Redaktion der pilger

Freitag, 06. August 2021

Gute Worte für die Seele

Jeden Tag gibt es beim Nürburgring eine Einsatzbesprechung (Bild links). Rechts das ökumenische Notfallseelsorgeteam mit (von links) Pfarrer Uwe Beck, Gemeindereferentin Egle Rudyte-Kimmle und Pfarrerin Suse Günther. (Foto: is)

Notfallseelsorgerinnen aus dem Bistum Speyer berichten von ihrem Einsatz im Katastrophengebiet an der Ahr

Egle Rudyte-Kimmle, Gemeindereferentin in der Pfarrei Heiliger Cyriakus, Thaleischweiler-Fröschen, und Tanja Rieger, Referentin für Katechese im Bistum, sind zwei von mehreren Notfallseelsorgerinnen und – seelsorgern aus dem Bistum Speyer und der Evangelischen Kirche der Pfalz, die in den von der Flutkatastrophe betroffenen Gebieten im Einsatz waren. In ihrem Bericht beschreiben sie ihre Eindrücke:

Altenahr, Dienstag, 20.Juli, Egle Rudyte- Kimmle

Als ich noch klein war und Schmerzen oder Kummer hatte, sagte meine Uroma immer: „Gott mutet einem nur so viel an schwerer Last und Kummer zu, wie er tragen kann: nicht mehr.“ Daran musste ich als erstes denken, als ich die Nachrichten über die Katastrophe im Ahrtal hörte, deren Ausmaß noch nicht wirklich klar war. Die ersten Bilder im Internet, alles noch Luftaufnahmen, raubten mir den Atem. Da wäre auch meine Uroma sprachlos gewesen.  

Als die Anfrage kam, den Menschen vor Ort als Notfallseelsorgerin zur Seite zu stehen und sich zum Einsatz zu melden, zögerte ich nicht, verschob meine schon sowieso durch Corona bescheidenen Urlaubspläne und durfte an zwei Tagen im Katastrophengebiet den betroffenen Menschen ein wenig zur Seite stehen.
Zusammen mit unserem Notfallseelsorger-Südwestpfalz-Team-Leiter, Pfarrer Uwe Beck, und Pfarrerin Suse Günther aus dem Team Zweibrücken machten wir uns am 20. Juli um 6 Uhr auf zum Nürburgring. Dort befindet sich die Einsatzzentrale für die Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV), aus der jeden Tag bis zu 300 ehrenamtliche und hauptamtliche Notfallseelsorger in die betroffenen Ortschaften gesendet werden. Die Helfer strömten aus der ganzen Bundesrepublik herbei. Manche Teams blieben bis zu fünf Tagen vor Ort und übernachteten in den Zelten auf Feldbetten. Gemeinsam mit den zahlreichen Helfern von verschiedenen Hilfsorganisationen – Rotes Kreuz, THW, DLRG, Feuerwehr, Polizei, Bundeswehr, selbst Wasserwacht und Bergwacht – waren wir ein großes Team, das zusammen ein Ziel hatte: möglich schnell ein Stück Normalität den Betroffenen zurückzugeben. (...)

Mit einem Rot-Kreuz-Wagen und einem netten Fahrer aus dem Westerwald fuhren wir gegen 11 Uhr los. Auf dem Weg schon sahen wir die Bilder, die wir vorher nur aus dem Fernsehen kannten: eine Zerstörung, die wir uns in Deutschland in Friedenszeiten nicht vorstellen konnten. Etwa drei Kilometer vor Altenahr mussten wir in einem Tunnel aussteigen und den Rest des Weges zu Fuß machen. Das Gefühl, sich in einer Kulisse eines Weltuntergangsfilmes zu bewegen, machte stumm und sprachlos im Anbetracht der Tatsache „Das hier ist real!“ Ohne viele Worte und sehr bewegt von dem Ausmaß der Zerstörung kamen wir zum vormals wunderschönen Altenahr. Der erste Eindruck: Berge von Schutt und Schlamm. (...) Wir (Pfarrerin Suse Günther und ich) hatten unsere „Zelte“ unterhalb der Kirche aufgeschlagen und hinter der Kirche stand Pfarrer Uwe Beck als Ansprechpartner zur Verfügung. Unterhalb der Kirche war das logistische Zentrum. Hier trafen sich alle Dienste, hier wurden Essen und Getränke ausgegeben. Hier wurden Einsätze verteilt. Immer wieder hörten wir die Worte „Wie schön, dass ihr da seid! Danke!“. Schon die Tatsache, dass die Notfallseelsorger/innen vor Ort sind, war eine Erleichterung.

