Redaktion der pilger

Donnerstag, 17. Februar 2022

Gute Erfahrungen gesammelt

Mitglieder des Pfarrei-Leitungsteams und Gäste aus Speyer beim Pastoralbesuch in der Pfarrei Homburg-Heilig Kreuz Anfang Oktober 2021. Von links: Domkapitular Franz Vogelgesang, Esther Reichert, Pastoralreferent Stefan Pappon, Bischof Karl-Heinz Wiesemann, Gerlinde Meyer, Pfarrer Andreas Jacob, Michael Becker, Gemeindereferent Frank Klaproth, Marina Neumann. Auf dem Bild fehlt Daniela Didion. (Fotos: Pfarrei Homburg-Heilig Kreuz)

„Wir sind eben ein Dream-Team“, beschreibt Pastoralreferent Stefan Pappon lachend die gute Zusammenarbeit in der Leitung der Homburger Pfarrei Heilig Kreuz. Deren Geschicke bestimmen seit Februar 2021 – zunächst bis Ende des Jahres 2023 – je vier ehren- und hauptamtlich tätige Frauen und Männer.

Wie geht es den vier Frauen und Männern nach einem Jahr? Einmütig halten sie fest, dass es zunächst nicht einfach gewesen sei. Doch inzwischen haben alle ihre Aufgaben übernommen und sind in der Pfarrei bekannt. Im Verwaltungsrat und bei Personalangelegenheiten bilden Marina Neumann und Gemeindereferent Frank Klaproth ein Team. Es laufe richtig gut. „Anfangs“, räumt die gelernte Bilanzbuchhalterin ein, „war es etwas holprig, weil ich erst meine Rolle finden musste. Mittlerweile sehe ich mich im Leitungsteam.“ Wenngleich die Hauptamtlichen die Hauptlast trügen, sei auch ihr Arbeitsaufwand „ziemlich hoch“. Sie habe neben ihrem Beruf „fast einen zusätzlichen unbezahlten Mini-Job“. Mit Austausch, dem Lesen und Beantworten von E-Mails sowie Treffen komme sie oft auf drei bis vier Stunden pro Woche – „mehr als gedacht“. Dennoch mache ihr die Aufgabe viel Freude.

Wie Marina Neumann lobt Gerlinde Meyer die gute Atmosphäre im Team. Das helfe enorm. Die frühere Qualitätsmanagerin im Gesundheitswesen ist mit dem kooperierenden Pfarrer Andreas Jacob für das Pfarrbüro zuständig. Bei Mittwochsgesprächen werden die Organisation und die Arbeitsläufe besprochen. Ihre Funktion beschreibt sie „als Vermittlerin zwischen Pfarrbüro und Pfarreiteam“, was manchmal bedeute, „zwischen zwei Stühlen zu sitzen“. Auch bringe sie sich bei Bedarf ein, wie bei der Vorbereitung der Firmung. Sie sei mit Eifer bei der Sache. Aufgrund weiterer Interessen sei es ihr kaum möglich, noch mehr Zeit zu investieren.

Recht beschwerlich fand Esther Reichert die anfänglich coronabedingten Videokonferenzen. „Die persönlichen Treffen sind einfach besser.“ Mit Pastoralreferent Stefan Pappon ist sie zuständig für die Ökumene. Sie hat mit ihm ökumenische Gottesdienste vorbereitet, zusammen mit einer anderen Frau die Krippenspiele für „Christkind on Tour“ einstudiert. „Es hat sich inzwischen alles gut eingependelt.“

„Ich habe mir überhaupt nicht vorstellen können, was da auf mich und die anderen zukommt“, sagt Daniela Didion. Sie wirkt bei der Vorbereitung auf die Erstkommunion mit, ist verantwortlich für die Sternsinger, bringt sich allgemein in der Pfarreiarbeit ein. Derzeit plane sie, den Pfarrbrief zu überarbeiten, nennt die studierte Betriebswirtin ein Beispiel. Da sie Vollzeit arbeite, sei sie froh, dass die Treffen jetzt vierzehntägig statt anfangs wöchentlich terminiert sind.
Als einen Vorteil des neuen Leitungsmodells bezeichnet Pappon die Arbeit im Tandem. „Wohltuend für alle und für jeden Bereich ist, dass wir ausnahmslos Teamplayer sind.“ Die vier Frauen brächten nicht nur eine andere Sicht der Dinge mit, sondern auch eine spürbare Entlastung. „Sie sind für die Hauptamtlichen wie für die Pfarrei ein hoher Gewinn.“ Klaproth schließt sich an: „Durch die neuen Aufgaben hat sich das Berufsbild verändert.“ Er müsse sich nun mit Verwaltungs-, Finanz- und Personalangelegenheiten befassen, was nicht immer einfach sei. „Gut, dass mir eine Fachfrau zur Seite steht.“

In seiner Rolle fühlt sich auch der kooperierende Pfarrer Andreas Jacob wohl. „Ich bin froh, dass ich für dieses Modell angefragt wurde“, betont er. Viele Aufgaben, mit denen sich leitende Pfarrer andernorts auseinandersetzen müssen, wie Sanierung von Immobilien oder Finanzausstattung, „sind hier in verschiedenen Händen“. Er könne sich somit ganz auf die Seelsorge konzentrieren. Dieses Jahr obliegt ihm die Erstkommunionvorbereitung – meist in der Verantwortung der Gemeindereferenten. Daniela Didion bringe als junge Frau und Mutter ganz neue Ideen mit ein, sagt Jacob erfreut. Dass er von vielen Leuten als der angesehen wird, der das Sagen hat, wundert ihn nicht. „Es braucht Zeit, bis das traditionelle Rollenverständnis aufgebrochen ist.“ Obwohl Jacob das Modell schätzt, sieht er auch Mängel. „Die ganze Verwaltung müsste einem Geschäftsführer übertragen werden, denn sie gehört ebenfalls nicht zum Aufgabengebiet von Pastoral- oder Gemeindereferenten.“ Und gemäß dem Leitwort der „ermöglichenden Leitung“ sollten noch mehr Laien eingebunden werden.

