daher ist es verständlich, dass der Gedanke an eine baldige Wiederkehr Christi, an den Tag „X“, in den Gemeinden der Matthäuszeit immer mehr verblasste. Sorglosigkeit machte sich breit und alles lief seinen gewohnten Gang.

Darüber ist Matthäus beunruhigt, denn er beobachtet eine gewisse Bequemlichkeit und Leichtsinnigkeit in seinen Gemeinden. Deshalb predigt er im vorliegenden Evangeliumstext, dass sich alle nicht wundern sollen über das Ausbleiben Jesu: Denn der genaue Zeitpunkt der „Großen Abrechnung“ sei keinem bekannt, nicht einmal Jesus selbst. Matthäus erinnert daran, dass auch zur Zeit der Sintflut alle Menschen sorglos in den Tag hineinlebten, bis dann die Katastrophe über sie kam. Der Tag wird alle überraschen wie ein Dieb, von dem doch keiner weiß, wann er kommen wird. Deshalb ist Wachsamkeit wichtig, auch wenn es noch lange dauert. Das ist die Botschaft des Evangelisten an uns, seine des Wartens müde gewordene Gemeinde.

Vielleicht kann die Adventszeit uns wach machen, dass wir aus unseren alltäglichen Routinen aussteigen, dass wir aufschrecken aus unserem konsumorientierten Egoismus, dass wir unsere vermeintlichen Sicherheiten verlassen, als müsse alles so bleiben, wie es ist. Wachsamkeit ist angesagt!

Doch langes Warten schläfert leicht ein: Verdrängungsstrategien werden entwickelt, falsche Sicherheit und Pseudo-Lebenssinn lullen die Suche nach dem wirklichen Lebenssinn ein, Sorglosigkeit und Unbekümmertheit machen sich breit und begnügen sich mit dem, was doch vergänglich sein muss.

Aber es könnte ja sein, dass täglich, ja stündlich der Tag „X“ hereinbrechen kann, nicht so sehr für die ganze Erde, aber vielleicht für mich selbst? Eine falsche Lenkbewegung am Steuer, eine einzige Eisplatte auf der Straße, eine kleine Nachlässigkeit am Arbeitsplatz, eine Krankheit?

Es geht nicht darum, Angst zu machen. Nein, vielmehr geht es um Wachsamkeit und Vertrauen in die unendliche Liebe Gottes: Gefragt ist ein geduldiges, vertrauendes und gesammeltes Warten.

Sehe ich den Advent als eine hektische Vorbereitungszeit auf die große Fete oder als eine Zeit der Besinnung auf das Eigentliche, auf das Ziel und auf die Vollendung meines Lebens? Ich habe die Wahl, auch wenn ich, wie gesagt, nicht so gerne warte… Hier macht es Sinn und ich bin dem Evangelisten Matthäus dankbar, dass er mich zum geduldigen und vertrauenden Warten – hoffentlich jetzt nicht nur im Advent – motiviert. (Luise Gruender)

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