Redaktion der pilger

Montag, 21. Dezember 2020

Heile Familie?

Am Beginn die Flucht. 700 Jahre altes Fenster im Freiburger Münster: die Flucht der Heiligen Familie vor Herodes aus Bethlehem nach Ägypten. (Foto: KNA)

Auch in der Heiligen Familie gab es Konflikte

Von einem Missverständnis ist zu reden. Einem Missverständnis, dem auch ich schon erlegen bin und das nicht zuletzt von vielen Predigten zum Fest der Heiligen Familie genährt wurde. Dem Missverständnis, dass die Heilige Familie zwangsläufig auch eine heile Familie sein müsse. Mehr als das. Der Prototyp der christlichen Familie schlechthin. Leuchtendes Vorbild für all die Familien, die sich Tag für Tag im Alltag abmühen und dieses Ideal doch nie erreichen.
Bei genauem Hinsehen geben die spärlichen biblischen Berichte über die Familie Jesu allerdings nichts von all dem her. Denn die wenigen Verse am Beginn des Lukasevangeliums, die sich direkt an die berühmte Weihnachtsgeschichte anschließen, vermitteln nicht den Eindruck, dass diese jüdische Familie irgendwie strahlender war als alle anderen. Einfach deshalb, weil sie uns keine antike Homestory erzählen, keine historischen Fakten liefern, sondern uns diesen Jesus, um den es vor allem geht, als den von Gott gesandten Messias präsentieren wollen. Und zwar von der ersten Minute seines Erdenlebens an. Beginnend mit seiner wundersamen Zeugung am Beginn bis zur Himmelfahrt des Auferstandenen am Ende.

Und trotzdem ist diese Geschichte auch eine Familiengeschichte. Weil sie deutlich macht, dass Jesus nicht als Außerirdischer vom Himmel gefallen ist. Dass er Mensch war wie Sie und ich. Dass er eine Mutter hatte, einen Vater und wohl auch Geschwister. Dass er Teil einer ganz normalen jüdischen Familie war, der die religiösen Bräuche und Vorschriften ihrer Zeit wichtig waren. Denn genau davon erzählt der Beginn unseres kleinen Textes und auch sein Ende, wenn diese jüdische Familie nach Erfüllung der religiösen Vorschriften wieder zurückkehrt nach Galiläa. Dorthin also, wo sie für die nächsten Jahrzehnte unauffällig leben wird. Nichts aus diesen 30 Jahren scheint erwähnenswert zu sein – außer jener frommen Legende vom zwölfjährigen Knaben im Tempel, der mit Gelehrten diskutiert. Doch auch sie findet sich einzig beim Evangelisten Lukas (Lukas 2,41–52). Ein weiterer Wink an uns: Schaut her, dieser Mensch war außergewöhnlich!
Dass dieser Jesus der von Gott verheißene Messias war, darum geht es auch im Mittelteil unseres Schrifttextes: Wie so viele Menschen seiner Zeit sehnt sich auch der alte Simeon nach dem Kommen des Messias. Lukas stellt ihn uns als einen Frommen vor, der sicher ist, dass er den Messias noch sehen wird bevor er stirbt. Und nun stelle ich mir diese Szene vor. Da betritt die kleine Familie den Tempelbezirk und ein fremder, alter Mann steuert geradewegs auf sie zu und nimmt ihnen das Kind aus den Händen. Ich stelle mir den verdutzten Blick der Eltern vor, die sich verunsichert fragen, was da gerade mit ihnen geschieht. Doch all diese Details interessieren Lukas überhaupt nicht. Ihn interessiert ausschließlich die Erwählung des Kindes, die der alte Simeon in die bewegenden Worte des „Nunc dimittis“ fasst. Viele kennen sie aus dem Nachtgebet der Kirche: In diesem Kind hat er den Messias erkannt und darum kann er jetzt sterben. Jahwe hat Wort gehalten.

Doch nicht nur dieses bewegende Gebet spricht der alte Mann. In einer Prophezeiung nimmt er Aspekte des Lebens Jesu vorweg. Im „Zeichen, dem widersprochen wird“ deutet sich schon der Konflikt an, der Jesus eines Tages ans Kreuz bringen wird. Und das Schwert, das seiner Mutter in die Seele dringt? Man mag hier an Darstellungen der Maria denken, wie sie schmerzverzerrt unter dem Kreuz steht. An die Pieta von Michelangelo, die ihren toten Sohn im Schoß hält. Doch all das passt nicht zum Lukasevangelium. In seinen Passions- und Ostererzählungen taucht die Mutter Jesu nämlich nicht mehr auf. Und so rückt eine andere Szene in den Blick, die Lukas so beschreibt: „Es kamen aber seine Mutter und seine Brüder zu ihm; sie konnten jedoch wegen der vielen Leute nicht zu ihm gelangen. Da sagte man ihm: Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und möchten dich sehen. Er erwiderte ihnen: Meine Mutter und meine Brüder sind die, die das Wort Gottes hören und tun.“ (Lukas 8,19-21) Innige Harmonie sieht anders aus. Ein kurzes Blitzlicht nur, das aber erahnen lässt, dass die Heilige Familie wohl nicht immer eine heile Familie gewesen ist.
„Was habe ich bloß falsch gemacht?“ fragte mich einmal eine Mutter. Im Glauben verwurzelt und engagiert in ihrer Gemeinde. Ihren Glauben hatte sie an ihre Kinder weitergegeben und erlebt nun, wie ihr fast erwachsener Sohn davon nichts mehr wissen will. Was sie falsch gemacht hatte? Gar nichts. Aber es war ihr Schwert in der Seele. Konflikte, Sprachlosigkeiten, Unverständnis zwischen Eltern und Kindern, auch in religiösen Fragen. Sie gehören heute so zum Leben wie zur Zeit Jesu. Und doch zeigt die Geschichte der Heiligen Familie, dass Familie nicht rosarot und heil sein muss. Heilig für die, die in ihr leben, kann sie trotzdem sein. Damals wie heute.

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