Redaktion der pilger

Mittwoch, 07. September 2022

„Keine Lehren aus dem Krieg gezogen“

Erik Wieman betrachtet den Gedenkstein bei Waldsee. Hier sind 1945 sieben Besatzungsmitglieder eines britischen Bombers ums Leben gekommen. (Foto: Kraus)

Erik Wieman spürt Flugzeugwracks aus dem Zweiten Weltkrieg auf und gibt Angehörigen Gewissheit

Der Waldseer Erik Wieman (54) hat 2016 die IG Heimatforschung gegründet. Mit seinem Team hat er seit dem 26 Flugzeugwracks aus dem Zweiten Weltkrieg geortet und einen Teil davon bereits untersucht. Warum er das macht und wie er dabei vorgeht, erzählt er im Interview.

Wie sind Sie auf den Gedanken gekommen, sich mit Absturzstellen von Flugzeugen aus dem Zweiten Weltkrieg zu befassen?

Ich habe schon 1982 in meiner niederländischen Heimat angefangen, nach alten Artefakten zu suchen. Irgendwann stößt man dabei zwangsläufig auch auf Fundstücke aus dem Krieg. Als ich 1992 nach Waldsee gezogen bin, habe ich hier öfters Aluteile gefunden. Ich stellte fest, die stammten von einem Flugzeug. Ich habe recherchiert und Nachfahren der beim Absturz umgekommenen Besatzung gefunden. Die haben sich sehr gefreut, denn sie wussten oft gar nichts darüber, wie oder wo ihre Vorfahren gestorben sind. Ich habe mir gedacht, dass das auch andere Familien interessieren würde.

So ist also der Stein ins Rollen gekommen?

Ja, ich arbeite ja schon immer mit dem Denkmalamt zusammen, in den Niederlanden, aber auch hier seit Mitte der 90er Jahre. Ich habe sie dann auf ein Gedenksteinprojekt angesprochen. Mein Ziel: Absturzstellen orten und für die ums Leben gekommenen Soldaten einen Gedenkstein aufstellen, auch als Mahnmal gegen den Krieg. Das Amt unterstützt mich seitdem dabei.

Wie finden Sie die Absturzstellen?

Meistens mit Hilfe von Zeitzeugen. Deshalb drängt die Zeit ja auch so, denn bald wird es keine Zeitzeugen mehr geben. Wertvolles Wissen geht so verloren. Manchmal kommen Zeitzeugen auf mich zu und berichten mir. In anderen Fällen habe ich bei Recherchen herausgefunden, in welchem Ort ein Flugzeug abgestürzt ist, weiß aber die genaue Stelle nicht. Dann mache ich einen Aufruf in Zeitungen. Meist meldet sich dann jemand, der mir die Stelle nennen kann und sein Wissen gerne mit uns teilt.

Wie geht es dann weiter, wenn Sie die Absturzstelle kennen?

Dann beantrage ich eine Genehmigung beim Denkmal- amt. Liegt diese vor, wird die Stelle im Oberflächenbereich untersucht und prospektiert. Wenn ich weiß, was das für ein Flugzeug war, fange ich an, Nachfahren der Besatzung zu suchen. Am Ende wird ein Gedenkstein mit einer Tafel aufgestellt, mit Unterstützung der jeweiligen Gemeinde. Dann lade ich die Nachfahren und Vertreter des Militärs zu einer Einweihungsfeier ein.

Wie reagieren die Nachfahren auf die Nachricht über die Todesumstände ihrer Verwandten?

Das bewegt die Leute sehr. Die ums Leben gekommenen Soldaten sind für sie Helden, die für ihr Vaterland gekämpft haben. Manchmal reisen sie schon an, bevor der Gedenkstein aufgestellt wird. Sie wollen unbedingt wissen, wo sie gestorben sind. Zur Gedenksteineinweihung kommen dann Familien aus der ganzen Welt, aus England, Kanada, USA, Neuseeland, kürzlich sogar ein Nachfahr, der jetzt in Saudi-Arabien lebt. Es sind auch junge Leute dabei.

Reagieren die Menschen hier auch so positiv? Immerhin setzen Sie Soldaten ein Denkmal, die gekommen sind, die Bevölkerung hier zu töten?

Ja, sie haben den Tod gebracht und ich verstehe, dass vor allem ältere Leute hier manchmal Ressentiments haben. Aber  wer hat diesen Krieg denn angefangen? Dass sich da jemand wehrt, sollte verständlich sein. Die alliierten Soldaten in den Flugzeugen wollten das auch nicht, aber auch sie mussten kämpfen. Und sie haben Europa vom Nationalsozialismus befreit. Für die Alliierten Länder und Länder, die durch Deutschland besetzt waren, sind sie Helden. Als Niederländer, der hier wohnt, stehe ich dazwischen. Mein Heimatland war ja auch von 1940 bis 1945 von Deutschen besetzt. Viele kamen ums Leben. Mein Großvater war in Rotterdam, als die Stadt von den Deutschen 1940 bombardiert wurde. Er hat Familie und Freunde verloren. Er hat Deutsche seitdem gehasst, bis er 1989 meine deutsche Frau und ihre Familie kennengelernt hat. Man muss die ganze Geschichte kennen und es im Ganzen betrachten. Nicht nur punktuell. Allen Opfern wird bei unseren Veranstaltungen gedacht, auch den deutschen Opfern. Denn wer will schon Krieg?

Ja, wer will schon Krieg? Und trotzdem tobt in der Ukraine gerade ein Krieg in Europa.
Da sind aus dem Zweiten Weltkrieg teilweise keine Lehren gezogen worden. Der Mensch ist einfach ein Kriegstreiber. Ich habe mich mit Kriegen von der Römerzeit bis jetzt beschäftigt. Es gibt immer Krieg und Ruhezeiten in der Geschichte. Schade, dass die Leute nicht schlauer sind, hier war ja schon ein schlimmer Krieg. Damals sind die Leute sinnlos gestorben, heute sterben sie wieder sinnlos, anstatt zu verhandeln. Umso wichtiger ist, immer wieder gegen den Krieg zu mahnen. Und das sehe ich auch als meine Aufgabe.
(Dr. Christine Kraus)

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