Redaktion der pilger

Mittwoch, 24. August 2022

Jeder hat Platz

Jeder findet Platz, eine Rangordnung gibt es bei Gott nicht. (Foto: LitterART/AdobeStock.com)

Und dafür gibt es bei Gott auch keine Rangordnung

Zu diesem Evangelium, das von der Rangordnung im Reich Gottes handelt, fällt mir ein persönliches Erlebnis ein. Vor fast drei Jahrzehnten nahm ich mit meiner Familie zum ersten Mal in einer kleinen Gemeinde mit einer sehr großen Kirche an einem Pfingstgottesdienst teil. Wir gingen in die Kirche und wie üblich waren alle hinteren Bankreihen besetzt. Ganz vorne allerdings gab es beiderseits des Mittelgangs mehrere freie Bänke. Ich überzeugte meine Familie davon, nach vorne zu gehen. Kaum hatten wir unsere Plätze eingenommen, kam jemand und schickte uns wieder weg, denn diese Bänke seien reserviert. Für mich war dies ein einschneidendes und nachhaltiges Erlebnis, ich empfand das Weggeschicktwerden als beschämend und erniedrigend.

Nicht nur damals und nicht nur in der Kirche, sondern immer wieder stellt sich die Frage: Wo ist mein Platz? Wo ist dein Platz? Suche ich ihn mir selbst? Oder wird er mir zugewiesen und von wem?

Sicher haben viele ähnliche Erfahrungen gemacht. Wo Menschen zusammenkommen, gibt es häufig bessere und schlechtere Plätze, begehrte und weniger begehrte. Bei Tisch, in der Familie, bei Festen, in Verkehrsmitteln, im Theater oder im Stadion und auch in der Kirche. Dies gilt auch für Plätze im übertragenen Sinne, beispielsweise in der Schule oder auf dem Arbeitsmarkt, es gibt in vielen Bereichen Konkurrenz.

Das Problem der Gäste, von denen der Evangeliumstext spricht, ist: Sie suchen sich die begehrten Ehrenplätze aus. Sie meinen, ihnen stehe ein Ehrenplatz zu, sie seien besser als andere. Sie wähnen sich gebildeter oder wohlhabender. Hier setzt die Kritik Jesu an, hier will er die Menschen seiner Zeit und uns heute zum Nachdenken bewegen.

Als Gottes Geschöpfe sind wir mit Begabungen und Fähigkeiten ausgestattet. Damit können wir unser Leben und die Welt gestalten. Dazu sind wir eingeladen. Bei Gott brauchen wir keine Tisch- oder Platzkarten. Wir brauchen uns weder groß noch klein zu machen. Wir sind so angenommen, wie wir sind, mit unseren Fehlern und Macken, mit unserer Talentlosigkeit und Unfähigkeit, mit dem, was wir können und was wir nicht können, mit unseren Fähigkeiten und unseren Möglichkeiten. Hier geht es nicht um Bestnoten und Spitzenleistungen oder um die Erlangung eines Ehrenplatzes.

 Gerade dieses Streben kritisiert Jesus bei den Pharisäern. Diese wollen bewundert und gesehen werden. Bei Jesus muss ich mir meinen Wert nicht krampfhaft erarbeiten, bei Gott haben alle die gleiche Würde. Er schenkt jedem Menschen Ansehen und Anerkennung. Gott hat jedem schon seinen Platz zugewiesen, im himmlischen Reich und auch hier und heute.

Im Evangelium geht es neben der Platzwahl auch um die Frage: Wer wird überhaupt eingeladen und erhält einen Platz? Auch diese Erfahrung haben die meisten der Leser und Leserinnen sicherlich schon machen können: Eine erwartete Einladung bleibt aus. Die begehrten Eintrittskarten sind restlos ausverkauft. Der gewünschte Ausbildungs- oder Arbeitsplatz ist schon besetzt, die bezahlbare Wohnung bereits vergeben.

Zum Fest eingeladen ohne Ausnahme sind alle, die sich auf Gott einlassen. Die Gastfreundschaft Jesu kennt keine Grenzen. Er hat Tischgemeinschaft mit Menschen gepflegt, die aus der Gesellschaft und aus der religiösen Gemeinschaft ausgeschlossen waren. Er hat Menschen ohne Vorbedingungen und ohne Erwartungen eingeladen, die gemieden und sonst nie eingeladen wurden. Mit ihnen sprach er über Gott und die Welt. Ihnen schenkte er ein offenes Ohr für ihre Sorgen und ihre Sehnsüchte und erfuhr so von ihren Träumen und Visionen.

Und er fordert auch uns heute auf, dass wir uns der Menschen annehmen, die unbeachtet am Rande stehen und keine Lobby haben.

Gerade hier geschieht zurzeit sehr viel in unseren Gemeinden. Menschen auf der Flucht finden bei uns Aufnahme und Begleitung, Menschen in Not wird geholfen. Flüchtlinge mit unterschiedlichen Fähigkeiten bringen sich ein und finden einen Platz in unserer Gemeinschaft. Unsere Gemeinden öffnen sich über die Gottesdienstgemeinden hinaus für Menschen, die unsere Gastfreundschaft gerne annehmen. Auf diese Weise werden Sorgen und Nöte geteilt, werden Wege zur Lösung auftretender Probleme gefunden. Das Reich Gottes wird so erfahrbar.

Wo sind dein und mein Platz im Leben, in der Kirche? In vielen Bereichen des Lebens finden wir unseren Platz, füllen diesen mit Zufriedenheit für uns selbst und für die anderen aus. Leider wurde der Satz „Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden“ aus dem Zusammenhang herausgerissen und dazu missbraucht, Menschen klein zu machen und klein zu halten. Mit den Aufforderungen „sei bescheiden, halte dich zurück, warte ab“ werden Menschen davon abgehalten, ihre Begabungen einzubringen und anzuwenden, aus falsch verstandener Demut.

Ich muss zwar nicht immer den ersten Platz einnehmen, aber auch nicht immer den letzten. Denn dort wird man schon öfter übersehen als auf den vorderen Plätzen. Als Christ und Christin soll ich mich und meine Fähigkeiten realistisch einschätzen und einbringen für mich, für meine Nächsten und für Gottes Reich. (Gabriele Heinz)

 

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