Redaktion der pilger

Mittwoch, 12. Mai 2021

Stark für die Zukunft

Sophia Dohle ist Berufsschullehrerin für katholische Religion. (Foto: privat)

Dass Glaube im Leben helfen kann, wissen viele nicht. Sophia Dohle will es ihnen zeigen

Religionslehrerin für angehende Metallbauer und Tischler an einem Berufskolleg? Sophia Dohle beschreibt, warum sie diesen Beruf ergriffen hat, was sie erreichen will und wie sie mit den Diskussionen über die Kirche umgeht.

Da schwamm sie plötzlich im kalten Wasser, sagt Sophia Dohle. Sie war im Anerkennungsjahr hineingesprungen. Nach ihrem Abitur absolvierte sie das in der Caritas-Jugendhilfe in Werne. Es war eine Zeit, die bis heute nachwirkt – positiv: Der Kontakt mit den jungen Menschen in Extremsituationen hat ihren Blick geweitet. Damit kann sie heute als Berufsschullehrerin am Hans-Böckler-Berufskolleg in Marl und Haltern immer noch viel anfangen.

„Wo ich aufgewachsen bin, war die katholische Welt noch in Ordnung“, sagt die 30-Jährige. Sie spricht von Brilon im „beschaulichen Sauerland“. In dem sie klassisch kirchlich sozialisiert aufwuchs. Mit allem, was dazugehörte: Messdiener, Jugendarbeit, Ehrenamt. „Und dann wurde ich plötzlich mit dem Leben von Jugendlichen konfrontiert, das gerade überhaupt nicht gut lief.“ Beziehungsbrüche, Gewalt, Vernachlässigung – sie war ganz nah dran an den Abgründen. „An der Wirklichkeit“, sagt Dohle. Und meint das nicht abwertend: „Nein, das Jahr war total beeindruckend.“

Nicht alle kommen wie sie aus einer schönen heilen Welt
Manchmal fühlte sie sich wie eine „50-Prozent-Mama“ für ihre Klienten. Eine Rolle, die sie schnell lernen musste, denn der Kontakt zu den jungen Menschen war in der Regel nur vorübergehend: „Das Beste, was passieren konnte, vermittelten.“ Ihre wichtigste Erkenntnis dadurch? Sie überlegt nicht lange: „Ich bin nicht verantwortlich für das, was sie erlebt haben, aber dafür, sie stark für die Zukunft zu machen.“ Stark für die Zukunft – sie hat den Satz mitgenommen in ihren Beruf als Lehrerin für Religion und Pädagogik: „Ich möchte den Schülern helfen, mit den Herausforderungen des Lebens umgehen zu können.“ Ihr ist bewusst, wie das bei ihr selbst funktioniert – dass es ihr Glaube ist, der sie dann trägt: „Er ist Kraftquelle, mit der ich reflektieren und Hoffnung formulieren kann.“ Das kann sie aber nicht eins zu eins auf ihre Schüler übertragen. Die kommen immer häufiger aus einer völlig anderen Kulisse, als sie Dohle in Brilon erleben durfte. „Sie kennen das Leben nicht, in dem der Glaube sie in vielen Situationen begleitet und Lösungen eröffnet“, sagt Dohle. Die Einstellung der Schüler ist oft eine andere: „Ich muss nur konkret für etwas beten, und dann erledigt Gott das für mich.“ Wenn das nicht so funktioniert, erfüllt der Glaube nicht seinen Zweck. An diesem Punkt erlebt sie ihre Berufsauffassung als echte Herausforderung, sagt sie: „Ich möchte die Lebenswirklichkeit der Schüler in meinen Unterricht hineinholen und dann mit ihnen gemeinsam Kontaktflächen mit dem Glauben finden.“ Es geht ihr dann um „echte religiöse Relevanz“. Die Suche danach gestaltet sich nicht immer leicht, gibt sie zu: „Ansatzpunkte gibt es letztlich aber immer.“ Als Beispiel kann sie von einer Klasse für angehende Metallbauer und Tischler berichten: „Es war zu Beginn echt ein wenig desillusionierend, da einen religiösen Zugang zu finden.“ Vor ihr saßen überwiegend junge Männer, die im Alter von meist 16 bis 20 Jahren ganz andere Dinge im Kopf hatten. „Ich fragte mich, was ich das rauskitzeln sollte.“

