Redaktion der pilger

Mittwoch, 14. Dezember 2022

„Eine große Freude für das ganze Volk“

Das Kind mit ausgestreckten Armen: Krippe in der Kirche St. Georg in Hördt. (Foto: Heil)

Weihnachtsgruß von Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann

Jedes Jahr aufs Neue berühren mich an Weihnachten die weit ausgebreiteten Arme des Kindes in der Krippe. Bei den meisten figürlichen Darstellungen scheint es, als wolle das Jesuskind nicht nur die wenigen Menschen im Stall umarmen, sondern die ganze Welt – mit jener Offenheit, mit jenem grenzenlosen Vertrauen, zu dem wohl nur Kinder fähig sind. Ganz so, wie es der Engel den Hirten auf dem Feld verkündet hat: „Ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen (!) Volk zuteilwerden soll“ (Lukas 2,10).

In dieser das Herz unmittelbar anrührenden Geste wird sichtbar: Was sich im Stall von Betlehem ereignet hat, das gilt nicht nur einigen wenigen Auserwählten, sondern der ganzen Menschheit. Die Botschaft des Engels ist nicht nur für besonders Gläubige oder Rechtschaffene bestimmt, sondern für die ganze „Oikoumene“ – für den ganzen Erdkreis, wie es am Beginn des Weihnachtsevangeliums heißt. Alle Enden der Erde, so singen wir am ersten Weihnachtsfeiertag, sehen das Heil unseres Gottes (vgl. Psalm 98,3).

Gott geht es immer ums Ganze

Die weit ausgebreiteten Arme Jesu in der Krippe – sie zeigen uns den allumfassenden Horizont und die grenzenlose Liebe Gottes: Ihm geht es immer ums Ganze. Er ist in unsere oft so bruchstückhafte Welt gekommen, um alle trennenden Mauern niederzureißen. Er ist Mensch wie wir geworden, um jeden Menschen aus seiner Selbstbezogenheit zu befreien. Am Kreuz – so deutet er im Voraus den Jüngern seinen Tod – wird er seine Arme aufs Neue weit ausbreiten, um alle an sich zu ziehen (vgl. Johannes 12,32); hinein in die weltumspannende Gemeinschaft aller Menschen untereinander und mit Gott.
Im Blick auf diese universale Zuwendung Gottes zur Welt wird uns umso schmerzlicher bewusst, um wie viel eingeengter unser eigener Blick oft ist. Um wie viel verschränkter unsere Arme. Um wie viel verschlossener unsere Herzen. Auch und gerade in den vielfältigen Krisen, in denen wir derzeit stehen. Sie stellen jede und jeden von uns vor die Frage, ob wir sie als gemeinsame Herausforderung begreifen und willens sind, sie im solidarischen Miteinander, im Blick auf das Wohl aller Menschen zu bewältigen. Oder ob wir uns als Menschheit auseinanderdividieren lassen und uns hinter ideologischen Mauern, nationalen Grenzen oder wirtschaftlichen Partikularismen verschanzen.

Mich beunruhigt, dass die Zahl derer hierzulande eher zunimmt, die aus den Sorgen und Verunsicherungen der Menschen Profit schlagen wollen, indem sie Misstrauen säen, Menschen gegeneinander aufhetzen und so die Gesellschaft zu spalten versuchen. Mit Parolen wie: „Unser Land zuerst“ betonen sie nur die eigenen Interessen und richten damit längst überwundene Grenzen neu auf. Mit ihrer Demokratiefeindlichkeit, mit ihrer Hetze gegen Flüchtlinge und andere Menschengruppen tragen sie Hass und Zwietracht in unsere Gesellschaft hinein. Ihre zur Schau getragene Sorge um unser Land und angebliche Solidarität mit sozial Benachteiligten, mit der sie um Zustimmung werben, ist nichts anderes als eine Maske, hinter der sie ihre tiefe Verachtung für bestimmte Menschengruppen und ihr Desinteresse an der gemeinsamen Suche nach guten Lösungen für alle Menschen zu verbergen suchen.

Den Blick weitennund das Herz öffnen

Dem gegenüber laden uns die ausgebreiteten Arme des Christkinds ein, es ihm gleich zu tun: Unseren Blick vertrauensvoll zu weiten und die Türen unserer Herzen zu öffnen. Die Welt als Ganze und das Wohl aller Menschen in den Blick zu nehmen: Das Wohl der Armen und Schwachen, die besonders unter der aktuellen Versorgungskrise und Inflation leiden. Das Wohl der Menschen in der Ukraine und der Geflüchteten in unserem Land. Das Wohl der Menschen in den Ländern des globalen Südens, die von den wirtschaftlichen und ökologischen Folgen der aktuellen Krisen am stärksten betroffen sind.

Die Menschenfreundlichkeit Gottes, die im Kind in der Krippe Hand und Fuß bekommen hat: Sie will uns berühren und bewegen – wie wir es in unserer Bistumsvision formuliert haben –, dass wir mitwirken an der Ausbreitung des Gottesreiches in unserer Welt. Dass wir uns – nach dem Vorbild des menschgewordenen Gottessohnes, der sich vor allem den Armen und Schwachen zugewandt hat – einsetzen für die unverlierbare Würde jedes Menschen, für ein solidarisches Miteinander aller, für Frieden und Gerechtigkeit. Dass wir in der Kraft seines Geistes die geschundene Schöpfung in ein gemeinsames Lebenshaus verwandeln, in dem ein gutes Leben für alle möglich ist.

Lassen wir uns ergreifen von den weit geöffneten Armen des Kindes in der Krippe. Lassen wir uns anstecken von seiner Vision einer Welt, in der es kein Neben- und Gegeneinander der Menschen mehr gibt, sondern nur noch ein allumfassendes Miteinander. Und helfen wir auf diese Weise mit, dass sich das Wort des Engels für alle Menschen erfüllt: „Ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteilwerden soll.“

Ihnen allen, Ihren Familien und Freunden wünsche ich ein gesegnetes, von Freude und Zuversicht erfülltes Weihnachtsfest!

Ihr Bischof
+ Dr. Karl-Heinz Wiesemann

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