Redaktion der pilger

Mittwoch, 15. September 2021

Orientierung am Kind

Kinder – kleine Persönlichkeiten, die uns mit ihrer Hoffnung und Freude zum Vorbild werden können. (Foto: hailey_copter/AdobeStock.com)

Jesu Lehrstück über das Reich Gottes

Im Jahr 1986 schrieb Herbert Grönemeyer das Lied „Kinder an die Macht“. Darin heißt es: „Die Armeen aus Gummibärchen, die Panzer aus Marzipan, Kriege werden aufgegessen, einfacher Plan, kindlich genial; … statt zu unterdrücken gibt’s Erdbeereis auf Lebenszeit, immer für’ne Überraschung gut. Gebt den Kindern das Kommando, sie berechnen nicht, was sie tun. Die Welt gehört in Kinderhände, dem Trübsinn ein Ende.  Wir werden in Grund und Boden gelacht, Kinder an die Macht.“ Ich glaube, dass viele dieser Aussagen auf Kinder zutreffen. Manches scheint ein wenig übertrieben, aber die Grundaussage „Wenn die Welt in Kinderhänden läge, gäbe es bestimmt weniger Kriege und mehr Freude auf der Erde!“ stimmt.

Auch der berühmte Militär- und Kinderarzt sowie Kinderbuchautor und bedeutende Pädagoge Janusz Korczak schreibt in seiner Erzählung „Wenn ich wieder klein bin“ folgende Sätze: „Ihr sagt: ‚der Umgang mit Kindern ermüdet uns.‘ Ihr habt recht. Ihr sagt: ,Wir müssen zu ihrer Begriffswelt hinuntersteigen. Hinuntersteigen, uns herabneigen, beugen, kleiner machen.‘ Ihr irrt euch. Nicht das ermüdet uns. Sondern, dass wir zu ihren Gefühlen emporklimmen müssen. Emporklimmen, uns ausstrecken, auf die Zehenspitzen stellen, hinlangen.“

Im heutigen Evangelium geht es auch um Kinder. Kinder waren im Leben Jesu immer von großer Bedeutung. Erinnert sei nur an die Auferweckung der Tochter des Jairus (Mk 5,35) oder an die Heilung des Mädchens der fremden Frau aus Tyrus (Mk 7,24). Ich hatte 1987 die Gelegenheit, Israel zu besuchen, unter anderem auch den Ort Kafarnaum. Ich erinnere mich noch an ein Schild, das dort hing: „Kapharnaum, the town of Jesus“. Ein Platz also, der für Jesus von besonderer Bedeutung gewesen ist.

An diesem „Heimatort“ ergreift Jesus das Wort, um den Jüngern noch einmal eine grundsätzliche Lehre zu erteilen. Und Jesus tut etwas, was zu dieser Zeit ein Rabbi nicht tun sollte. Er gibt sich mit Kindern ab. Kinder spielen in der damaligen Welt und in den religiösen Vorstellungen keine besondere Rolle. Wer nicht lesen kann, kann die Gesetze Gottes nicht beachten. Kinder sind unmündig und der Vater hat die Entscheidungsgewalt. Jesus aber durchkreuzt die alten Denkmuster. Kinder sind für ihn eigenständige Subjekte. Er nimmt sie in seine Arme. Immer wieder segnet er sie und legt ihnen die Hände auf. Er nimmt sie an, auch wenn sie schwach und hilfsbedürftig sind. Und er spricht von der „basileia“, der Königsherrschaft. „Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf; wer aber mich aufnimmt, der nimmt nicht nur mich auf, sondern den, der mich gesandt hat.“

Die Königsherrschaft Gottes wie ein Kind annehmen, ist ein unverdientes Geschenk. Kinder haben nichts vorzuweisen. Sie können nicht auf Leistung pochen, sondern brauchen Schutz und Geborgenheit. Im Reich Gottes geht es nicht darum, der Größte zu sein. Es geht nicht um Streben nach Titeln und Orden, um Posten und Karriere. Wer der Größte sein will, muss erst einmal klein werden wie ein Kind. Er muss die Perspektive und die Haltung eines Kindes einnehmen. Ein Kind vertraut auf die Liebe und das Angenommensein der Eltern. Ein Kind ist nicht groß, es ist noch nicht fertig in seiner Entwicklung. Es ist nicht vollkommen, nicht leistungsstark, nicht selbstsicher. Es zeigt Gefühle. Es lacht, es weint. Es träumt. Oft ist es enttäuscht, dann aber wieder voller Hoffnung. Das ist die Botschaft, die Jesus seinen Jüngern mit auf den Weg geben will.

„Nehmt das an und nehmt das gütig auf, was ihr seid, gerade in den Teilen eurer Seele, die noch nicht fertig sind, …, die noch nicht perfekt sind,…, die noch nicht vollendet sind, … lasst in euch gelten, was in euch leben möchte, und weist es nicht zurück, nur weil es euch klein und mickrig, unausgebildet und unreif vorkommt. Wagt nachzuholen und nachzuleben, was in euch nie hat leben dürfen, und traut Gott zu, …, so zu existieren, wie ihr gemeint seid, in der ganzen Länge und Breite eures Wesens“ (Eugen Drewermann).

In dem sehr lesenswerten Buch von Ferdinand Klein „Mit Janusz Korczak Inklusion gestalten“ werden uns konkrete Grundlagen für Inklusion an die Hand gegeben. Die wichtigsten sind: Mit Kindern auf Augenhöhe sprechen und ihm das Einüben demokratischer Regeln ermöglichen. Das Kind nicht von oben manipulieren. Das Kind als Persönlichkeit wahrnehmen. Jedes Kind hat das Recht auf sein Geheimnis und auf Fehler.

Der Umgang Jesu mit Kindern, Korczaks Gedanken und auch Grönemeyers Lied können uns helfen, neu über unser Verhältnis zu Kindern nachzudenken, gerade in Zeiten, in denen sehr viel über Kindesmissbrauch in Kirche und Gesellschaft berichtet wird. Es hilft uns aber auch, das Reich Gottes, das mitten unter uns ist, neu zu entdecken, gerade im Kleinen, in den „kleinen, unfertigen Menschen“ und den Kleinigkeiten des Lebens. (Stefan Dreessen)

 

 

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