Redaktion der pilger

Montag, 15. November 2021

„Ich halte viel vom Tun“

Johann Wilhelm Römer war Jesuitenschüler, Landrat, Staatssekretär und Generalsekretär der Deutschen Roten Kreuzes – und er ist seit vielen Jahrzehnten Leser der Speyerer Bistumszeitung „der pilger“. Als seine Augen ihn im Stich ließen, begann er zu schreiben. Auch über Glaube und Kirche. (Foto: Susanne Haverkamp)

Das soziale und gesellschaftliche Engagement hat Johann Wilhelm Römer bei den Jesuiten gelernt

„Denkt selber! So sind wir erzogen worden.“ Das sagt Johann Wilhelm Römer (83) über seine Schulzeit im Jesuiteninternat St. Blasien. „Es ist Zufall, dass ich dahingekommen bin“, sagt er. „Wie überhaupt vieles in meinem Leben Zufall war.“ Aufgewachsen ist er in der Pfalz, in Kaiserslautern. „Aber irgendwann meinten meine Eltern, ihr schmächtiges, asthmageplagtes Knäblein brauche Luftveränderung.“ So kam er 1949 in den Schwarzwald. Und blieb bis zum Abitur im Jahr 1958.

Es sei, sagt er, eine strenge Zeit gewesen: „Für Luxus war kein Platz.“ Fordernd war es, schon vor dem Frühstück wurde studiert. Aber anders, als man vermuten mag, „atmete alles den Geist einer freiheitlichen Erziehung“, sagt Römer. Nicht einmal verbotene Bücher waren verboten. „Die Jesuiten haben gesagt: Für Leute, die gebildet sein wollen, gibt es keinen Index!“ Und das in den 1950er Jahren!

In mehrfacher Hinsicht habe seine Schulzeit „gewaltige Nachwirkungen“ gehabt, sagt Römer, und betont: „Positive Nachwirkungen!“ Nicht nur, dass er in der Schwester seines Schulfreundes die Frau fürs Leben gefunden hat, Hildegard, mit der er seit 56 Jahren verheiratet ist und vier Kinder hat. Auch soziales und gesellschaftliches Engagement hat er bei den Jesuiten gelernt, etwa über die Vinzenz-Gruppe, die sich um Geflüchtete und Vertriebene gekümmert hat. „Dass ich später für das Rote Kreuz gearbeitet habe, hat vielleicht auch damit zu tun.“

Nachgewirkt hat auch die religiöse Erziehung, die „nicht frömmelnd war, sondern sehr handfest“. Und damit meint er sozial, politisch und kritisch. „Ich halte nicht viel vom Bekennen“, sagt Römer. „Ich halte viel vom Tun.“ Und vom Selberdenken. „Theologie ist seitdem ein Hobby von mir.“ Ein Hobby, das er seit seinem Ruhestand noch ausgeprägter pflegt.

Wenn der Zufall kommt, muss man zugreifen
Denn vor dem Ruhestand hatte Johann Wilhelm Römer wenig Zeit für Hobbys, er war ein, wie er sagt, „homo politicus“, ein durch und durch politischer Mensch. Wobei „meine politische Karriere auch eher Zufall war“. Zufällig sei er nach dem Jurastudium ins rheinland-pfälzische Ministerium für Wirtschaft und Verkehr gekommen, zufällig wurde später ein Büroleiter gebraucht, noch später kam man zufällig auf ihn, als ein Kandidat für das Amt des Landrats gebraucht wurde. Und als dann ein Staatssekretär über die Glykol-Affäre um verpanschten Wein stolperte, dachte man zufällig wieder an ihn. Allerdings sagt Römer auch: „Wer die Hände in den Schoß legt, an dem geht der Zufall vorbei.“ Soll heißen: Er griff zu, wenn sich Chancen boten. Und arbeitete viel. „Oft bin ich morgens aus dem Haus gegangen, wenn die Kinder noch schliefen, und kam zurück, wenn sie schon wieder schliefen.“ Es klingt viel Dankbarkeit und Liebe durch, wenn er sagt: „Nur weil meine Frau hinten das Tor gehütet hat, konnte ich vorne stürmen.“

Mit Anfang 50 bot sich dafür noch einmal ein neues Spielfeld: Römer wurde Generalsekretär des Deutschen Roten Kreuzes. Besonders die Auslandseinsätze in Katastrophengebieten haben ihn herausgefordert. Und das Zusammenwachsen der Roten Kreuze BRD und DDR. „Es hat mich fasziniert, das mitzugestalten“, sagt er.

Blieb bei all diesen beruflichen Verpflichtungen noch Zeit, sich kirchlich zu engagieren? „Auf jeden Fall“, sagt Römer, „war immer Zeit für die Sonntagsmesse.“ Entweder zu Hause in Mainz oder unterwegs. „Ich bin deshalb auch schon mal zu spät zu Sitzungen erschienen“, sagt er. „Und wenn ich für das Rote Kreuz im Ausland unterwegs war, habe ich immer geschaut, wo die nächste katholische Kirche ist.“ Nicht nur aus Frömmigkeit, sagt er und lacht. „Auch weil ich wissen wollte, wie die das hier machen.“
Doch irgendwann war es vorbei mit der ersten Reihe. Seit Römer mit etwas über 60 auf beiden Augen Netzhautab-
lösungen erlitt, sieht er nur noch sehr schlecht. „Das vertrug sich nicht mit Auslandsreisen für das Rote Kreuz“, sagt er. Er ging in den Ruhestand und widmete sich einem neuen Hobby: schreiben. Zuerst viele Leserbriefe, dann auch Gedanken zum Glauben und zur Lage der Kirche, mal länger, mal kürzer, mal sachlich, mal persönlich, mal ernst, mal ironisch, manchmal sogar gereimt. Fast wie Tagebucheinträge wirken die Texte, die er irgendwann als Bücher herausgegeben hat.
„Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich das tun soll“, sagt er. Seine Sorge: er könne mit seinen kritischen Gedanken missverstanden werden. „Ich will keinen Tropfen Wasser auf die Mühlen derjenigen gießen, die heute mit der Kirche so hasserfüllt umgehen“, sagt Römer. Dennoch will er etwas dagegensetzen, „wenn ich sehe, wie Menschen, deren Botschaft die Liebe ist, miteinander umgehen“. Und wie heuchlerisch vieles in der Kirche ist. „Wenn ein Gesetz wie das Kommunionverbot für wiederverheiratet Geschiedene überall umgangen wird, dann muss man doch wohl das Gesetz überdenken“, sagt er.

„Ich möchte mutig ins Freie und Offene denken“
Seine „Römer-Briefe“ versteht er deshalb als Beitrag zur Diskussionskultur in der Kirche. „Ich möchte mutig ins Freie und Offene denken“, sagt er ganz in der Tradition seiner jesuitischen Schule. „Nicht, weil ich weiß, wie es geht, aber um Fragen zu stellen und Denkanstöße zu geben, die man diskutieren kann.“ Einheit ist dabei eines seiner Themen. „Nicht nur die Einheit der Christen, sondern aller Geschöpfe Gottes. So verstehe ich nämlich den Satz Jesu: Alle sollen eins sein“, sagt Römer. Sein anderes großes Thema ist „Liebe deinen Nächsten“. „Wir müssen in der Kirche abrüsten“, sagt er. „Wenn Bischöfe durch ein Spalier von Protestierenden gehen müssen, dann verhärtet das doch nur die Fronten; davon halte ich gar nichts.“ (Susanne Haverkamp)

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