Redaktion der pilger

Freitag, 21. Januar 2022

„Alle sollen sich persönlich erklären“

Jesuitenpater Hans Zollner (Foto: kna)

Interview mit Jesuitenpater Hans Zollner zum Münchner Missbrauchsgutachten

Nach der Veröffentlichung des Münchner Missbrauchsgutachtens äußert der Leiter des internationalen Safeguarding-Intituts in Rom, Hans Zollner, seine Erwartungen an den emeritierten Papst Benedikt XVI. sowie die anderen Verantwortlichen. Im Interview mit der Katholischen Nachrichten-Agentur sagt er auch, weshalb das jüngste Gutachten wertvoll ist und was darauf folgen sollte.

KNA: Pater Zollner, Sie waren von der Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) vorab zu dem Gutachten befragt worden. Was genau war Ihr Beitrag?
Hans Zollner: Was ich kannte, war jener Teil, in dem die Gutachter über die möglichen theologischen, kirchenrechtlichen und systemischen Konsequenzen schreiben. Ich habe keine einzige Akte gesehen, keine einzige Stellungnahme eines Zeitzeugen. Nur zu den theoretischen Folgerungen der Gutachter habe ich meine Einschätzung gegeben. Das habe ich im Übrigen auch beim WSW-Gutachten für Aachen und dem ersten für Köln gemacht.

KNA: Wie bewerten Sie das Endergebnis?
Zollner: Meine Anmerkungen sind aufgenommen worden. Was dieses jüngste Gutachten nach den Reaktionen von Betroffenen und anderen so wertvoll macht, ist sein umfassenderer Ansatz. Es behandelt eben nicht nur die rechtlichen Aspekte, sondern misst das Geschehene auch am kirchlichen Selbstverständnis. Was im Übrigen auch der Auftrag war. Es zeigt zudem, dass ein von der Kirche in Auftrag gegebenes und bezahltes Gutachten sehr wohl unabhängig sein kann. Die Dinge werden klar angesprochen, die Methodik stimmt: Man hat nicht nur Akten ausgewertet, sondern auch Betroffene einbezogen und Zeitzeugen befragt.

KNA: Wie genau sollte sich jetzt der ehemalige Münchner Erzbischof Joseph Ratzinger, der emeritierte Papst Benedikt XVI., verhalten?
Zollner: Er sollte eine einfache, persönliche Erklärung abgeben. Darin könnte er etwa sagen: Ich erinnere mich nicht, an der betreffenden Sitzung teilgenommen zu haben. Wenn ich dabei war, habe ich einen Fehler gemacht und entschuldige mich. Selbst wenn der psychologische Erkenntnisstand damals ein anderer war, hätte ich der Sache mehr Aufmerksamkeit widmen sollen. Das tut mir leid.

KNA: Wie bewerten Sie seine 82-seitige Einlassung?
Zollner: Es erstaunt mich, dass er sich nur auf juristische, aussagerechtliche und kirchenrechtliche Aspekte beschränkt. Es fehlt das Bewusstsein, dass es auch um die menschliche Seite und um die Außenwahrnehmung geht. Das sieht man an dem Beispiel mit dem masturbierenden Priester vor minderjährigen Mädchen. Es sei zu keiner Berührung gekommen und daher kein Missbrauch, steht in der Stellungnahme, die Benedikt unterschrieben hat. Im Übrigen höre ich aus dem Vatikan große Verwunderung, dass diese Stellungnahme nicht mit anderen Stellen abgesprochen wurde.

KNA: Besteht das Kirchenrecht nicht auf den Begriff „Verstoß gegen das sechste Gebot“, um damit möglichst viele Verhaltensweisen fassen zu können?
Zollner: Eben. Darin sieht man, wie fragwürdig die Begründung von Benedikt ist, denn sie kann je nach Belieben ausgelegt werden.

KNA: Was folgt aus dem jüngsten Gutachten?
Zollner: Aufklärung im Sinne von Aktenstudium und Zeitzeugenbefragung ist nur ein Element von Aufarbeitung. Jetzt muss das Vertrauen der Geschädigten langsam wiedergewonnen werden, etwa durch den Ausbau einer Ombudsstelle, die mehr ist als diözesaner Ansprechpartner. Man muss auf Gemeinden und Familien zugehen, wo es Irritationen und Spaltungen gab und gibt. Ein Klima schaffen, in dem Wunden heilen können.

