Mittwoch, 09. Mai 2018
Wir sind keine Lackschuhchristen
Als Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu Christi sollen wir die Welt verändern – Gedanken zum Johannes-Evangelium 17, 6a. 11b–19 von Pastoralreferentin Luise Gruender
Als Jesus am vierzigsten Tag nach Ostern vor den Augen seiner Jünger in den Himmel aufgefahren ist, wie es in der Heiligen Schrift erzählt wird, da hat er sie nicht als Waisen zurückgelassen. Auch wenn es zuerst so schien, als hätte er sie verlassen und wäre für immer von ihnen gegangen, so erkannten sie doch bald, dass er auf unsichtbare, aber doch wirkliche Weise bei ihnen geblieben war. Vor allem aber hatte sie der Herr dazu aufgerufen, um das Kommen des Heiligen Geistes, des Trösters, zu beten, der ihnen dann am Pfingstfest unter Sturm und Feuerzungen geschenkt wurde.
Das Evangelium dieses Sonntags nach Christi Himmelfahrt ist den bei Johannes überlieferten Abschiedsreden Jesu entnommen. Jesus betet zu seinem Vater; er blickt zurück auf sein Werk, das er vollbracht hat, und empfiehlt seine Jünger für die Zukunft der besonderen Fürsorge des himmlischen Vaters, der ihn gesandt hat. Jesu Worte sprechen von einer innigen Nähe und Freundschaft zwischen ihm und den Menschen, mit denen er gelebt und die ihm anvertraut worden waren. Aufgrund der Abschiedssituation ist das Formulierte dann auch sehr bedeutungsschwer und für heutige Ohren nicht so leicht zu verstehen.
Es geht Jesus vor allem um die Einheit seiner Jünger. Er spürt, dass sie einen schweren Stand haben werden, wenn sie sein Werk fortsetzen wollen. Werden sie zusammenhalten? Werden sie eins sein? Mir kommt da sofort das Bild eines Bergseils in den Kopf. Ein solches Seil verbindet alle Bergsteiger miteinander. Jeder weiß sich von den anderen gehalten. Dieses Seil hilft, manchen Gipfel zu ersteigen und bewahrt die Wanderer auch vor Unheil.
Wir werden als große christliche Familie noch viele Male überlegen müssen: Wie bleiben wir jene Seilmannschaft, in der sich einer auf den anderen verlassen kann? Wie viel Liebe und Engagement sind wir bereit zu investieren, damit wir uns unsere Gemeinschaft erhalten, auch wenn große Veränderungen anstehen? Sind wir bereit, uns in unserer Kirche zu engagieren, damit es ihr auch in Zukunft gut geht?
Ähnliche Fragen bewegten Jesus. Er wird sich oft gefragt haben: „Wie wird alles weitergehen? Werden meine Jünger zusammenhalten, wenn ich nicht mehr bei ihnen bin? Werden sie das Ziel nicht aus den Augen verlieren und entmutigt aufgeben, wenn sie auf Widerstand stoßen?“ Das Seil, das sie miteinander verbindet und an dem das Leben der Kirche hängt, ist die Verbundenheit mit Jesus Christus, die Begeisterung der Jünger für ihren Herrn und die Ausstrahlung ihres tiefen Glaubens.
Bei einer Kirchenbesichtigung stand ich neulich im Erzgebirge vor den Gemälden der vier Evangelisten: Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Der Kirchenführer blieb nachdenklich stehen und sagte: „Das fünfte Evangelium muss noch geschrieben werden“. Alle anwesenden schauten erstaunt auf, er aber fuhr fort: „Ich entlasse Sie mit der Aufgabe, dieses fünfte Evangelium zu schreiben.“
Das hat mich nachdenklich gemacht, denn wer sich an diese Aufgabe setzt, ein neues Evangelium zu schreiben, der darf es nicht am Schreibtisch und mit dem Computer tun, der muss sein Leben investieren. Sein ganzes Dasein muss Ausdruck der frohen Botschaft sein. In allem, was er sagt und tut, muss durchklingen: „Ich gehöre zu Jesus Christus und gehe seinen Weg.“ Und: Am Ende eines jeden Evangeliums steht die Leidensgeschichte. Vielleicht auch am Ende des meinen, denn ich werde gefordert werden, ich werde mich eventuell dem Gespött und Gelächter anderer aussetzen. Ich werde wohl auch auf Widerstände oder gar Ablehnung stoßen. Ich werde unter Umständen selber leiden müssen, wenn ich glaubwürdig sein will.
Trotzdem: Keiner hat eine größere Liebe, als wenn er sein Leben für seine Freunde gibt, wie Jesus sagt. Als Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu sind wir keine Lackschuhchristen. Als Kirchgänger sind wir keine weltfremden Schwärmer, sondern als Anhänger des Mannes aus Nazaret stehen wir mit beiden Füßen auf dem Boden der Wirklichkeit und unser Herz schlägt im Takt mit dem, dessen Namen wir tragen.
Wir gehören seiner Kirche an und wissen, dass sie auch in Zukunft die Welt zu prägen vermag. Wer sonst? Wer hat bessere Lösungen, das Pulverfass in der Welt zu entschärfen als jene, die dabei sind, ihre Aufgaben zu machen und ein weiteres Evangelium zu schreiben?
Aber immer wissend: Ein Seil verbindet uns, jeder weiß sich von den anderen gehalten, in treuer Verbindung zu Jesus als eine christliche Familie.







