Schreiner, Holz, Nachhaltigkeit und Schöpfungsglaube
Sie tat das, was dann immer hilft: „An ihr Berufsfeld anknüpfen.“ Thema: Nachhaltiger Umgang mit Rohstoffen. Den ökologischen Hintergrund brachte sie in Verbindung mit den Schöpfungsgedanken der Kirche und erarbeitete Schnittmengen auf die Frage, warum es wichtig ist, mit der Erde und dem Leben darauf verantwortungsvoll umzugehen. „Mehr als ein Anstupsen solcher Gedanken ist es oft nicht“, sagt Dohle. Und sie weiß, dass es dabei so gut wie nie klappt, die „Fülle des Glaubens“ zu vermitteln. „Ich freue mich trotzdem, wenn auch nur ein Schüler fühlt, dass es einen Raum dafür gibt, in dem er sich vielleicht mal irgendwann öffnen kann.“ Einen Raum, der Antworten aus dem Glauben heraus bietet, wenn es die Fragen des Lebens plötzlich in sich haben. Wie damals in ihrer Zeit bei der Jugendhilfe: „Lebensbrüche, Abschiede, Überforderungen …“ Bei den Klassen, in denen Pflegerinnen und Erzieherinnen sitzen, findet sie schneller solche Zugänge: „In ihrem Arbeitsalltag sind sie öfter mit der christlichen Hoffnungsdimension konfrontiert.“ Der Umgang mit Tod und Trauer begegnet etwa den Auszubildenden in Krankenhäusern und Altenpflegeeinrichtungen mit großer Wahrscheinlichkeit regelmäßig. Ihren Beruf als Lehrerin sieht sie an einer ähnlichen Schnittstelle. Auch wenn ihr Arbeitsplatz keine kirchliche Schule ist. Es war ihr wichtig, mit ihrer Missio canonica, der kirchlichen Beauftragung der katholischen Kirche mit Verkündigungs- und Lehraufgaben, an eine öffentliche Schule zu gehen. Sie wollte mit ihrer Auffassung möglichst weit raus aus dem kirchlichen Milieu. „Da habe ich Weite gesucht“, sagt Dohle. „Ich wollte Menschen aus allen Teilen der Gesellschaft erreichen, nicht nur aus dem Bereich, den ich als Jugendliche erlebt hatte.“ Ein Gefühl, dem sie schon am Ende ihres Studiums gefolgt war, als sich die Frage stellte, ob sie in den pastoralen Dienst geht oder Lehrerin werden will. „Raus aus dem katholisch sozialisierten Umfeld – rein in möglichst viele Lebenswirklichkeiten.“ Ihre Entscheidungen waren logisch. Es waren Schritte in eine Umgebung, in der sie sich mit ihrem Glauben manchmal als „Einzelkämpferin“ bewähren muss: „Dabei gibt es durchaus zermürbende Erlebnisse.“ Etwa, wenn sie als „Frau der Kirche“ mit den aktuell dominierenden Themen der Kirche gleichgesetzt wird. Wenn sie von einigen Schülern bisweilen als „Priesterin oder Pastorin“ angesprochen wird, ist deren Frage nicht weit, wie sie für eine Institution arbeiten kann, die etwa mit dem Missbrauch in den eigenen Reihen so skandalös umgeht. „Es ist vor allem meine Überzeugung, die zählt“ „In solchen Situationen kann ich nur durch Haltung überzeugen“, sagt Dohle. „Wenn ich in der Beziehung zu diesen Schülern ein anderes Bild vermittele, wirkt das viel stärker als der Versuch, die Probleme wegzudiskutieren.“ Das ist für sie zu einem Grundsatz geworden. Sie hat in ihren drei Jahren am Berufskolleg immer wieder erlebt, dass sie Religion nicht als Wissen vermitteln kann, sondern als Gefühl: „Es ist vor allem meine Überzeugung, die zählt.“ Dabei wird sie immer wieder auch als Seelsorgerin wahrgenommen. Wenngleich das eigentlich nicht ihr Aufgabenbereich ist. Aber die Fläche einer Religionslehrerin für persönliche Fragen ist groß. „Du bist von der Kirche, also bist du auch für meine Sorgen zuständig“, formuliert sie die Vermutung mancher Schüler. Auch das sieht sie alles andere als kritisch: „Das ist in Ordnung –  wo ich helfen
kann, tue ich das.“ (Michael Bönte)

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