Redaktion der pilger

Mittwoch, 29. Dezember 2021

Die Pandemie verändert die Kirche

Pfadfinder in Roxheim mit Ostergrüßen für Senioren (Foto: Pfarrei Hl. Maria Magdalena-Bobenheim-Roxheim/zg)

Hören, was die Pfarreien und ihre Gemeinden in diesen Corona-Zeiten bewegt, und sehen, was haupt- und ehrenamtlich Engagierte leisten, um jetzt die Menschen zu erreichen – das waren Ziele der Pastoralbesuche in allen 70 Pfarreien.

Wie geht es den Pfarreien und den Gläubigen in der Corona-Pandemie? Mit welchen besonderen Herausforderungen sehen sie sich konfrontiert? Welche Wege werden gegangen, um kirchliches Leben zu gestalten und mit Menschen in Kontakt zu bleiben? Um diese und weitere Fragen ging es bei den Pastoralbesuchen von Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann, Weihbischof Otto Georgens, Generalvikar Andreas Sturm, Ordinariatsdirektorin Christine Lambrich und Domkapitular Franz Vogelgesang in allen 70 Pfarreien des Bistums. Diese fanden von Februar bis Oktober 2021, teils als Videokonferenz, teils in Form von Begegnungen vor Ort statt. Mit ihnen wollten der Bischof und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in einer Zeit tiefer Verunsicherung und Umbrüche ihre Verbundenheit mit den Gemeinden vor Ort zeigen und mit Haupt- und Ehrenamtlichen über die aktuelle Situation ins Gespräch kommen.

Mutig Neues ausprobieren
Weihbischof Georgens zeigt sich im Rückblick beeindruckt von den vielen neuen Gottesdienstformaten: „Ob Küchenkirche, Sonntagsbriefe, Telefonandachten, Krippenfeiern ,to go‘ oder Online-Taufkatechesen: Corona war für viele Pfarreien ein Anlass, ausgetretene Pfade zu verlassen und Neues auszuprobieren. Auch wenn manches davon aus der Not heraus geboren worden ist, wollen viele Pfarreien auch nach Corona an den neuen Gottesdienst- und Verkündigungsformaten festhalten. Dazu kann ich sie nur ermutigen.“ Georgens dankt vor allem den vielen Ehrenamtlichen: „Nur durch ihren hohen Einsatz und ihre Kreativität sind Gemeinden trotz Abstandsgebot und Kontaktbeschränkungen lebendig geblieben, konnten Kinder und Jugendliche auf die Sakramente vorbereitet werden und haben Alte und Kranke erfahren, dass sie nicht alleine und vergessen sind.“ Der Weihbischof weiß aber auch um die negativen Auswirkungen der Pandemie: „In vielen Pfarreien haben sich Jugendgruppen und Chöre seit eineinhalb Jahren nicht mehr getroffen, und es ist fraglich, ob sie überhaupt weiter bestehen werden. Auch die Gremienarbeit war unter Corona-Bedingungen oft schwierig oder kam zeitweise ganz zum Erliegen.“

Konzentration auf das Wesentliche des Glaubens
„Vor allem die Bestattungen im kleinen Kreis und auf Distanz waren nicht nur für die Angehörigen, sondern auch für unsere Seelsorgerinnen und Seelsorger sehr belastend. Ebenso, dass Besuche in Altenheimen, Krankenhäusern und Kindertagesstätten nur unter erschwerten Bedingungen oder gar nicht möglich waren.“ Von diesen und anderen Herausforderungen berichtet Christine Lambrich, die Leiterin der Personalabteilung, und dankt allen pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern: „Die Behauptung, die Kirche sei in der Pandemie nicht sichtbar gewesen, kann ich so nicht teilen. Unsere Priester, Diakone, Pastoral- und Gemeindereferentinnen und -referenten haben alles daran gesetzt, mit Menschen in Kontakt zu treten und Trost aus dem Glauben zu schenken.“ Immer wieder, so Lambrich, wurde bei den Pastoralbesuchen auch von „positiven Nebenwirkungen“ der Pandemie erzählt: „Bei nicht wenigen hat Corona dazu geführt, sich wieder stärker auf das Wesentliche des Glaubens zu konzentrieren. Viele Haupt- und Ehrenamtliche haben in dieser Zeit den Wert des Gebets, die Bedeutung der Stille und das Miteinander im Pastoralteam oder in pfarrlichen Gruppen neu schätzen gelernt.“

