Redaktion der pilger

Montag, 05. Juli 2021

„Wir feiern jeden Freitag Schabbat“

Elishewa Patterson-Baysal (Fotos: BigNazik)

Viele Deutsche hätten noch nie einen Juden „live und in Farbe“ getroffen. Das sagt Elishewa Patterson-Baysal aus Frankfurt. Auf Fragen gibt sie gern Auskunft.

Frau Patterson-Baysal, erzählen Sie uns ein wenig über sich?
Ich bin 54 Jahre alt, in Frankfurt geboren. Von meiner Familie mütterlicherseits kommt die Jüdischkeit (jüdische Identität). Ich habe erst als junge Erwachsene angefangen, mich mit der Jüdischkeit und dem Judentum näher zu befassen. Ich habe zwei Kinder, bin geschieden und arbeite als Anwältin und als Syndikus-Rechtsanwältin in einer Bank. Viele Leute wissen nicht, dass es zahlreiche Juden in Deutschland gibt, die die Religion nicht ausüben... Alle in unserer Familie sind eingefleischte Atheisten – aber ich war immer schon sehr religiös und hatte eine sehr innige Beziehung zu G‘tt (Schreibweise, um den Namen Gottes nicht zu entweihen). In der Schule waren alle, wenn sie überhaupt etwas waren, Christen, aber damit konnte ich gar nichts anfangen, mit dieser Jesus-Konstruktion und diesem G‘ttes-Sohn-Ding. Und irgendwann habe ich verstanden warum, denn ich hatte einen Onkel, der in Australien lebte, und der sich mehr mit der Jüdischkeit und dem Judentum befasst hatte. Dieser Onkel hat mir dann gesagt, es ist kein Wunder, dass Du dich da nicht wohlfühlst, weil wir andere Wurzeln haben.

Sie sind also nicht jüdisch aufgewachsen?
Ich bin aufgewachsen mit der Haltung „Religion ist Opium für das Volk.“ Meine Eltern waren gar nicht religiös. In meiner Zeit gab es nur katholischen oder evangelischen Religionsunterricht oder eben „gar nichts“, und ich war immer „gar nichts“. Mittlerweile bin ich Mitglied der Jüdischen Gemeinde, meine Kinder sind jüdisch aufgewachsen und sie haben ihre jüdische Identität von Anfang an mitbekommen. Sie sind anders aufgewachsen als ich. Ich musste mir das erst mal erarbeiten.

Und jetzt engagieren Sie sich bei „Meet a Jew“ („Triff einen Juden“) und setzen sich da vielen Fragen aus ...
250. 000 Juden auf 80 Millionen Einwohner in Deutschland, das ist echt wenig, und manche Vorbehalte kommen daher, dass viele noch nie live und in Farbe einen Juden gesehen haben. Und darum geht es in erster Linie bei „Meet a Jew“ (www.meetajew.de), um Normalität. Ich sehe, da ist einer mit einer anderen Religion oder Volkszugehörigkeit oder Biographie als ich, aber der ist genauso ein Mensch. Triff einfach mal einen Juden!
Aber ich will eben nicht für DIE Juden sprechen. Wenn ich irgendwas sage, zumindest erscheint mir das so, dann spreche ich immer „für die Juden“. Und wenn ich irgendwas falsch sage, dann heißt es: Oh Gott, die Juden. Und wenn ich was Tolles sage, heißt es „Die sind so toll, die Juden.“ Als ob es mich als Person, mich als jüdischen Menschen, in meiner Widersprüchlichkeit, nicht geben dürfte, als wenn ich immer gleich Repräsentant bin von irgendwas. Ich wünsche mir, dass ich wahrgenommen werde als Individuum.

Im religiösen Judentum gibt es eine besondere Art, das Leben zu leben, zum Beispiel die Speisegesetze. Wie gehen Sie damit um?
Wir feiern zum Beispiel jeden Freitag Schabbat (Ruhetag, der am Vorabend, Freitagabend, beginnt). Das machen wir immer. In Nicht-Corona-Zeiten haben wir auch immer Gäste. Das ist ein großes Spektakel und mir auch total wichtig. Weil ich Vegetarierin bin und das Vegetarische auch sehr ernst nehme, habe ich, was die Kaschrut betrifft, also die jüdischen Speiseregeln, nicht so viel zu tun. Wenn man sich an die Kaschrut halten will und Fleisch isst, dann wird’s wirklich kompliziert und ist eine Herausforderung. Es ist also auch Ihre Entscheidung, dass Sie bestimmte Gesetze bejahen und dann auch danach leben. Ja, ich gehöre zu den Rosinenpickern. Die Sachen, die mir wichtig sind, die mache ich, und die, die mir nicht wichtig sind, die mache ich nicht. Wenn man sich das anguckt, ist das natürlich unter keinem Aspekt akzeptabel (lächelt), aber ich repräsentiere eben nicht das jüdische Volk oder irgendwelche Rabbiner, sondern ich repräsentiere nur mich, und in meinem Universum ist das vollkommen akzeptabel. Ich habe im Übrigen hundert Prozent Respekt vor jedem, der sich an die Regeln hält.

