Redaktion der pilger

Mittwoch, 26. Mai 2021

Wenn es eine Sünde gibt, dann ist es eine

„Die Kinder sind in der Falle.“ Traumatherapeutin Brigitte Bosse über die Betroffenen sexualisierter Gewalt. (Foto: altanaka/AdobeStock)

Sexueller Missbrauch: Es heißt in der Kirche oft, man wolle „die Perspektive Betroffener einnehmen“. Dazu gehört aber, Betroffene und ihre Situation zu verstehen. Sexualisierte Gewalt führt immer zu einem Trauma. Was bedeutet Trauma? Ein Gespräch mit der Traumatherapeutin Dr. Brigitte Bosse.

Frage: Was widerfährt Menschen, die ein Trauma erleiden? Was ist ein Trauma?

Dr. Brigitte Bosse: Ein seelisches Trauma ist grundsätzlich etwas, das die Verarbeitungsmöglichkeit des Individuums übersteigt. Wenn es die Verarbeitungsmöglichkeit nicht übersteigt, ist es eine Belastung. Wenn ich hinfalle und mir das Bein breche, ist das traumatisch im Sinne der Unfallchirurgie – ich bin hilflos, kann nicht mehr gehen: Das ist schlimm. Wenn ich aber ein Kind bin und eine nahestehende Bezugsperson mir absichtlich das Bein bricht, kriege ich das nicht gefasst, das kann nicht sein, das übersteigt die Verarbeitungskapazitäten.

Ist jede(r), der/die missbraucht wurde, traumatisiert?

Dr. Brigitte Bosse: Ich benutze das Wort Missbrauch nicht gern – denn es gibt keinen ,Gebrauch‘; ich spreche von sexualisierter Gewalt. Jeder sexualisierte Übergriff ist potentiell traumatisierend. Weil er Intimgrenzen, Körpergrenzen, Schamgrenzen verletzt. Und im klerikalen Umfeld, weil er spirituelle Grenzen verletzt. Aber die Betroffenen müssen nicht zwangsläufig von einem Trauma krank werden. Das Trauma ist die Einwirkung, die Krankheit kann die Folge sein. Bei sexuellen Übergriffen ist die Rate hoch, mehr als 50 Prozent der Betroffenen erkranken. Je länger, je mehr, je sadistischer die Taten, und je jünger die Kinder waren, umso stärker ist die Auswirkung. Je näher der Täter – wenn der Täter eine Vertrauensperson ist – dann wird es sehr viel schlimmer.

Es heißt in der Kirche immer, man wolle die Perspektive der Betroffenen einnehmen, aber dazu gehört, zu verstehen, was mit den Betroffenen passiert infolge der sexualisierten Gewalt.

Dr. Brigitte Bosse: Es ist wichtig zu verstehen, dass all die Eindrücke durch die sexualisierte Gewalt in den Körper, in den Kopf hineingelangen, auch wenn Betroffene sie nicht ordnen können. Diese Eindrücke führen im impliziten Gedächtnis, das unabhängig ist von Zeit, Raum, Ort, eine Art Eigenleben: Sie tauchen auf, tauchen ab – wenn das Trauma da ist, ist es ganz da – im Präsens: Hier und jetzt.
Was wir wahrnehmen, sind ja nicht Geschichten oder Abläufe. Was wir wahrnehmen, können wir nur über unsere fünf Sinne wahrnehmen: hören, sehen, riechen, schmecken, tasten. Diese Sinneseindrücke kommen ins Gehirn und werden im Frontalhirn verknüpft. Dann erst entsteht eine Geschichte daraus. Wenn diese Sinneseindrücke aber nicht zusammengefügt werden und keine Geschichte daraus entstehen kann, weil das, was ich wahrnehme, gar nicht passiert sein darf, dann ist es nicht zu integrieren. Dann ist es im impliziten Gedächtnis, und immer, wenn ein ähnliches Gefühl, ein Geruch, eine Beleuchtung, ein Gedanke, eine Empfindung, daran anknüpft, ist es wieder da.

Nicht hilfreich ist es, als Außenstehender zu sagen: Das ist doch lange her...