Spannungen in manchen Gemeinden wegen der Absage von Gottesdiensten
Generalvikar Sturm freut sich, dass die Angebote des Bistums von den Pfarreien dankbar aufgegriffen worden sind: „Bei den Pastoralbesuchen wurde mir immer wieder gesagt, wie wertvoll die Hausgebete und die Impulse zu Katechese, zur Arbeit mit Senioren oder zur Trauerpastoral waren.“ Sturm dankt deshalb allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Bischöflichen Ordinariat, die diese Angebote erstellt haben. Sturm zufolge hat Corona in vielen Pfarreien einen „regelrechten Digitalisierungsschub“ ausgelöst: „Gestreamte Gottesdienste, Bibelteilen online oder Gremiensitzungen per Videokonferenz: All das hat Nähe trotz Abstandsgebot ermöglicht.“ Doch hat Corona, wie Sturm betont, zugleich den unverzichtbaren Wert persönlicher Begegnungen deutlich gemacht: „Gerade die Erstkommunion- und Firmfeiern im kleineren Kreis wurden von vielen als wertvoll und dichter als sonst erlebt.“ Bei den Pastoralbesuchen kamen dem Generalvikar zufolge aber auch Konflikte zur Sprache, etwa wegen der Corona-Regelungen: „Viele Pfarreien waren einerseits dankbar für unsere Dienstanweisungen und Hygienekonzepte, auch dafür, dass wir ihnen gewisse Spielräume für Anpassungen vor Ort gelassen haben. In manchen Gemeinden hat aber gerade diese Freiheit zu Spannungen geführt. Etwa wegen der Frage, ob trotz hoher Inzidenzwerte Gottesdienste gefeiert werden sollen oder doch besser abgesagt werden müssen.“

Mehr Aufmerksamkeit für Familien
„Mit den Pastoralbesuchen wollten wir auch den Blick der Pfarreien über den eigenen Kirchturm hinaus weiten“, so beschreibt Domkapitular Vogelgesang ein weiteres Ziel der Pastoralbesuche: „Jeder Besuch war mit einer Begegnung im Sozialraum verbunden, ein Großteil davon führte uns in die Kindertagesstätten der Pfarrei. Dort haben uns Erzieherinnen, Eltern und Trägervertreter von ihren Herausforderungen und Sorgen berichtet.“ Viele Pfarreien, so der Leiter der Hauptabteilung Seelsorge, haben in der Pandemie ihre Kitas neu schätzen gelernt und den Familien noch mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Auch die Begegnungen bei pfarrlichen Jugendgruppen, in Einrichtungen der Caritas oder in sozialen Brennpunkten waren für Vogelgesang wertvoll: „Corona hat uns den Wert konkret gelebter Nächstenliebe wieder neu bewusst gemacht: in ökumenischen Nachbarschaftshilfen, in Spendenaktionen für Künstler und andere besonders betroffene Berufsgruppen, in der Einrichtung von Kleiderstuben oder in der Bereitstellung kirchlicher Räume für schulische Ganztagesangebote“. In all dem, so Vogelgesang, ist Kirche zum „Segensort“ geworden: zu einem Ort, „an dem Menschen in ihrer konkreten Not gesehen werden und Gottes Menschenfreundlichkeit erfahren“. Die Bilder dieser Doppelseite zeigen drei ausgewählte Segensorte: Links eine Mitbring-Krippe, die zum Weihnachtsfest 2020 im Außenbereich der Neustadter Pfarrkirche St. Maria entstand. Die Dahner Kolpingfamilie half Menschen in Not mit Lebensmittelspenden (Mitte), während die Pfadfinder aus Bobenheim-Roxheim Osterwünsche zusammentrugen und für die Seniorinnen und Senioren des örtlichen Caritas-Altenzentrums überreichten (rechtes Bild).

Hören aufeinander und auf das, was Gottes Geist uns sagen will
Bischof Wiesemann, der wegen seiner längeren Krankheit nur wenige Pfarreien persönlich besuchen konnte, fasst die Rückmeldungen der Pfarreien und seine Eindrücke so zusammen: „Wir müssen uns ehrlich eingestehen, dass wir manche, vor allem ältere Menschen in dieser Zeit zu sehr aus dem Blick verloren haben, etwa weil ihnen die technischen Voraussetzungen für digitale Begegnungen fehlen. Gleichzeitig ist vieles Wertvolle gewachsen, etwa die Empfangsdienste an den Kirchentüren, auf das wir in Zukunft nicht mehr verzichten wollen.“ Für Wiesemann haben die Pastoralbesuche gezeigt, dass die Kirche nach Corona nicht mehr so sein wird wie früher. Und er fügt hinzu: „Wir können und sollen das Rad nicht zurückdrehen. Es gilt, das beizubehalten, was wir in dieser Krise schmerzhaft neu oder tiefer gelernt haben: das Bewusstsein der eigenen Verwundbarkeit, den unschätzbaren Wert konkreter Hilfsbereitschaft und globaler Solidarität, und die Bereitschaft, im Vertrauen auf Gottes Geist neue Wege des Kirche-Seins zu gehen.“ Bischof Wiesemann versichert: „Wir haben bei den Pastoralbesuchen viele wichtige Impulse und Anregungen bekommen. Nichts von dem, was wir gehört und erlebt haben, geht verloren. Einiges davon ist bereits in unsere Bistumsvision eingeflossen.“ Für ihn haben die Besuche aufs Neue gezeigt, wie wichtig das Hören ist: „Das Hören aufeinander sowie auf das, was Gottes Geist uns sagen will, auch durch die Krise, die wir gerade durchleben.“ (Bischöfliche Pressestelle)

 

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