KNA: Was erwarten Sie von den im Gutachten als verantwortlich Genannten?
Zollner: Sie sollen jeder einzeln, konkret, wahrnehmbar und verständlich Stellung beziehen und signalisieren, dass man verstanden hat. Die Anwältin Westpfahl hat etwas gesagt, was mir in meinen Vorträgen auch bei Theologinnen und Theologen aufgefallen ist: Kirchenvertreter erwecken den Anschein, als glaubten sie nicht an die Wirkkraft des Sakramentes der Versöhnung - die Beichte -, wenn es um die Sünden und das Versagen von Verantwortungsträgern geht. Gewissenserforschung - das wäre das Gutachten -, Bekenntnis, Reue und ein Akt der Wiedergutmachung - all das sind nach klassischer katholischer Lehre die Bedingung für Vergebung. Das gilt für Einzelne wie Diözesen und Bischofskonferenzen. (kna)

Artikel teilen:

Weitere Nachrichten

25.05.22
Redaktion der pilger

Arbeit am Reich Gottes

Der Glaube verändert, erleichtert und motiviert in schwierigen Zeiten
25.05.22
Redaktion der pilger

Ist Kirche reformierbar?

Kinderschutzexperte bemängelt fehlende Kultur der Verantwortlichkeit
25.05.22
Redaktion der pilger
News-Feed (RSS) von der Zeitungsseite in die Webfamilie

Lohn für kreative Ideen

Zertifizierung als BNE-Schule und Bau eines grünen Klassenzimmers
25.05.22
Redaktion der pilger

Viele Events rund um den Glauben

Südwestpfälzischer Wallfahrtsort Maria Rosenberg wird an Pfingsten Austragungsort...
25.05.22
Redaktion der pilger

Eins in der Liebe

Vor Gott ist der Mensch ein einzigartiger Einzelner
18.05.22
Redaktion der pilger

Was wird nur aus uns?

Corona, Krieg, Klima: Die weltweiten Krisen belasten Kinder und Jugendliche
18.05.22
Redaktion der pilger

Farben des Glaubens

Im Institut St. Dominikus in Speyer treffen sich Gleichgesinnte zur Ikonenmalerei....
18.05.22
Redaktion der pilger

Im Einsatz für den Frieden

Palästinensische Schriftstellerin berichtet in Vorträgen über die schwierige Arbeit...
18.05.22
Redaktion der pilger

Großes Organisationstalent

Regens Markus Magin folgt als Generalvikar auf Andreas Sturm
18.05.22
Redaktion der pilger

„Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich...

Die Zusage aus der Abschiedsrede Jesu kann uns Energie schenken, die Welt und die...
18.05.22
Redaktion der pilger

Trauer und Bedauern

Katholiken danken zurückgetretenem Generalvikar Andreas Sturm
13.05.22
Redaktion der pilger

Generalvikar Sturm scheidet aus Bistum aus

Andreas Sturm tritt zurück, sein Nachfolger wird Regens Markus Magin
13.05.22
Redaktion der pilger

Heiliges Spiel

Schauspielerin Marion Witt schult Haupt- und Ehrenamtliche, die Gottesdienste...
13.05.22
Redaktion der pilger

Liebe ist mehr als ein Gefühl

Sie ist eine ganzheitliche Haltung unseres Christseins
13.05.22
Redaktion der pilger
News-Feed (RSS) von der Zeitungsseite in die Webfamilie

Erstmaliger Austausch

Vorsitzende der Aufarbeitungskommissionen für sexuellen Missbrauch trafen sich
13.05.22
Redaktion der pilger

In der Logik Jesu

Warum sich Papst Franziskus zum Krieg so verhält, wie er sich verhält
13.05.22
Redaktion der pilger

Viele Baustellen und neue Chancen

Prof. Wolfgang Pauly über die heutigen Möglichkeiten des Christseins
13.05.22
Redaktion der pilger