Gibt es sonst noch Regeln, die für Sie von großer Bedeutung sind?
Das Wichtigste für mich, das kommt aus der Jüdischkeit, ist „tikkun olam“, das heißt „Heile die Welt“. Es ist wichtig für mich, dass man ein anständiger Mensch ist, dass man sich einsetzt für andere Leute, dass man nicht zuguckt, wenn es Menschen schlecht geht, dass man versucht, fair zu sein und niemanden betrügt. Das ist mir wichtig, und die Kraft dafür ziehe ich auf jeden Fall aus meiner Jüdischkeit. „Tikkun olam“: Das führt ja auch zu meinem Beruf als Juristin. Als ich den Beruf ausgesucht habe, war das eine große Motivation. Im Anwaltsalltag geht es allerdings nicht immer darum, die Welt zu retten ... Ich versuche aber auch in meinem Job, nicht der Trickreiche zu sein, sondern der Anständige. Mir ist wichtig, dass ich transparent agiere, dass man sich auf mein Wort verlassen kann.

In welche Synagoge gehen Sie?
Im Moment in gar keine, weil einfach alles zu ist. In normalen Zeiten in die Synagoge im Baumweg in Frankfurt, eine kleine Synagoge mit einer sehr netten Gemeinschaft, es ist eine traditionell orthodoxe Synagoge, wo die Männer und die Frauen getrennt sind und der Gottesdienst traditionell orthodox durchgeführt wird. Und das finde ich auch ganz wichtig und sehr schön. Da fühle ich mich sehr wohl.

Spielt das Beten für Sie eine Rolle?
Ja, mit meinen Kindern habe ich immer morgens und abends das Gebet gesungen – in verkürzter Form. Und auch heute singe ich einfach das Morgen- und das Abendgebet. An Schabbat beten wir unsere Gebete. Und es gibt ganz viele Segenssprüche, über Essen, oder wenn man einen Regenbogen sieht, wenn man etwas Leckeres riecht. Ich nehme die, die mir gefallen. Beim Regenbogen zum Beispiel sage ich immer die Bracha (den Segensspruch) in hebräischer Sprache, aber ich kann ein Glas Wasser trinken ohne einen Segensspruch.

Sie engagieren sich auch in der Hospizbewegung?
Ich bin ehrenamtliche Hospizbegleiterin, da habe ich eine lange Ausbildung machen müssen. Vor nunmehr fast neun Jahren ist mein allerbester Freund gestorben, er war am Ende seines Lebens auf der Palliativstation. Und er hatte einen schweren, zehn Stunden langen Todeskampf. Ich habe die Verpflichtung gefühlt, ihn nicht allein zu lassen. Die Kraft dafür habe ich aus meiner Religion gezogen. Und ich habe es geschafft, und es hat mich auch nicht belastet. Ich wusste, dass er das jetzt von mir braucht. Dann habe ich mir gedacht, wenn ich das schaffe bei meinem besten Freund, dann schaffe ich das erst recht mit Leuten, die ich gar nicht kenne.

War es eine Stärkung durch das Gebet?
Es ist viel weniger dramatisch, es ging einfach darum, das Richtige zu tun. Das Richtige bei jemandem, der stirbt, ist, ihm die Hand zu halten, bei ihm zu bleiben.

Ist es für Sie ein Problem, dass zum Beispiel Ihre Schwester nicht religiös lebt?
Nein, überhaupt nicht. Es ist eher so: Sie findet mich in dieser Beziehung ein bisschen doof, wie viele andere auch. Wenn ich über meine Spiritualität rede oder über Religion oder über G‘tt, dann denken die meisten Leute, ich wäre irgendwie bekloppt. Weil Religiosität und Spiritualität oft belächelt werden, als ob es einen Widerspruch gäbe zwischen Religion und naturwissenschaftlichen Fakten.

Also müssen Sie als Jüdin und vor allem als religiöse Jüdin manchmal ein dickes Fell haben?
Die Haltungen, die die AfD hat und die ja viele Menschen mit ihr haben: „Fremdes ist schlecht und macht einem Angst ...“, diese xenophobischen Haltungen, spüre ich schon, aber was ich gleichzeitig spüre, ist, ich bin damit nicht allein. Ich bin nicht allein als Jüdin ausgegrenzt, sondern ich wäre das auch, wenn ich eine dunklere Hautfarbe hätte, wenn ich ein Kopftuch tragen würde: Es gibt so viele, die ausgegrenzt werden von der Mehrheitsgesellschaft. Aber die Erzählungen, wie schlimm die Juden sind, diese Erzählungen von der jüdischen Weltverschwörung, dass die in Zeiten von Corona wieder so viel Rückhalt bekommen, das belastet mich natürlich. Und dass in den muslimischen Ländern manchmal Bilder gezeigt werden, als wenn wir gar keine Menschen wären, sondern Hörner auf dem Kopf hätten, und auch, dass unter Nazis und Neonazis die Vorstellung herrscht, dass wir Menschen zweiter, dritter oder vierter Klasse sind, die keine Existenzberechtigung haben, das geht nicht spurlos an mir vorüber. Aber nicht nur an mir als Jüdin, sondern vor allem an mir als Mensch. Jede Art von Entmenschlichung belastet mich. Wenn jemand Muslime beschimpft, belastet mich das genauso, als wenn jemand mich beschimpft, denn es ist dieselbe Haltung, die uns davon abhält, gemeinsam Menschen zu sein.
(Interview: Ruth Lehnen)

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