Redaktion der pilger

Mittwoch, 22. September 2021

Ein „neuer Außenanstrich reicht nicht“

Dr. Beate Gilles, Generalsekretärin der Deutschen Bischofskonferenz, im Sitzungssaal im Fuldaer Schloss bei ihrer ersten Herbst-Vollversammung in Fulda am 21. September 2021. (Foto: KNA/Harald Oppitz )

Volles Programm für Deutschlands Bischöfe: Auf ihre Herbstvollversammlung folgt bald das Plenum des Synodalen Wegs. In diesen Tagen entscheidet sich, welche Reformen in der Kirche wirklich möglich sind.

Von Routine konnte bei dieser Herbstvollversammlung der katholischen Bischöfe in Fulda keine Rede sein. Zwar gleichen sich die Bilder: Auf dem Fuldaer Domplatz haben wie in den Vorjahren kirchenkritische Initiativen die Plastik eines in seiner Hängematte schlummernden Bischofs aufgestellt, um gegen die aus ihrer Sicht schleppende Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs zu protestieren.

Erneut demonstrieren Reforminitiativen unter dem Motto „Wir bleiben laut“ für Gleichberechtigung, Gerechtigkeit und Glaubwürdigkeit in der Kirche. Und wieder beobachtet man Gruppen von dunkel gekleideten Bischöfen auf ihrem Weg vom Priesterseminar zum Tagungsraum im Fuldaer Stadtschloss, wo eine umfangreiche Tagesordnung auf die mehr als 60 Bischöfe und Weihbischöfe wartete. Doch diesmal wird in der Gerüchteküche besonders heiß gekocht. Entscheidet Papst Franziskus noch während der Vollversammlung über die Zukunft des Kölner Kardinals Rainer Maria Woelki? Das Raunen darüber prägt viele Gespräche in Fulda. Was wird aus den Kölner Weihbischöfen Ansgar Puff und Dominikus Schwaderlapp, deren Ämter ruhen? Sie nahmen an der Vollversammlung nicht teil - anders als der Hamburger Erzbischof Stefan Heße, der von seinen Mitbrüdern herzlich begrüßt wurde, nachdem der Papst sein Rücktrittsgesuch - ebenso wie schon das Angebot des Münchner Kardinals Reinhard Marx - erst vergangene Woche abgelehnt hatte. Römische Entscheidungen gab es dann doch nicht.

Aber jede Pressekonferenz und jede Predigt bot Stoff für Spekulationen. Trotz dieser Begleitmusik verlief die Herbstvollversammlung - mit umfangreichen Personalentscheidungen und Debatten über Reformen und die Zahlungen für Missbrauchsopfer - konstruktiv. Das lag auch am Vorsitzenden, dem Limburger Bischof Georg Bätzing, der das Treffen souverän leitete, weit entfernte Positionen zu integrieren versuchte und klare Zeichen für ein Umdenken forderte: Ein neuer Außenanstrich reiche nicht; die Menschen müssten merken, dass sich etwas verändere.

Mit einer selbstkritischen Predigt beeindruckte der 60-Jährige seine Mitbrüder - obwohl oder gerade weil er von ihnen eine radikale Wende in Wirken und Amtsverständnis forderte. Ohne eine echte Umkehr würden die Bischöfe der Wucht des Missbrauchsskandals und der Dramatik der Entkirchlichung nicht gerecht, schrieb Bätzing den Bischöfen ins Stammbuch. Für Menschen in einer freiheitlichen Gesellschaft sei das bisherige Auftreten der Bischöfe ein Anlass, das Erlösungsangebot der Kirche „als anmaßend und übergriffig und angesichts des Missbrauchs obsolet zurückzuweisen“. Starke Worte, die noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wären. Fest steht: Der Druck auf die Bischöfe ist riesig.

Während der Botschafter des Papstes, Nikola Eterovic, die Bischöfe eindringlich mahnte, nicht zu weit vorzupreschen und die Einheit der Kirche zu wahren, können Teile der Kirchenbasis dieser innerkirchlichen Logik immer weniger folgen. Warten oder vorangehen? Die Ampelmännchen in Fulda versinnbildlichen diesen Konflikt: Sie sind nach dem Vorbild des heiligen Bonifatius Bischöfe. Der rote Bischof hält warnend das Kreuz in die Höhe, der grüne schreitet mit seinem Stab forsch voran. Mancher Bischof ließ in Fulda durchblicken, dass man eigentlich viel mehr Zeit bräuchte, um die Reformthemen zu durchdenken und neue Wege zu suchen.

Doch die Zeit drängt: Die Fuldaer Vollversammlung ist nur eine Art Prolog. Schon nächste Woche werden in Frankfurt die Mitglieder des Synodalen Wegs zusammenkommen, um über Reformvorschläge - etwa zur Sexualmoral oder zur Macht in der Kirche - zu diskutieren und erste Textentwürfe abzustimmen. Das Frankfurter Treffen könnte noch unruhiger werden als die Bischofsversammlung in Fulda: Die Bischöfe Rudolf Voderholzer und Stefan Oster demonstrierten bereits im Vorfeld Distanz zur Mehrheitsmeinung im Reformprozess. Oster fürchtet, dass die „Verteidiger der geltenden kirchlichen Lehre“ kaum noch mit ihren Argumenten durchdringen. Voderholzer hat eine Webseite gestartet, um „Alternativtexte“ zum Synodalen Weg zu veröffentlichen.

Die beiden sind nicht die einzigen, die Kritik an den überwiegend von Theologieprofessorinnen vorbereiteten Synodal-Texte üben. Diese seien zu wenig in der kirchlichen Lehre und in der Tradition des Zweiten Vatikanischen Konzils verankert, lautet einer der Vorwürfe. Und so scheint es durchaus möglich, dass auf die offene und konstruktive Debatte der Bischöfe in Fulda in Frankfurt eine scharfe Konfrontation folgen wird. Selbst eine bischöfliche Sperrminorität - dafür genügen die Stimmen von 23 Bischöfen und Weihbischöfen - scheint bei der Synodalversammlung in Frankfurt nicht ausgeschlossen.

Für eine geschlechtergerechte Kirche und eine schonungslose Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch haben derweil rund 80 Frauen und Männer zum Abschluss des Herbsttreffens der katholischen Bischöfe in Fulda demonstriert. Sie zogen mit Transparenten und Regenbogenfahnen durch die Innenstadt bis zum Dom. Frauen dürften nicht länger vom Priesteramt ausgeschlossen werden, so ihre Forderung. Es brauche eine radikale und grundlegende Erneuerung der katholischen Kirche. Zugleich mahnten sie die weitere Aufarbeitung von Missbrauchsfällen in der Kirche an. Mehrere Bischöfe und die Generalsekretärin der Deutschen Bischofskonferenz, Beate Gilles, suchten bei der Abschlusskundgebung am Dom das Gespräch mit den Demonstrantinnen. Unterdessen rief die Initiative „Wir sind Kirche“ die Bischöfe dazu auf, den „mühsam begonnenen Reformprozess des Synodalen Weges geschlossen und mit voller Kraft weiterzugehen“. Es brauche eine theologisch begründete Weiterentwicklung der kirchlichen Lehre. Dabei gehe es keineswegs um einen deutschen Sonderweg. (Christoph Arens/Ludwig Ring-Eifel/ KNA)

Weitere Informationen finden sich hier: www.dbk.de/themen/vollversammlung

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