Redaktion der pilger

Donnerstag, 24. November 2022

Notruf um 5.45 Uhr

Den Funkmeldeempfänger hat Hedi Sehr immer griffbereit. (Foto: Heike Kaiser. (Foto: Heike Kaiser)

Hedi Sehr kümmert sich um Ersthelfer und Angehörige von Unfallopfern

Sie strahlt Wärme und Herzlichkeit aus. Gute Voraussetzungen, um Menschen beizustehen. Zum Beispiel nach einem schweren Unfall. Hedi Sehr betreut in der Notfallseelsorge Hinterbliebene und Ersthelfer – ehrenamtlich.

Es ist ein sonniger Nachmittag. Hedi Sehr begrüßt mich in Beselich bei Limburg mit ausgestreckter Hand, ihre beiden Golden Retriever haben mein Kommen bereits fröhlich bellend angekündigt. Das Wetter lädt dazu ein, uns nach draußen zu setzen. Auf dem herbstlich dekorierten Gartentisch liegen ein Funkmeldeempfänger und ein Handy parat. „Keine Angst“, sagt Hedi Sehr schmunzelnd, „für heute Nachmittag habe ich mich aus der Bereitschaft abgemeldet.“

Trotzdem wirft sie einen Blick auf das Display des Meldegeräts, gerade ist ein Notruf eingegangen: Ein Wohnhaus in einem benachbarten Ort steht in Flammen. „Anforderung Betreuung / Bewohner / eine Person im Gebäude / Menschen in Gefahr“, ist auf dem Display zu lesen. „Wenn ich in der Bereitschaft wäre, würde ich jetzt sofort losfahren“, erklärt die 69-Jährige.

Einen Tag zuvor wurde die ehrenamtliche Notfallseelsorgerin zu einem Einsatz gerufen, der sie noch immer beschäftigt, kannte sie doch die Familie des 81-jährigen Rentners, der bei einem Traktorunfall ums Leben gekommen ist. Die Meldung lautete: „Verkehrsunfall / Traktor / bewusstlose Person / vermutlich Exitus“.

„Manches nehme ich mit nach Hause“

„Ein Notfall weckte mich um 5.45 Uhr aus dem Schlaf“, berichtet Hedi Sehr, „und als ich die Adresse sah, ahnte ich schon in dem Moment, dass es sich bei dem Unfall um die Familie einer Freundin handelte.“ Daraus wurde traurige Gewissheit.

Zu den Einsätzen fahren die Notfallseelsorger immer zu zweit. „Wenn ein Notfall gemeldet wird, alarmiert uns die Zentrale Leitstelle in Limburg und gibt uns nähere Informationen. Trotzdem müssen wir uns vor Ort jedes Mal neu auf die jeweilige Situation einstellen“, berichtet sie. Die Notfallseelsorge wird gerufen, wenn bei einem Unfall jemand im Sterben liegt, reanimiert wird oder zu Tode gekommen ist. „Unsere Aufgabe ist es dann, uns um die Ersthelfer vor Ort zu kümmern, Angehörige zu betreuen, sie oft sogar ins Krankenhaus zu begleiten“, erzählt Hedi Sehr. „Wir bleiben bei den Hinterbliebenen, bis ihr soziales Umfeld aktiviert ist.“ Außerdem hinterlassen die Notfallseelsorger eine Telefonnummer, unter der sie erreichbar sind.

Wie wird sie mit solchen Situationen fertig, was macht es mit ihrem Glauben, wenn sie derart mit Leid konfrontiert wird? „Manches nehme ich mit nach Hause, vieles bewegt mich auch in den nächsten Tagen nach einem Einsatz noch“, erzählt Hedi Sehr. „Aber die Erfahrung lehrt, mit den Bildern umzugehen.“ Und trotzdem, sagt sie, „beschäftigt mich das jedes Mal sehr, wenn in einer glücklichen, funktionierenden Familie so plötzlich jemand wegbricht“.

Halt findet sie in ihrem Glauben. „Ich gehe zwar nicht jeden Sonntag in die Kirche“, räumt sie ein, „aber wenn ich an einem Gottesdienst teilnehme, nehme ich die belastenden Gedanken mit ins Gebet. Ich vertraue auf Gottes Kraft für die Angehörigen, dass er ihnen hilft, gut mit der Situation umgehen zu können.“ Nach einem Einsatz zündet die Notfallseelsorgerin in einer Kapelle oft eine Kerze an – „damit ich alles vor Gott abgeben kann“.

Hedi Sehr ist aufgewachsen mit dem Bild eines „strafenden Gottes“. „Das hat sich erst geändert, als ich vor Jahrzehnten in einem Gottesdienst in Hadamar einen Pfarrer predigen hörte, der von der Liebe Gottes zu uns Menschen sprach“, erinnert sie sich. Ein paar Tage später hatte ihre Tochter, im Jahr 1982 vier Jahre alt, einen schweren Verkehrsunfall – und überlebte. „Ich konnte mich mit vollem Herzen Gott anvertrauen“, erinnert sich Hedi Sehr an diese schwere Zeit. „Die Kirche“, sagt sie, „sollte daran arbeiten, öfter den liebenden Gott in den Vordergrund zu stellen. Der fällt leider zu oft hinten runter“, bedauert sie. Ihr fällt es deshalb auch schwer, das Schuldbekenntnis im Gottesdienst mitzubeten.

Die Feuerwehr hat sie „mitgeheiratet“

Die Mutter von drei Kindern ist gelernte Bürokauffrau, hat unter anderem zwei Jahre in der Verwaltung der Limburger Kirchenzeitung „Der Sonntag“ gearbeitet. Sie ist Gründungsmitglied der Notfallseelsorge Limburg-Weilburg und seit 2003 deren Vorsitzende; 24 Frauen und Männer gehören zu ihrem Team. Sie hat als Reporterin gearbeitet, ist mit dem Fotografiepreis „Blende 87“ ausgezeichnet worden.

Hedi Sehr ist auch seit Jahrzehnten in der Feuerwehr aktiv. „Die habe ich vor 49 Jahren mit meinem Mann Franz-Josef mitgeheiratet“, sagt sie schmunzelnd. Damals ist sie von der Mosel nach Beselich gekommen, hat sich zur Sanitäterin in der Feuerwehr ausbilden lassen und
in der Pfarrei St. Aegidius im Ortsteil Obertiefenbach eine Frauengruppe gegründet, war lange Zeit im Pfarrgemeinderat engagiert und sogar Karnevalsprinzessin. Für ihr Engagement wurde sie im Mai mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

„Doch das ist mir nicht so wichtig“, betont Hedi Sehr. „Die Menschen sind es, die mir am Herzen liegen.“ Deswegen ist sie gerne als Notfallseelsorgerin im Einsatz. Und auch, weil sie so viel Dankbarkeit erlebt, „oft noch nach vielen Jahren“. Sie ist sicher: „Der liebe Gott sucht sich die Mitarbeiter aus, die er braucht.“ (Heike Kaiser)

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