Dr. Brigitte Bosse: Die traumatische Erinnerung, die ploppt hoch. Nicht ich greife nach der Erinnerung, sondern die Erinnerung greift nach mir. Das ist das implizite Gedächtnis. Das implizite Gedächtnis hat keinen Raum, keine Zeit, keinen Kontext – das ist jetzt!
Wenn aber die Vergangenheit nicht vergangen ist, sondern die Vergangenheit jetzt stattfindet, dann gibt es dieses eine Bewusstsein: „Ich bin ausgebeutet, ich bin misshandelt, ich bin nichts wert.“

Manchmal wird über das Thema sexualisierte Gewalt gesagt, „es müsse mal gut sein“.

Dr. Brigitte Bosse: Das Ausüben sexualisierter Gewalt ist die intimste Grenzverletzung, die man sich vorstellen kann. Das stellt alles infrage, woran Menschen glauben können oder glauben wollen. Wenn in der Kirche gesagt wird, es muss jetzt endlich aufhören mit dem Thema, dann sage ich: „Hört auf, Kinder sexuell auszubeuten, dann hört ,es‘ auf. Bis ,es‘ aufhört, sollten wir uns um die kümmern, die sexuell ausgebeutet wurden und ihnen Gerechtigkeit widerfahren lassen – dann hört es auf. Aber vorher nicht.

Der Priester ist eine besonders herausgehobene Person mit einem besonderen Bezug zu Gott. Wenn nun so ein Mensch einem so etwas antut, ist das eine Potenzierung des Horrors.

Dr. Brigitte Bosse: Da, wo es um die Verletzung religiöser Grenzen geht, ist es für die Betroffenen unmöglich, das zusammenzubringen, dass, überspitzt gesagt, der Stellvertreter Christi auf Erden mich in die Sakristei zerrt und mich vergewaltigt. Das fasse ich nicht. Da verstumme ich ganz.
Das Vertrauen in Gott und Kirche wird irreparabel beschädigt. Jemand die Möglichkeit zu nehmen, ein Gottvertrauen aufzubauen oder aufrechtzuerhalten, das finde ich wirklich Sünde. Wenn es eine Sünde gibt, dann ist das eine.

Wie sind Sie als Traumatherapeutin in der Lage, den betroffenen Menschen zu helfen?

Dr. Brigitte Bosse: Wenn der Betroffene akzeptieren kann: „Das ist genau mir passiert“ und realisieren kann, was es für die eigene Biographie, für die eigene Entwicklung, für die eigene Sexualität, für die eigene Spiritualität bedeutet ... Wenn die Person den Schaden so integrieren kann, dass sie etwas aus dem Schaden nutzbar machen kann, dann sind wir im Bereich der Erfahrungen. Damit es zur Erfahrung wird, muss das Opfer begreifen: „Es ist mir passiert, es ist dann und dann passiert, es ist sogar absichtlich passiert, und ich bin verraten und ausgebeutet worden.“ Bei dem Begreifen können wir Therapeuten durch verschiedene traumaspezifische Interventionen, Techniken und Methoden behilflich sein.

Sie behandeln fast ausschließlich Menschen, die ein Trauma erlitten haben. Wie belastend ist das für Sie?

Dr. Brigitte Bosse: Ich arbeite in der Regel mit Dingen, die alle schon passiert sind. Menschen, die hier sitzen, haben es hier schon viel besser als dort, wo sie gewesen sind. Das gibt mir genug Zuversicht, zu sagen: „Wenn Du verstehst, dass Du hier angekommen bist, kannst Du das ,Dort‘ hinter Dir lassen.“ Also ist das Gewesene, was ich höre, schlimm, aber es ist gewesen. (Interview: Ruth Lehnen)

Dr. Brigitte Bosse ist ärztliche Psychotherapeutin und Gründerin des Trauma-Instituts in Mainz. Sie ist Mitglied der „Unabhängigen Kommission für Anerkennungsleistungen“ (UKA), die seit Januar 2021 arbeitet. Die Mitglieder dieser Kommission entscheiden über die Höhe der Zahlungen, die Betroffenen sexualisierter Gewalt in der katholischen Kirche zustehen. Um einen Antrag zu stellen, muss man sich an die unabhängigen Ansprechpersonen des Bistums wenden. Sie leiten den Antrag an die UKA weiter. Die UKA legt eine Leistungshöhe fest und weist die Auszahlung an Betroffene an. Die Geschäftsstelle der UKA informiert die betroffene Person sowie die zuständige Diözese und zahlt die festgelegte Summe aus.

Geschäftsstelle der Unabhängigen Kommission für Anerkennungsleistungen, Postfach 2962, 53019 Bonn,
Telefon 0228/103121, E- Mail: info@anerkennung-kirche.de

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