Redaktion der pilger

Samstag, 19. Januar 2019

Nur ein Füßchen wurde gerettet

Zerstörung des Gnadenbildes durch französische Revolutionäre vor 225 Jahren

Ein 23,5 cm langer Unterschenkel mit einem Kinderfüßchen ist alles, was von dem Speyerer Gnadenbild übrig geblieben ist, das über Jahrhunderte im Dom verehrt worden war. Französische Revolutionäre zerstörten die Figur der Gottesmutter mit dem Jesuskind auf dem Arm am 19. Januar 1794, also vor nunmehr 225 Jahren. Anlässlich dieses Jahrestages wurde das gerettete Füßchen in den Dom gebracht. Der Domkustos, Domkapitular Peter Schappert, und die Kunsthistorikerin Dr. Anke Elisabeth Sommer erzählten dort die Geschichte des Gnadenbildes und seines Schicksals. „Der materielle Wert des Füßchens ist gleich null“, so der Kustos des Doms, Domkapitular Peter Schappert. „Aber es ist für uns von hohem Wert, da es zeigt, dass der Glauben weiter geht. Trotz der zeitweisen Säkularisierung des Doms und der Auflösung des Bistums gibt es die Diözese und den Dom immer noch. Und ein neues Gnadenbild steht heute im Dom und vermag eine Beziehung zwischen den Gläubigen und Gott herzustellen.“

Spektakulär sieht das Füßchen wirklich nicht aus. Lindenholz, umhüllt mit Leinwand und Gips, darauf eine Farbfassung. Es verweist jedoch auf eine lange und bedeutungsvolle Glaubensgeschichte. „Der Dom ist der Gottesmutter geweiht. Deshalb ist anzunehmen, dass es dort immer eine Marienstatue gab“, sagt Dr. Anke Sommer, die sich intensiv mit der Geschichte des Gnadenbildes auseinander gesetzt hat. Ursprünglich sei es wohl eine thronende Madonna gewesen, wie sie auf dem Siegel des Domkapitels abgebildet ist, vermutet die Kunsthistorikerin.

Die Wallfahrt zu diesem weithin bekannten Gnadenbild ist überliefert. Auch Bernhard von Clairvaux, der berühmte Zisterzienserabt und Heilige, betete vor dieser Muttergottes bei seinem Besuch in Speyer im Jahr 1146. Diese Szene ist verschiedentlich dargestellt worden und heute auch noch auf einem der Fresken im Kaisersaal zu sehen. Die dort dargestellte Madonna ist jedoch bereits die Nachfolgerin des romanischen Gnadenbildes, vor dem Clairvaux kniete. Während man über das Aussehnen der ersten Skulptur nur mutmaßen kann, wurde die gotische Madonna mannigfach abgebildet und kopiert. Erkennbar ist die Patrona Spirensis daran, dass sie auf einer Mondsichel steht, ein unbekleidetes Jesuskind auf dem linken Arm trägt und keine Krone auf ihrem Schleier sitzt. In ihrer rechten Hand befindet sich ein Zepter. Diese Figur entstand der Typologie nach sicher erst nach 1400 und ersetzte vielleicht ein beim Dombrand von 1450 zerstörtes Gnadenbild. Die Mondsichel bezieht sich auf die Darstellung der apokalyptischen Frau in der Offenbarung des Johannes - und hier war es besagter Bernhard von Clairvaux, der als einer der ersten die Verbindung zwischen der apokalyptischen Frau und der Gottesmutter Maria herstellte.

Eine Nachbildung des vormaligen Speyerer Gnadenbildes in skulpturaler Form befindet sich auch im Kaisersaal. Die monumentale Figur aus den 1770er-Jahren blickte einst von der barocken Fassade des Doms in Richtung Stadt. Ebenfalls in der Barockzeit entstand eine Figur, die einen Seitenaltar in der Klosterkirche St. Magdalena unweit des Doms ziert.

Von der sich nun jährenden Zerstörung des Gnadenbildes berichtet der protestantische Pfarrer Johann Adam Mayer. Noch im Jahr 1794 wurde sein Bericht veröffentlicht, in dem es heißt, „als am 19ten [Januar 1794] in der Gegend des Domnapfes ein Freiheitsbaum aufgepflanzt wurde, wurden dabey unter großem Jubel der hiesigen Garnison das bekannte Bild des h. Bernhardus und der Jungfrauen Maria, die Cruzifixe, Chorbücher und was dergleichen in der Domkirche befindlichen Sachen waren, verbrannt.“ Bevor das Bildnis jedoch verbrannt oder, wie Bischof Johannes Geissel in seinem Buch über den Kaiserdom zu Speyer schreibt, „zerhackt“ wurde, weil es nicht richtig brennen wollte, brach wohl noch im Dom das Füßchen des Jesuskindes ab und wurde von einer Schwester aus dem Kloster St. Magdalena gerettet. Diese Ordensfrau namens Maria Franciska Hutin und ihre Mitschwester Clarissa Elisabetha Meinzin nahmen das Füßchen in ihre Obhut. Die Echtheit des Füßchens und seine „Rettung“ bezeugten sie später sogar mit ihrer Unterschrift. In den Speyerer Dom zurück kam das Füßchen erstmals wieder im Jahr 1930. Bischof Ludwig Sebastian erbat es sich, um es zum 900. Jahrestag der Domgründung zeigen zu können. Ebenfalls zu diesem Jubiläum wurde vom Münchner Bildhauer August Weckbecker ein neues Gnadenbild geschaffen, das von Papst Pius XI. gesegnet und dem Dom geschenkt wurde. Das Füßchen wird heute in einem Tresor aufbewahrt.

 Text: Dr. Anke Elisabeth Sommer / Friederike Walter

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