Redaktion der pilger

Mittwoch, 02. Februar 2022

Diakon mit Biss

Urs von Wulfen hat keine Angst vor der großen Bühne. (Foto: Michael Bönte)

Er nimmt gewöhnlich kein Blatt vor den Mund. Auch mit Kritik an der Kirche spart Kirchenmann Urs von Wulfen nicht

Urs von Wulfen bezeichnet sich selbst als strengen Familienvater, Rampensau und Gutmensch. Kürzlich wurde er zum Ständigen Diakon geweiht. Seine Kindheit hat den Entschluss, für Menschen in Not da zu sein, stark beeinflusst.

Urs von Wulfen liebt die Ironie, die Satire und das Augenzwinkern. Das ist sicher auch eine Berufskrankheit. Im Bistum Osnabrück ist er für die sozialen Medien im Internet zuständig, die er gern mit überraschenden Videos bedient. Seine „eiligenworte“, sein „elektrischer Mönch“ oder „Gottes Zorn“, die er als „Bodenpersonal“ formuliert, durchbrechen regelmäßig und vehement gängige katholische Sprach- und Präsentationsklischees. Doch kurz vor seiner Weihe zum Diakon im Herbst 2021 grätschte er mit einer Aussage in die Öffentlichkeit, die es richtig in sich hatte: „Ich schäme mich auch ein wenig dafür, dass ich geweiht werde.“

Warum das? „Weil ich damit ein System stütze, in dem ich mit vielen Dingen nicht einverstanden bin.“ Es gibt einige Entwicklungen in der katholischen Kirche, die ihm gegen den Strich gehen: etwa bei Fragen der Macht oder des Umgangs mit Missbrauch. Bei der Rolle der Frau aber kann er richtig deutlich werden: „Es ist ein Skandal, wenn ich als Mann zum Diakon geweiht werde, obwohl ich viele Frauen kenne, die den Job viel besser machen könnten als ich.“

Dass er so denkt, beruhigt ihn aber auch. „Ich bin früher durchaus selbst ‚klerophil‘ unterwegs gewesen“, sagt der 46-Jährige und meint seine Jugendzeit, in der er damit liebäugelte, Priester zu werden. „So den Prunk, den Brokat, das Emporgehobene fand ich schon klasse.“ Er, der nach eigener Einschätzung schon immer als „Rampensau anfällig für den Applaus war“, hätte selbst der Eitelkeit erliegen können, „ganz vorn am Altar im Mittelpunkt zu stehen“.

Mittlerweile hat er dagegen eher das Gefühl, sich dafür entschuldigen zu müssen, als Geweihter in gewisser Weise aus der Menge herausgehoben werden zu können. Für den Beifall sei er nicht Diakon geworden, „sondern für die Menschen, die mich brauchen können“, stellt er klar.

Von der Normalität ins Chaos
Dass er überhaupt diesen Weg einschlug, hat eine Lebensgeschichte, die wenig geradlinig oder gar sanft verlief. Sie hat ihn heute an einen Punkt geführt, an dem er für sich einen programmatischen Satz formulieren kann: „Ich weiß, dass die Kirche Menschen retten kann.“ Weil er es selbst erlebt hat. In einem Moment, in dem ihm drohte, den Halt zu verlieren, waren es Menschen der Kirche, die ihn auffingen.

Als er acht war, starb sein Vater. Seine Mutter ertrug den Verlust nicht. Sie wurde suchtkrank. Von Wulfen und sein Bruder taten alles, um in der sauerländischen Kleinstadt ein wenig Familiennormalität zu retten. Irgendwann herrschte aber Chaos. „Wir wurden angerufen, weil sie volltrunken im Schnee gefunden worden war – das Leergut ihrer Flaschen war mein Taschengeld“, erinnert er sich.

