Redaktion der pilger

Mittwoch, 10. Februar 2021

Nötige Berührung

Die Großmutter kann ihre Enkelin nicht in den Arm nehmen. Der Handkontakt über die Fensterscheibe ist kein wirklicher Ersatz. (Foto: actionpress)

Liebe steckt an und Nähe heilt

Eines hat uns die Corona-Pandemie bewusst gemacht: Der Kontakt zu anderen Menschen, verbunden mit körperlicher Berührung spielt eine große Rolle in unserem Leben. Berührung ist ein menschliches Urbedürfnis. Sie prägt das Familienleben mit unserem Ehepartner und den Kindern, unseren Alltag im Beruf, unser Gemeindeleben, unsere Zeit in der Schule oder in der Uni. Überall begegnen wir anderen Menschen. Damit diese Begegnungen gelingen, brauchen wir gegenseitiges Vertrauen, Offenheit und eine Bereitschaft zur Kommunikation. Körperliche Berührungen spielen dabei eine große Rolle. Das merken wir besonders jetzt, da die Pandemie sie uns verbietet.  Doch wir stoßen auf einen Widerspruch: Auf der einen Seite merken wir, dass wir das Urbedürfnis nach Berührung, Nähe, Verständnis und Annahme haben – und auf der anderen Seite erleben wir Ablehnung, Missachtung, Demütigung, ja manchmal auch körperliche Misshandlung. Auf dieses verletzende Verhalten reagieren wir mit Vorsicht und Distanz. Viel zu oft werden einzelne Menschen oder ganze Gruppen von ihren Mitmenschen aus der Gemeinschaft ausgeschlossen und stigmatisiert. Dies wird mit religiösen Überzeugungen, rassistischen oder moralischen Motiven gerechtfertigt. Jede Gesellschaft hat ihre eigenen „Unberührbaren“, mit denen sie keinen Kontakt haben will, die sie am liebsten in ein Ghetto einsperrt oder des Landes verweisen will. Aktuell müssen wir nur auf die fürchterliche Situation in Moria schauen. Ich bin mir sicher, dass jeder von uns in seinem Leben schon Formen der Ausgrenzung erlebt hat. Es ist nicht angenehm, sich als Außenseiter zu fühlen, mit dem keiner etwas zu tun haben will. Um eine solche Begebenheit geht es im vorliegenden Evangelium. Wir erleben Jesus, der ein absolutes Tabu bricht und einen Unberührbaren berührt. Aussatz steht hier für unterschiedliche Krankheiten, die die Haut befallen können. Damit sich die schreckliche Krankheit nicht ausbreitet, schreibt das Alte Testament im Buch Levitikus strenge Verhaltensregeln vor: Alle, die von Aussatz befallen sind, müssen zerrissene Kleider tragen. Sie müssen andere, die in ihre Nähe kommen, mit dem Ruf „Unrein, unrein!“ warnen. Solange der Zustand anhält, bleiben sie unrein. Sie müssen abgesondert leben und sich außerhalb des Lagers aufhalten.  Wie muss es so einem Aussätzigen gehen: Neben den Schmerzen, keine Berührung eines Freundes, keine Umarmung eines geliebten Menschen. Auch vom Gottesdienst war er ausgeschlossen. Er galt als von Gott geschlagen und bestraft. Ein Fluch lag auf ihm. Die Rabbis zur Zeit Jesu lehrten: Wenn ein Aussätziger ein Haus betrat, so galt das Haus selbst als verunreinigt und sollte zerstört werden. Wenn ein Aussätziger auf öffentlicher Straße gesehen wurde, war es zulässig, ihn mit Steinen zu bewerfen. Einen Aussätzigen zu berühren bedeutete, sich selbst zu verunreinigen. Andere Krankheiten konnten geheilt werden, aber Aussatz musste „bereinigt“ werden. So wird verständlich, dass der Aussätzige sein Gespräch mit Jesus mit den Worten beginnt: „Wenn Du es willst, kannst Du mich rein machen.“ Das ist unglaublich: Der Aussätzige bittet Jesus nicht um Heilung, sondern um Reinigung. Er zweifelt aber daran, dass Jesus dies tun will. Warum? Weil er sich aufgrund seiner Erkrankung und des Stigmas zutiefst schmutzig und unrein fühlt. Und trotz aller Verbote traut er sich. Er nähert sich Jesus, fällt vor ihm auf die Knie und bittet: Du kannst alles ins Reine bringen und mich in die Gemeinschaft mit Gott und den Menschen zurückbringen. Er, der Außenseiter, nimmt seinen Mut zusammen und geht auf Jesus zu, obwohl er damit gegen das Gesetz verstößt. Das ist das Besondere in dieser Geschichte. Ein Mensch bleibt nicht in seiner Isolation, sondern macht sich auf den Weg zu Jesus. Dazu lädt das Evangelium ein: Wenn du dich ähnlich isoliert und ausgegrenzt fühlst, mach Dich auf und geh zu Jesus! Er weist dich genauso wenig zurück, wie er den Aussätzigen ablehnt. Die Rabbis zur Zeit Jesu wollten mit den Ausgegrenzten nicht essen, nicht sprechen, nicht arbeiten oder sie auch nur ansehen. Die Idee hinter dieser Isolationsstrategie war, dass Sünde ansteckend sei. Um sie zu vermeiden, musste man sich von all den Menschen und Orten fernhalten. Ich verstehe den Reiz dieser Strategie. Aber so funktioniert es nicht und Abgrenzungen haben schlimme Folgen.  Das Problem ist, dass ich die Welt in „wir“ gegen „die“ einteile. In diesem Denken stirbt die Liebe und die Demut, Bescheidenheit, Mitgefühl und Großzügigkeit ersticken. Jesus weist mit seiner Berührung genau dieses Verhalten zurück. Er sagt dem Geheilten, dass er darüber schweigen soll. Aber das war ihm unmöglich. Im Gegenteil: Sein Glaube ist so ansteckend, dass er sich „verbreitet“ wie vorher der Krankheitserreger. Es erwischt jeden. Die Menschen kommen aus allen Ecken. Alle, die von Jesus berührt werden, geben den Erreger weiter: Kleine Freuden-Keime, Glaubens-Keime, Glaubens-Bakterien. Jesus infiziert die Welt mit seiner unglaublichen Liebe zu uns.    

