Donnerstag, 17. Mai 2018
Monstergeschichten aus dem Heiligen Land

Die in der Bibel erwähnten unheimlichen Wesen inspirierten immer schon auch Künstler. In Mainz sind Illustrationen aus sechs Jahrhunderten zu sehen. Foto: Martinus Bibliothek
Ausstellung in Mainz zeigt, was die Bibel über Ungeheuer und Einhörner sagt
„Hilf mir aus dem Rachen des Löwen und vor den Hörnern der wilden Stiere“, flehte vor mehr als 2500 Jahren der Verfasser des Bibel-Psalms 22. Für die Menschen in Palästina waren wilde Tiere einst eine ganz reale Gefahr. Die Übersetzer der Bibel taten sich allerdings lange schwer damit zu entscheiden, vor welchem gehörnten Wesen Gott den frommen Psalmen-Dichter schützen sollte. In manchen deutschen Bibelausgaben ist die Rede von Büffeln, in älteren Übersetzungen dagegen lautete der Text: „Errette mich von den Einhörnern.“ Tatsächlich finden sich in einer ganzen Reihe von Büchern der Bibel Hinweise auf Monster und Fabelwesen.
In Übersetzungen aus dem späten Mittelalter gebe es bis zu zehn Textstellen, an denen Einhörner erwähnt werden, berichtet die katholische Theologin Eleonore Reuter. Für ein gemeinsames Ausstellungsprojekt mit der Martinus-Bibliothek des Bistums Mainz hat sie sich mit den Fabelwesen und Ungeheuern der Bibel beschäftigt. Das Tier, das schon die griechischen Bibelübersetzer der Antike und später Martin Luther zum „Einhorn“ machten, wird im hebräischen Urtext als „Re'em“ bezeichnet, ein stierähnliches wildes und kräftiges Wesen, das schon als Auerochse oder Nashorn gedeutet wurde.
Offensichtlich war den Griechen in Alexandria einfach nur ein Übersetzungsfehler passiert, der bis ins 19. Jahrhundert hinein hartnäckig immer aufs Neue wiederholt wurde. Als das griechische Wort für „Einhorn“, „monoceros“, seinen Weg in die Bibel fand, standen die Übersetzer womöglich unter dem Eindruck babylonischer Stierbildnisse, die die Tiere grundsätzlich im Profil und daher nur mit einem Horn zeigten. Von ihrem heutigen positiven Image sei das Einhorn der Bibel noch weit entfernt gewesen, sagt Reuter. Im Mittelalter sei von ihm gleichzeitig etwas Schreckliches, Unheimliches und Attraktives ausgegangen.
Ähnliches gilt für weitere biblische Monster. „Das Alte Testament ist ganz stark geprägt von der altorientalischen Ikonographie“, erklärt die Theologie-Professorin. So lasse sich das Erscheinen des Seeungeheuers Leviathan und des Monsters Behemoth erklären, das oft in der Gestalt eines Nilpferdes dargestellt wurde. Kennzeichnend für die Fabeltiere der Bibel ist, dass sie Merkmale bekannter Lebewesen und abstrakte Kräfte miteinander verbunden haben, die ihnen etwa Macht über andere Lebewesen zusprachen.
In früheren Jahrhunderten waren die Monster aus dem Alten Testament und aus der Offenbarung des Johannes, dem letzten Buch des Neuen Testaments, auch ein überaus beliebtes Motiv für Holzschnitte und Kupferstiche der Bibel-Illustratoren – so, wie sie zuvor bereits zur Verschönerung von Handschriften zu sehen waren. Während die Künstler des späten Mittelalters dabei noch ihrer Fantasie freien Raum ließen, griffen die Illustratoren des 18. Jahrhunderts bereits damalige Erkenntnisse der Naturwissenschaften auf. „Wir wissen, dass darüber diskutiert worden ist, ob Leviathan eher wie ein Krokodil oder wie ein Fisch aussah“, berichtet die Mainzer Bibliothekarin Martina Pauly. Eine einhellige Meinung gab es nicht. Eine der prächtigsten Bibelausgaben jener Zeit, die Kupfer-Bibel von 1731, zeigt das im Buch Hiob detailliert beschriebene Monster einmal als Reptil und auf einer weiteren Darstellung als Wal. Gar kein Vorbild unter lebenden Wesen gab es für ein anderes beliebtes Thema – den siebenköpfigen Drachen mit zehn Hörnern aus der Johannes-Apokalypse als Symbol des Teufels.
Im Laufe der Zeit verschwanden die Ungeheuer nicht nur weitgehend von den Bildern, sondern zum Teil auch aus den gebräuchlichen Übersetzungen. Für die kleine Kabinettausstellung in der Mainzer Bistumsbibliothek wurden jetzt Darstellungen aus sechs Jahrhunderten zusammengetragen. Die Ausstellung „Monster und Drachen - Bilder des Unheimlichen in Bibeltexten und Bibelillustrationen“ ist noch bis zum 27. Juli zu sehen. (epd)
Die Ausstellung in der Martinus-Bibliothek, Grebenstraße 8, Mainz, ist montags bis freitags von 9 bis 12.30 Uhr und von 13.30 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.







































