Redaktion der pilger

Mittwoch, 14. Dezember 2022

Gott ist mit uns

Wir warten auf das Kind. In ihm liegt Gottes Zusage an uns, dass er mit uns ist. Das trägt unser Leben und gibt ihm Sinn. Krippe mit Jesuskind vor dem Volksaltar des Speyerer Doms (Bild aus 2020). (Foto: Landry/Domkapitel)

Im Jesuskind liegt die Zusage, die unser Leben trägt

Nicht schon wieder! Gibt es denn in der Kirche nichts Neues als diese alte Geschichte? Alle Jahre wieder hören wir sie: Maria und Josef, zuerst die Verkündigung durch den Engel und die Zustimmung Marias, dann die Schwangerschaft und Josef, der damit nicht leben kann und sich von Maria trennen will. Nochmal ein Engel, diesmal im Traum, da lässt sich Josef auf das Geschehen ein. Wir können die Worte mitsprechen, so oft haben wir sie schon gehört.

Nichts Neues, auch in diesem Jahr nicht, in dem wir in den Problemen unserer Welt und den Sorgen unseres eigenen Lebens gerne mal etwas Anderes hören würden. Auf unsere Fragen finden wir keine Antwort, und einen Ausweg aus all den Krisen scheint es nicht zu geben.

Mitten in diese Situation voller Ängste und Schrecken hinein spricht dieser alte Text und will uns anrühren, wachrütteln, aufmerksam machen – auch und gerade in diesem Jahr. Es gibt da noch mehr als die Normalität, mehr als die üblichen Fragen und Sorgen: das war damals so und ist es auch heute.

Damals war Josef vermutlich geschockt und enttäuscht von seiner Verlobten, die offensichtlich schwanger war, aber nicht von ihm. Also beschloss er, sich ohne großes Aufheben von ihr zu trennen. Aber die Enttäuschung, die Wut und der Schmerz haben mit Sicherheit an ihm genagt. Erst ein Traum von einem Engel erklärte ihm, dass das alte Prophetenwort vom Immanuel Wirklichkeit werden wollte – in seinem Leben. Josef begriff etwas von dem, was da in seinem Leben passierte – er nahm Maria zu sich und ließ sich auf den Weg und das Leben mit ihr und dem Kind, das nicht seines war und doch alles veränderte, ein.

Wir wissen das alles – wir haben es schon viele Male gehört – und doch bleibt die Frage, was wir von dem begreifen, was in unserem Leben geschieht. Die Frage, was wir für wirklich und wichtig halten, woran wir uns ausrichten. Sicher können wir nicht auf einen Traum warten, in dem ein Engel Gottes uns die Hintergründe und Zusammenhänge in unserem Leben erklärt. Wohl aber können wir daran festhalten, dass nicht alles zu begreifen oder einzuordnen ist, dass es aber trotzdem einen Sinn haben kann.

So kann ich nicht erklären, warum eine Kollegin, die vor einem Jahr eine dreijährige Fortbildung mit mir begonnen hat, am Vorabend des ersten Adventswochenendes an ihrer Krebserkrankung gestorben ist. Ich durfte aber erleben, wie wir in der darauf folgenden gemeinsamen Kurswoche an sie gedacht, viele Begegnungen und Gespräche mit ihr geteilt haben, und wie ihr Glaube uns allen Hoffnung und Kraft geschenkt hat.

Auch ich habe keine Begründung für den Krieg in der Ukraine, für die zunehmende Gewalt gegenüber Menschen, die sich als queer begreifen, und auch nicht für die Gleichgültigkeit, die ich wahrnehme, die Menschen immer mehr um sich kreisen und andere aus dem Blick verlieren lässt. Aber ich spüre sehr wohl auch, wie stark bei vielen – und auch bei mir – gerade jetzt die Sehnsucht nach Frieden ist, der Wunsch, an- und ernstgenommen zu werden und anderen Gutes zu tun. Das löst die Probleme nicht, aber es verändert die Perspektive darauf!

Dieser Perspektivwechsel ist es, den für mich die alte Geschichte von der Geburt Jesu immer wieder neu in mein Leben bringt. Sieh doch, sagt sie mir: in all dem, was dein Leben ausmacht, geschieht etwas Unbegreifliches, Wunderbares. Da wird ein Kind geboren, dessen Name „Immanuel“ ist. Es heißt „GOTT IST MIT UNS“ – und das ist so viel mehr als nur ein Name. Es ist ein Versprechen in alle Jahrhunderte hinein, eine Zusage für alle Zeiten, ein Sinn für jedes Leben, auch für meines. Es gilt mir und uns in diesem Jahr und auch im kommenden: in und aus dieser Gewissheit dürfen wir leben. Gott ist mit uns – in diesem Kind, das wir an Weihnachten feiern, in diesem Mensch, der das Leid und den Tod nicht scheut, sondern auf sich nimmt und überwindet, und in jedem Menschen, der oder die uns begegnet.

Gott ist mit uns in der Patientin im Endstadium, dem homosexuellen Studenten, der sich aus Angst vor christlichen Fundamentalisten kaum an die Uni wagt, in der Floristin, die mir die Weihnachtssterne für die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verziert und in der Klinik vorbeibringt, in der Freundin, die mir, weil wir uns nicht persönlich treffen können, den Kirschzweig am Barbaratag über ein Foto mit dem Handy schickt…

Immanuel – Gott ist mit uns! Was könnte es Größeres geben als diese alte Geschichte? Ich wünsche uns, dass wir in dieses Bewusstsein hineinwachsen, dass uns eine Ahnung davon geschenkt wird, dass Gott mit uns ist – am vierten Advent, an Weihnachten und an jedem Tag in unserem Leben. (Annette Schulze)

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