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Beitrag an: Luise Gruender

Artikel teilen:

Weitere Nachrichten

22.10.21
Redaktion der pilger

„Hunger ist Mord“

811 Millionen Menschen haben nicht genug Nahrung
22.10.21
Redaktion der pilger

Ganz nah an der Realität

Online-Plattform www.kaiserdom-virtuell.de umfangreich überarbeitet und nun auch...
22.10.21
Redaktion der pilger

Das „C“ als Markenkern stärken

Luzerner Politikwissenschaftler führt Wahlniederlage der CDU auf hausgemachte...
22.10.21
Redaktion der pilger

Die geöffneten Augen

Die Begegnung mit Jesus Christus macht sehend
22.10.21
Redaktion der pilger

Tägliches Klimagebet

Anlässlich des Weltklimagipfels ein eindeutiges Zeichen setzen
22.10.21
Redaktion der pilger

Wallfahrt zum Grab des heiligen Jakobus

„pilger“-Leserreise auf dem Jakobsweg zwischen Pyrenäen und Santiago de Compostela
13.10.21
Redaktion der pilger
News-Feed (RSS) von der Zeitungsseite in die Webfamilie

Vorbild ist Frankreich

Psychiater Harald Dreßing fordert Studie zu Missbrauchs-Dunkelfeld
13.10.21
Redaktion der pilger

„Bist du organisiert?“

Nächstenliebe und Gewerkschaftsarbeit sind für Nicola Lopopolo zwei Seiten einer...
13.10.21
Redaktion der pilger

Starker Auftritt mit Nachhall

In einer neuen Inszenierung erteilt das Chawwerusch-Theater „Judas“ nach 2 000...
13.10.21
Redaktion der pilger

Eine Kirche, die anders ist

Papst Franziskus hat den weltweiten synodalen Weg eröffnet
13.10.21
Redaktion der pilger

„Bei euch aber soll es nicht so sein!

