Redaktion der pilger

Montag, 15. November 2021

Ein unterschätzter Teil der Theologie

Wer an Theologie denkt, denkt meist an Dogmatik. Oder an die Bibelexegese. Vielleicht noch an Kirchenrecht oder Kirchengeschichte. An die Katholische Soziallehre denken die wenigsten. Dabei ist sie das Fach der Theologie, das wohl am weitesten in die Gesellschaft ausgestrahlt hat. (Foto: kna/Romano Siciliano)

Die Kirche als Anwältin der Arbeiter

Wenn wir heute klagen, dass sich schnell vieles verändert, dann sollten wir ins 19. Jahrhundert schauen: Damals veränderte sich sehr schnell sehr viel. Die Demokratiebewegung brachte die alte Ordnung durcheinander, wirtschaftlich änderte die Industrielle Revolution alles. Aber die Maschinen erleichterten nicht etwa das Leben der Arbeiter, sie erschwerten es. In Textil- und anderen Fabriken wurde aus harter Arbeit eine harte, gefährliche Arbeit. Und während früher die Arbeit in der Landwirtschaft dem Rhythmus der Jahreszeiten folgte, gab es in der Fabrik gar keine Pause mehr. Dazu war der Lohn minimal, die Wohnverhältnisse in den explodierenden Städten katastrophal. Die Gewinne aus der neuen industriellen Produktion strichen die Besitzenden ein, die Arbeitenden wurden gnadenlos ausgebeutet.

Es ist vielleicht Gottes Geist zu verdanken, dass die Kirche damals nicht mit den Mächtigen paktierte, sondern zur Anwältin der Armen wurde. Und das nicht nur durch Armenfürsorge, sondern durch knallharte sozialpolitische Forderungen.

Die herausragendste Figur war der Mainzer Bischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler (1811-1877). Schon 1848, damals noch Dorfpastor, sagte er: „Die Besitzenden und die Nichtbesitzenden stehen sich feindlich gegenüber.“ Und obwohl eigentlich klar war, zu welcher Seite der gebürtige Freiherr aus einem westfälischen Adelsgeschlecht gehört, schlug er sich auf die andere.

Inspirieren ließ sich Ketteler auch von Erfahrungen in England mit seinem brutalen Kapitalismus. Hier lernte er den Sinn von Gewerkschaften kennen, die in Deutschland als sozialistisch, marxistisch und latent kirchenfeindlich galten. Daher löste es geradezu Aufruhr aus, dass Ketteler 1869 in einer Predigt Gewerkschaften befürwortete. Sie seien im Großen und Ganzen vorbildlich; die von ihnen in England organisierten Streiks hätten den Arbeitern große soziale Fortschritte gebracht.

Weil auch Ketteler Sorge hatte, dass die Arbeiterbewegung marxistisch unterwandert wird, warb er für die Gründung von katholischen Arbeitervereinen als christliche Alternative. In der Sache blieb er dabei, dass die Soziale Frage ureigenes Terrain der Kirche sein müsse, und erhielt deshalb den Beinamen „Arbeiterbischof“. Einer, der vom Arbeiterbischof lernte und ihn „unseren großen Vorgänger“ nannte, war Papst Leo XIII. Er veröffentlichte 1891 die erste Sozialenzyklika. Ihr Titel „Rerum Novarum“ (Über die neuen Dinge) ist bezeichnend: Es ging dem Papst um neue Probleme, um Fragen, um die sich die Kirche bis dahin nie gekümmert hat, um das Proletariat. Typisch für „Rerum Novarum“ und für alle bis 1989 folgenden Sozialenzykliken ist ein Kampf an zwei Fronten. Die eine Front ist der zügellose Kapitalismus, die Ausbeutung der Armen durch die Besitzenden. Die andere Front sind Sozialismus und Kommunismus, denen die Kirche alles entgegenwirft, was sie aufzubieten hat. Auch deshalb haben alle Päpste den Privatbesitz verteidigt und jedes Modell, das nach Vergesellschaftung des Kapitals oder Enteignung roch, strikt abgelehnt.

Schaut man sich die Sozialenzykliken näher an, erkennt man Übereinstimmungen in den Grundprinzipien. Man erkennt aber auch, wie zeitbedingt sie sind. So thematisiert „Quadragesimo anno“ (1931) vor dem Hintergrund des Faschismus eine christliche Gesellschaftsordnung. In „Populorum progressio“ (1967) wird erstmals globale Gerechtigkeit im Sinne eines gerechten Ausgleichs zwischen entwickelten und unterentwickelten Ländern verlangt. In „Centesimus annus“ (1991) rechnet Johannes Paul II. nicht nur mit dem Kommunismus ab, sondern auch mit den Auswüchsen eines ungezügelten Kapitalismus. Und Papst Franziskus hat in „Laudato si“ und „Fratelli tutti“ die Klimakrise im Blick.

Sozialethik: ein neues theologisches Fach
1893 wurde in Münster der erste Lehrstuhl für Christliche Gesellschaftslehre eingerichtet, er blieb bis 1920 allerdings der einizige. Erster Lehrstuhlinhaber war Franz Hitze. Er gehörte ebenso zu den Pionieren der christlichen Soziallehre wie der Jesuit Oswald von Nell-Breuning (1890-1991), der ab 1929 in Frankfurt St.-Georgen lehrte, aber weit darüber hinaus wirkte. So war Nell-Breuning der wohl wichtigste Berater mehrerer Päpste in sozialen und wirtschaftlichen Fragen. Doch erst in den 1950er Jahren wurde Christliche Gesellschaftslehre/Sozialethik eigenständiges Pflichtfach an den theologischen Fakultäten. Bekannte frühere Lehrstuhlinhaber sind etwa der spätere Kölner Kardinal Joseph Höffner und der streitbare Jesuit Friedhelm Hengsbach.(Susanne Haverkamp)

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