Spuren der Pandemie bei Kindern

Vereinsamung, Vernachlässigung, verzögerte Entwicklung – Experten klären über...
04.05.22
Redaktion der pilger

Demenz als Nagelprobe

Bischof Bode fordert Schulungen für Seelsorgerinnen und Seelsorger
04.05.22
Redaktion der pilger

Heiter und spannend

Orgel-Erzählkonzert für Kinder und Erwachsene in der Pfarrkirche Rheinzabern
04.05.22
Redaktion der pilger
News-Feed (RSS) von der Zeitungsseite in die Webfamilie

Ein Glücksfall, kein Notfall

Gemeindereferentin Bärbel Grimm leitet Osternachtfeier in der Landauer Marienkirche
04.05.22
Redaktion der pilger

Extrem belastet

Die Tafeln in Deutschland geraten in Bedrängnis – und fordern Hilfe von der Politik
04.05.22
Redaktion der pilger

Licht für alle Völker

Die Frohe Botschaft richtet sich an alle Menschen
04.05.22
Redaktion der pilger

Chormusik wieder Teil des Programms

Vom 7. Mai bis 6. Juni finden die 26. Rosenberger Musiktage statt
04.05.22
Redaktion der pilger

Er gab Olympia ein freundliches Gesicht

Vor 100 Jahren wurde Otl Aicher geboren
02.05.22
Redaktion der pilger

Auf zum Katholikentag nach Stuttgart

Der Deutsche Katholikentag vom 25. bis 29. Mai in Stuttgart soll wie geplant als...
29.04.22
Redaktion der pilger

„Pälzisch“ ist ihre Leidenschaft

Ihre Sprecher werden mitunter belächelt. In manchen Milieus ist sie sogar verpönt:...
29.04.22
Redaktion der pilger

Die große Vielfalt

Ein Bild auch für den Synodalen Weg
29.04.22
Redaktion der pilger
News-Feed (RSS) von der Zeitungsseite in die Webfamilie

Papst-Diplomat ehrt Nardini

Zehnter Wallfahrtstag in Pirmasens mit Nuntius Nikola Eterovic am 7. Mai
29.04.22
Redaktion der pilger

Rom einmal anders erlebt

Pilgergruppe auf Spurensuche der spannungsreichen Geschichte der Kirche
20.04.22
Redaktion der pilger

Hoffnung nicht verlernen

Deutsche Bischöfe machen in ihren Predigten zu Ostern Mut
20.04.22
Redaktion der pilger

„Der Alte da oben mag mich irgendwie“

Offene Worte und ein sehnsüchtiger Glaube: Die Gottesfrage lässt Heinz Rudolf Kunze...
20.04.22
Redaktion der pilger

Brasilien: Gewalt auf dem Land

Experten werfen Zentralregierung Mitverantwortung vor
20.04.22
Redaktion der pilger

Ukrainerseelsorge als Lebensaufgabe

Benediktinerpater Damian Schaefers wurde vor hundert Jahren geboren – Auch im...
20.04.22
Redaktion der pilger

Lasst sie bei uns sein!

Die ökumenische „Woche für das Leben“ kreist in diesem Jahr um das Thema Demenz
20.04.22
Redaktion der pilger
News-Feed (RSS) von der Zeitungsseite in die Webfamilie

Langjährige Engagierte geehrt

Kreuzbund der Diözese Speyer traf sich zum Begegnungstag mit Mitgliederversammlung
20.04.22
Redaktion der pilger

Neue Impulse für die Arbeit

Chorverband Pueri Cantores lädt Leiter von Nachwuchschören zu Fortbildung ein
12.04.22
Redaktion der pilger

Der Wettlauf

Doch nur von Johannes wird gesagt, dass er glaubte
12.04.22
Redaktion der pilger

Das ist doch noch gut!

Der Jesuit Jörg Alt kämpft für einen bewussten Umgang mit Lebensmitteln – sein...
12.04.22
Redaktion der pilger

Grüne Kathedrale geplant

Der Beitrag der Kirchen zur Bundesgartenschau 2023 in Mannheim
Treffer 1 bis 40 von 4562