Mit Jesus der Logik der Macht widerstehen
13.10.21
Redaktion der pilger

Ein anderer Blick auf die Dinge

Drei Frauen bekleiden die im Bistum neu eingeführte Funktion einer Sozialreferentin
13.10.21
Redaktion der pilger

„Schön, dass Sie wieder hier sind“

Bischof Wiesemann feierte Rosenkranzfest mit Patrozinium im Wallfahrtshof von Maria...
06.10.21
Redaktion der pilger

Erster gemeinsamer Klima-Appell

Weltreligionen rufen im Vorfeld des UN-Klimagipfels Anfang November zum Schutz der...
06.10.21
Redaktion der pilger

Werdende Mütter stark belastet

Caritasverbände präsentieren Auswertung der Schwangerschaftsberatung von vier...
06.10.21
Redaktion der pilger

Ernährung muss auf die politische Tagesordnung

Kritische Töne anlässlich Erntedank von Misereor
06.10.21
Redaktion der pilger

Südafrika feiert Desmond Tutu

Der Friedensnobelpreisträger blickt auf 90 Lebensjahre zurück
06.10.21
Redaktion der pilger

Wir müssen uns lösen und neu binden

Jesus fordert auch von uns, dass wir neu denken und anders leben
06.10.21
Redaktion der pilger

Aufeinander geachtet

Hundert Teilnehmer beim Diözesanseniorentag in Ludwigshafen-Pfingstweide
01.10.21
Redaktion der pilger

Kapelle wird endlich repariert

Auf der Kleinen Kalmit haben die Arbeiten begonnen – Einweihung im November
01.10.21
Redaktion der pilger

Ziel: Arbeitsgrundlagen schaffen

Vorsitzende Gabriele Kemper blickt auf die kommende Diözesanversammlung am 5....
01.10.21
Redaktion der pilger

Papst gewährt Kardinal Woelki eine Auszeit

Kölns Erzbischof Woelki darf mit einer Auszeit vorerst im Amt bleiben. Die...
01.10.21
Redaktion der pilger

Kunst für den letzten Weg

Sie sind individuell, einzigartig und so unverwechselbar wie der Mensch, für den...
01.10.21
Redaktion der pilger

Gesichter der Einheit

32 Frauen und Männer werben für den Nationalfeiertag
01.10.21
Redaktion der pilger

Mehr Mensch werden

Lebenslanger Prozess von Scheitern und Gelingen
24.09.21
Redaktion der pilger

Lebensmittel erzählen spannende Geschichten

Manche Speisen haben komische Namen. Und manches Lebensmittel ist weit gereist, bis...
22.09.21
Redaktion der pilger

Instrument mit Bestnoten

Die barocke Orgel der Kirche in Frankenthal-Eppstein wird 250 Jahre alt
22.09.21
Redaktion der pilger

Krise bedroht uns alle

Die Christians for Future fordern mehr Klimaschutz von den Kirchen
22.09.21
Redaktion der pilger

Stabwechsel bei den Pueri Cantores

Domkantor Joachim Weller ist der neue Präsident des Chorverbandes im Bistum Speyer
22.09.21
Redaktion der pilger
News-Feed (RSS) von der Zeitungsseite in die Webfamilie

Ein eloquenter Pfälzer

Pfarrer Thomas Schwartz ist neuer Geschäftsführer von Renovabis
22.09.21
Redaktion der pilger

Jesus warnt vor Überheblichkeit

Christsein ist Dienst, Dienst an allen
22.09.21
Redaktion der pilger

Ein „neuer Außenanstrich reicht nicht“

Volles Programm für Deutschlands Bischöfe: Auf ihre Herbstvollversammlung folgt...
15.09.21
Redaktion der pilger

Von Geld und Gott

Die Bankerin Marija Kolak hat seit einem Jahr ein neues Ehrenamt: Sie ist Beraterin...
15.09.21
Redaktion der pilger

Alles soll wieder gut werden

Kita St. Martin in Kaiserslautern startete Spendenaufruf für zerstörte Kita im...
15.09.21
Redaktion der pilger
News-Feed (RSS) von der Zeitungsseite in die Webfamilie

Orientierung am Kind

Jesu Lehrstück über das Reich Gottes
15.09.21
Redaktion der pilger

Konflikt erwartet

Frankfurter Stadtdekan zu Eltz zur Debattenkultur beim Synodalen Weg
15.09.21
Redaktion der pilger

Löscht die Lunte!

Der Papst ruft in Ungarn zum Kampf gegen Antisemitismus auf
15.09.21
Redaktion der pilger

Kämpfer für Menschenrechte in Brasilien

Kardinal und Befreiungstheologe Paulo Evaristo Arns vor hundert Jahren geboren
15.09.21
Redaktion der pilger

Verfolgte Christen

Ausstellung in Neustadt zu einem aktuellen Thema
08.09.21
Redaktion der pilger
News-Feed (RSS) von der Zeitungsseite in die Webfamilie

Feier mit neuen Freunden

Maria Rosenberg: Dank Online-Angeboten wächst die Fangemeinde
Treffer 1 bis 40 von 4372