Redaktion der pilger

Mittwoch, 16. November 2022

Es geht auch ohne

Bei den regelmäßigen Gruppentreffen können die Teilnehmenden offen über alles reden und erhalten Beistand. (Foto: Pixabay)

Der Kreuzbund hilft suchtkranken Menschen dabei, den Abhängigkeiten zu entkommen

Das Bier zum Feierabend, der Wein zum Essen, mit Sekt auf den Geburtstag anstoßen. Alkohol ist salonfähig – für manche aber auch der schleichende Weg in die Sucht. Wer ihr entkommen will, braucht meist Hilfe. Die bietet der Kreuzbund als zahlenmäßig größter deutscher Sucht-Selbsthilfeverband.

Es ist Mittwoch, später Nachmittag. Um 17.30 Uhr werden Frauen und Männer im Caritas-Stübchen in Kaiserslautern zum Gruppentreffen kommen.  Ihnen allen ist eines gemeinsam: Sie möchten der Sucht entfliehen oder haben es schon geschafft. So wie Bruno Müller. Er ist Schatzmeister des Kreuzbundes Diözesanverbands Speyer, dem die Gruppen der Pfalz und Saarpfalz angehören. Ein Mann mit offenem Blick, gelassenem Auftreten, gepflegter Erscheinung.

„Ich bin seit 2015 trocken“, sagt er. So kurz der Satz auch ist, bis zu seinem Aussprechen war es ein  weiter Weg. „Bier und Wein, die haben seit meiner Jugend zum Leben gehört. Zuerst in Maßen, doch mit der Zeit hat sich der Konsum gesteigert“, erzählt der 58-Jährige. Gründe fürs Trinken gab es immer. In Gesellschaft. Zur Belohnung. Weil’s gerade so schön ist oder besonders stressig. Bei Problemen. „Ich habe den Alkohol oft genutzt, um lockerer zu werden, etwas zu enthemmen.“ Irgendwann stellt Bruno Müller auf Schnaps um. „Weil da die Leergutmenge kleiner war. Die ließ sich besser verstecken, wenn jemand unangemeldet zu Besuch kam.“

Denn seine Abhängigkeit sollte im Verborgenen bleiben. Das erforderte immer neue Ausflüchte, kostete viel Energie – und mit Anfang 40 den Führerschein. „Trotzdem war ich lange Zeit der Überzeugung, das Trinken im Griff zu haben. Doch irgendwann hatte ich das Gefühl, etwas ändern zu müssen.“

2015 macht er zuhause zwei Monate einen kalten Entzug. Es folgen zehn Wochen stationäre Therapie in einer Klinik. Über die Nachsorge im Caritas-Zentrum kommt er zum Kreuzbund, ein Fachverband des Deutschen Caritasverbandes.
„Hier habe ich nicht nur Gleichgesinnte gefunden, sondern auch echte Freunde. Wir tauschen uns aus, können in der Gruppe über alles reden und bauen uns gegenseitig auf. Wir sind füreinander da, auch außerhalb der regelmäßigen Treffen, haben eigens eine WhatsApp-Gruppe gebildet.“  

Der Kreuzbund richtet sich an alle, die ein Suchtproblem haben oder gefährdet sind, der Sucht entkommen oder den Drogenkonsum reduzieren möchten. „Seinen Ursprung hat der Kreuzbund in der katholischen Kirche, er wurde 1896 von dem Pfarrer Josef Neumann in Aachen gegründet“, erklärt Wolfgang Frohs (65), Geschäftsführer des Diözesanverbandes Speyer. „Anfangs war er als Gegenmaßnahme zu dem damals verbreiteten Elendsalkoholismus gedacht und bis in die 1960er ein Abstinenzverband. Mit der Zeit hat er sich dann zu einem Selbsthilfeverband für Suchtkranke und Angehörige entwickelt.“ Führende Positionen im Verband nehmen mittlerweile Suchtkranke ein.

Auch Frohs selbst war alkoholabhängig. Seine Geschichte ähnelt der von Bruno Müller. „Ich habe in der Jugend viel Sport gemacht, das Bier nach dem Training gehörte dazu.“ Der Alkohol begleitet ihn, während des BWL-Studiums bei der Bundeswehr, nach der Heirat, dem Hausbau, im Urlaub. Der Konsum steigert sich, es kommt zu Abstürzen. „Immer wieder habe ich meiner Frau versprochen, weniger zu trinken, wurde jedoch rückfällig. Danach hatte ich massive Schuldgefühle, tat mir aber auch selbst leid.“ Es kommt zu Entzugserscheinungen bei der Arbeit, die Kollegen merken, was los ist, der Arbeitgeber macht Druck. „Schließlich musste ich mir eingestehen, dass ich Alkoholiker bin, das war sehr schlimm für mich.“ Doch Wolfgang Frohs schafft den Ausstieg aus der Suchtspirale. 2011 macht er einen stationären Entzug, ist seither trocken. Die Gruppentreffen des Kreuzbunds helfen ihm, es weiterhin zu bleiben.

Der Verein möchte Menschen für einen verantwortungsbewussten Umgang mit Suchtmitteln sensibilisieren. Er kooperiert mit Fachkliniken und Beratungsstellen und stellt ein wichtiges Bindeglied im System der Suchthilfe dar. „Wir bieten Unterstützung auf dem Weg in ein Leben, das nicht mehr von der Sucht beherrscht wird. Dazu informieren wir über Therapiemöglichkeiten und entsprechende Behandlungen.“ Auch wenn der Kreuzbund katholischen Ursprungs ist, stehen seine Angebote Menschen aller Konfessionen offen.

Aktuell gibt es 27 Diözesanverbände des Kreuzbundes. Sie entsprechen den Bistümern der katholischen Kirche, umfassen bundesweit 1 400 Gruppen und 22 000 Mitglieder. Der Diözesanverband Speyer hat etwa 300 Mitglieder und 26 Gruppen. „Wobei man nicht Mitglied sein muss, um an den Gruppentreffen teilzunehmen, wir haben ebenso viele Besucher“, informiert Frohs. „In Kaiserslautern gibt es vier Gruppen, darunter eine feste mit langjährigen Mitgliedern, die teils wöchentlich, teils alle zwei Wochen stattfinden. Aber wir haben auch Infotreffen für Neulinge.“

Der Anteil von Männern und Frauen halte sich in etwa die Waage, der Großteil liege altersmäßig zwischen 40 und 70 Jahren. „Wobei mittlerweile auch Jüngere kommen, die zunehmend von Mehrfachdrogen wie zum Beispiel Spielsucht, Cannabis oder ,Legal Highs‘ (Neue psychoaktive Substanzen) abhängig sind.“

Ihnen allen will der Kreuzbund durch individuelle Unterstützung helfen, ein Leben ohne Abhängigkeit zu führen und sich wieder in die Gesellschaft, Familie und in den Beruf einzugliedern. (friju)

Infos: Homepage Bundesverband: www.kreuzbund.de/de/
Homepage Diözesanverband Speyer: www.kreuzbund- speyer.de/de/startseite.html

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