Im Gottesdienst in der ersten Bank
Seine Mutter starb in der Obdachlosigkeit. Zu diesem Zeitpunkt hatte von Wulfen längst ein zweites Zuhause gefunden, dessen Tür ihm noch sein Vater geöffnet hatte. „Geht weiter zur Kirche“, hatte er seinen Söhnen mit auf den Weg gegeben.„Er war im Glauben immer standhaft gewesen, hatte große Zuversicht ausgestrahlt, war stets für andere Menschen da.“ Mit diesem Gefühl setzte sich sein jüngerer Sohn in jenen Jahren im Gottesdienst immer in die erste Bank. „Dort saß ich und wollte verstehen.“

Sein kirchlicher Weg war dabei alles andere als klassisch. Keine Jugendgruppe, keine Verbandsarbeit, zu den Messdienern stieß er erst viel später. Die Kontakte zur Benediktinerabtei Königsmünster in Meschede hatten da schon größere Bedeutung. Dort entwickelte er seine „erste große Liebe“, wie er es nennt. „Ich wollte lange Zeit Mönch werden, auch Priester.“

Das strikt geregelte Leben im Kloster empfand er als „Gegenwelt zu dem Chaos“, aus dem er kam. „Ich spürte aber, dass das nicht meine zentrale Motivation sein durfte.“ Also schlug er einen anderen Weg ein, wurde Sozialpädagoge, arbeitete in einem kirchlichen Bildungshaus und begleitete Jugendliche auf ihrem Weg in den Freiwilligendienst im Ausland.

Vielleicht kam seine Entscheidung für die Weihe aber immer noch aus dem Gefühl jener Jahre, in denen er im Lebensrhythmus der Mönche eine Heimat gefunden hatte, sagt er. „Seine erste Liebe vergisst man nie.“ Diese Liebe nahm für ihn auf seinem weiteren Weg neue Konturen an: „Das Soziale, das Diakonische, die Hilfe für Menschen, denen es nicht so gut geht.“

Seine eigenen Erlebnisse waren sicher Triebfedern. Er fühlte sich immer dort wohl, wo die Not sichtbar wurde. „Hochhäuser sind meine Kulisse“, sagt von Wulfen. „Die brauche ich.“ Was ihm dabei immer wichtig ist: „Ich will nicht von außen kommen und sagen, was gebraucht wird – das wissen die Menschen selbst besser.“ Nichts, was Menschen erleben, möchte er von sich fernhalten. Ist er ein echter Gutmensch? „Ich befürchte es.“ Das sagt er lachend. Um wenig später zu ergänzen: „Ist doch komisch, dass diese Bezeichnung in Deutschland einen schlechten Beigeschmack hat.“

Warum aber braucht er für dieses Engagement eine Weihe? „Es ist kein magischer Akt, aber eine Verpflichtung.“ Er fügt lächelnd hinzu: „Es ist wie heiraten – du stehst jeden Tag auf und musst von Neuem Ja sagen.“ Als Ehemann, sagt er, „meistere ich das ganz gut.“ Mit seiner Frau hat er drei Kinder und bezeichnet sich im „Hauptberuf als Papa – ein sehr konsequenter Papa“. Ein Leitsatz seiner Erziehung lautet: „Klare Grenzen“.

„Ich bin keiner, der da romantisiert.“ Seine deutlichen Ansagen hätten bei mancher Mutter auf dem Spielplatz schon zur „Schnappatmung“ geführt. Er könne aber auch anders. „Dann bin ich der Drachenmonsterbär, der meine Kinder durch den Garten jagt.“ Da ist er dann nicht nur der liebevolle Vater, sondern auch wieder Entertainer, Rampensau.

Im Dienst geht es um die Botschaft
Diese Eigenschaft zieht sich ohnehin durch sein Leben. Schon in der Jugend entdeckte er seine satirische Ader. Während andere samstagsabends auf Partys gingen, hörte er die entsprechenden Radiosendungen. Später schrieb und sprach er selbst für den WDR.

Von Wulfen steht gern auf der Bühne. Er liebt es, die „verrückte Welt“ spitzfindig zu entlarven – im Radio, im Internet, im Video. Diese Eigenschaften gehören für ihn nicht in seinen neuen Dienst als Diakon. „Ich will nicht am Grab stehen, um Applaus für meine Rede zu bekommen.“ Er will keine Effekthascherei betreiben, sondern eine Botschaft rüberbringen: „Gott liebt dich unendlich und bedingungslos – egal, was passiert.“ So wie er es selbst erfahren durfte.Michael Bönte

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