Kirche als Zufluchts- und Lagerort
Der Pfarrer vom Altenahr erzählte uns, wie die Menschen in der Nacht der Katastrophe in der Kirche Zuflucht gefunden haben, im Gebet und gemeinsam haben sie die Nacht ausgeharrt. Dieser Ort hat zu dieser Zeit fünf Todesopfer zu beklagen gehabt. Einige waren auch vermisst. Die Kirche wird seitdem als Lagerraum benutzt: Hygieneartikel, Brillen, Kleider, Schuhe alles schön sortiert und auf die Bänke gelegt. Am Sonntag feierten sie einen Gottesdienst. Die Teilnehmer standen zwischen den gespendeten Sachen. Die Gespräche mit den Betroffenen und mit den Helfern haben gezeigt, dass in Altenahr trotz allem Zuversicht und Glaube nicht verloren gegangen sind. Die Menschen sind froh, dass ihre Kirche und ihr Pfarrer erhalten geblieben sind, dass so viele zum Helfen kommen, dass sie warme Mahlzeiten bekommen, frisches Wasser und eine funktionierende Toilette haben. Mit der Erkenntnis, dass viele noch unter Schock stehen, dass die Hilfen, auch für die Seele, noch sehr lange gebraucht werden, dass der Wiederaufbau noch Jahre dauern wird, aber auch, dass die Solidarität, bedingungslose Hilfsbereitschaft und gelebte Nächstenliebe ein Zeichen setzen, dass unsere Welt doch noch eine Chance hat, verließen wir gegen 19 Uhr Altenahr. Durch die Erlebnisse und das Wissen, dass noch dutzende Dörfer und Siedlungen entlang der Ahr die gleiche Zerstörung erlitten haben und Tausende Menschen in (auch seelischer) Not sind, beschloss ich, mich noch einmal zu melden. Drei Tage später durfte ich noch einmal, dieses Mal mit meiner Kollegin Tanja Rieger, in Richtung Eifel ausrücken.

Dernau, Freitag, 23.Juli, Tanja Rieger

Für mich war es das erste Mal seit langem, dass ich wieder als Notfallseelsorgerin im Einsatz war. Um sechs Uhr morgens brachen Egle Rudyte-Kimmle und ich zusammen an den Nürburgring auf. Die unzähligen Hilfsorganisationen dort zu sehen, machte mich erstmal sprachlos. Nach der Einführung wurden wir in Teams eingeteilt.

„Stumm für alle Menschen gebetet“
Zu sechst brachen wir auf zusammen mit einem Fahrer, der uns ins ca. eine Stunde entfernte Dernau brachte. Schon die Fahrt dahin zeigte, dass sich alles verändert hatte vor Ort. Eine kleine Zufahrtsstraße, die völlig verstopft war mit Autos und LKWs, Traktoren und Rettungsfahrzeugen führte als einzige nach Dernau. Das letzte Stück gingen wir zu Fuß. An der Kirche in der Ortsmitte angekommen, teilten wir uns in Zweier-Teams auf und zogen los: Der Auftrag war derselbe wie am Dienstag: Präsent sein, wahrnehmen, Gespräche führen. Was wir gesehen und erlebt haben, lässt sich kaum in Worte fassen: Die Bundesstraße, Brücken, Bahngleise, Weingüter, Hotels, der Friedhof, Schule, Kindergarten, Wohnhäuser – zerstört, verdreckt, von vielem waren nur noch die Wände und Fensterrahmen übrig. Es gibt keinen Strom und kein Wasser. Stumm habe ich für alle Menschen gebetet.

Viele Helfer und Helferinnen
Aber wir sahen auch: so viele Helfer und Helferinnen, „Danke“-Schilder an den Fenstern, Hoffnungszeichen und Menschen, die lächelten. Herzlich und offen wurden wir von allen empfangen. Viele waren froh, dass wir da waren. Wir sprachen mit Menschen, die alles verloren hatten, die uns schilderten, wie sie das Hochwasser erlebt – und überlebt hatten, die dankbar waren, dass sie überlebt hatten. Wir begegneten Menschen, die kamen und helfen wollten, Menschen, die auf der Suche nach einer Sonnencreme oder Handtüchern waren. Wir unterhielten uns mit Soldaten der Bundeswehr, zwei Polizisten und Männern vom Katastrophenschutz. Das waren nur kurze Gespräche, aber unser Wort der Aufmunterung tat allen gut.
Noch nie in meinem Leben bin ich zwischen so vielen großen Fahrzeugen und Maschinen gelaufen und fühlte mich doch sicher, weil die Menschen hier aufeinander achten – trotz allem. Und sie lachen, machen Witze und weinen und waren dankbar für unser Gebet, unser Interesse oder das Versprechen, zuhause in der Kirche eine Kerze anzuzünden.

Und fast am Ende des Einsatzes trafen wir eine Gruppe Männer, die warmes Essen verteilte. Dieses hatten sie in den umliegenden Moscheen gekocht. Einer von ihnen trug ein T-Shirt mit der Aufschrift: „Wir sind alle Deutschland“. Das und seine freundliche Art haben mich sehr berührt und für uns zum Ausdruck gebracht, um was es geht: Miteinander,
Solidarität. Nächstenliebe, Rücksicht. Wir verließen Dernau gegen 19 Uhr, erschöpft, aber mit dem guten Gefühl, ein wenig mitgeholfen zu haben. Sicher ist: Die Menschen dort und in den vielen anderen Orten, die betroffen sind, brauchen noch sehr lange Unterstützung und Hilfe. Sie dürfen nicht vergessen werden. Auch für die Einsatzkräfte und die vielen Helferinnen und Helfer ist eine gute Nachsorge – wenn sie das möchten – sicher wichtig. Denn was man hier gesehen, gehört, erlebt hat, ist ein Eindruck, der sich in Worte kaum fassen lässt und doch verarbeitet werden muss.

 

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