Seit 35 Jahren ist Michael Becker Diakon im Nebenamt. Für ihn habe sich nichts geändert, sagt er. Bedauerlich ist in seinen Augen, dass der Blick von außen fehlt, die wissenschaftliche Begleitung. Gespannt ist er dennoch, „wie sich dieses Leitungsmodell entwickelt“.

Als negativ für den Start nennen alle acht die Corona-Pandemie. „Wir konnten keinen Festgottesdienst feiern, nicht zur Pfarrversammlung einladen und die Leute informieren“, legt Andreas Jacob dar. Auch die Kommunikation habe wegen der fehlenden Zusammenkunft gelitten. Die Unterstützung aus Speyer hingegen bewerten alle als sehr positiv. Gut finden Haupt- wie Ehrenamtlichen, dass der Bischof „hinter uns steht“. Bei seinem Besuch im Herbst habe er ihnen erneut den Rücken gestärkt, betont Stefan Pappon.

Domkapitular Franz Vogelgesang ist der moderierende Priester, der nach dem Kirchenrecht dafür verantwortlich ist, dass „die Hirtensorge gut ausgeübt wird“. Er steht nach eigenen Worten dem Team und dem Pfarreirat in Heilig Kreuz zur Verfügung, „um das neue Leitungsmodell möglichst fruchtbringend für das Gesamt des Bistums Speyer zu entwickeln“. Ins operative Geschäft greift er nicht ein.
Wegen der Corona-Pandemie sei er erst einmal in Homburg gewesen, sagt Vogelgesang. Doch soweit er die Lage beurteilen kann, „machen die handelnden Personen eine gute Arbeit“. Festgestellt hat er, dass die Zusammenarbeit zwischen dem „Pfarreiteam“ und den Gremien oder dem Pfarrbüro „ein Lernfeld für alle Seiten ist“. Es gelte, und das ist ihm ein ganz wichtiger Punkt, Kommunikationswege neu zu erschließen. Um Schwierigkeiten mit den aktuellen Rollen und Funktionen im Vorfeld auszuräumen, habe das Bistum Supervision für das Team, Gemeindeberatung für den Pfarreirat angeboten. Im Bistum erfahre das neue Leitungsmodell „lebhaftes Interesse“, hat der Domkapitular erfahren. Es gebe aber auch kritische Stimmen: Einige wünschten, die Rolle des moderierenden Priesters mit mehr Befugnissen auszustatten. Andere äußerten sich recht polemisch; meinten, die Verwaltungsarbeit werde nun zwar verteilt, aber hauptsächlich auf die Hauptamtlichen, während die Ehrenamtlichen die Seelsorge machten. Dass die Verwaltungsarbeit generell zugenommen hat, verhehlt Vogelgesang nicht. Er sieht die Herausforderung, „diesen Weg wieder umzukehren“. Ein neues Leitungsmodell helfe da nicht.

Vorstellen kann sich Vogelgesang, der im Speyerer Ordinariat die Hauptabteilung Seelsorge leitet, das Pilotprojekt auf zwei bis drei andere Pfarreien zu übertragen. Als Voraussetzungen nennt er, „ein geteiltes Verständnis darüber, was Kirche im Plan Gottes ist oder sein soll“, also eine Vision. Und mit dieser verbunden der Wille, sich über die Themen, die damit zusammenhängen, auszutauschen. Die Vision, konkretisiert Vogelgesang, sei das Feuer, das man brauche, um nicht zu verzweifeln, um weiter zu hoffen, um nicht liegen zu bleiben, um sich zu engagieren und sich immer wieder daran zu erwärmen. Visionäre Kirchenentwicklung bedeutet, dass Verantwortliche in der Kirche, Haupt- wie Ehrenamtliche, bereit sind, sich weiterzuentwickeln, neue Verantwortungsbereiche zu übernehmen, Befugnisse abzugeben, Rollenzuschreibungen neu zu gestalten und anderes.

Die Zeiten „ein Dorf – ein Pfarrer“ sind nach Worten von Gabi Kemper, Mitglied in der Arbeitsgruppe (AG) „Neue Leitungsmodelle“ des Bistums, vorbei. Grund ist nicht zuletzt, dass der Nachwuchs fehlt. Deshalb ist es in ihren Augen wichtig, in einer Pfarrei „nach selbstbewussten, engagierten, gut ausgebildeten Menschen zu schauen“, die an der Leitung mitwirken können. So wie es jetzt in Heilig Kreuz praktiziert werde. Ob es tatsächlich wie in Homburg acht Personen bedürfe, bezweifelt sie. „Das erscheint mir etwas hoch.“

In der Arbeitsgruppe wird das Homburger Modell aber nur als eines unter anderen möglichen diskutiert. Denkbar wäre auch, dass der Nachbarpfarrer mitleitet oder weitere Pfarreien zusammengelegt werden, meint Kemper. Der moderierende Priester könnte wie jetzt ein Domkapitular oder der Dekan sein, während ein Pastoral- oder Gemeindereferent vor Ort die Leitung innehat. In Basel, weiß Gabriele Kemper, hat diese Aufgabe eine Pastoralreferentin inne. Ein Priester komme, um die Sakramente zu spenden. „Ich glaube, dass wir erst am Anfang eines Prozesses stehen und sich noch einige Lösungsmöglichkeiten auftun werden.“  (Regina Wilhelm)

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