Redaktion der pilger

Dienstag, 27. Dezember 2022

Der Jahreswechsel ist laut und bunt

(Foto: Thaut Images/AdobeStock.com)

„Zwischen den Jahren“ heißt die Zeit des Jahreswechsels gewöhnlich, die Tage nach Weihnachten. Vielerorts sind sie mit Bräuchen verbunden: mit Umzügen und Feuerwerk, Heischegängen und Spendensammlungen, Mummenschanz und Lärm. Denn den Übergang vom alten ins neue Jahr markieren die Menschen schon seit Jahrhunderten gern für jede und jeden hör- und sichtbar.

Besonders spektakulär wird das Neujahr heute mit Raketen, Krachern, Heulern und Leuchtbatterien eingeschossen. Mehr als hundert Millionen Euro verpulverten die Bundesbürger zuletzt Jahr für Jahr am Silvesterabend – wohlgemerkt vor der Corona-Pandemie. Ende 2020 und 2021 galten in Deutschland Verkaufsverbote für die Böller, entsprechend sparsam fiel die Neujahrs-Knallerei aus. Die Deutsche Umwelthilfe macht nun gar einen Trend „weg von der archaischen Silvester-Böllerei“ aus: Importe der explosiven Ware seien um 80 Prozent gesunken, zugleich sprächen sich 71 Prozent der Deutschen für Feuerwerks-Verbotszonen in Großstädten und 53 Prozent der Bürger Brandenburgs für eine Abschaffung der privaten Silvester-Böllerei aus, beruft sich die Umwelthilfe auf aktuelle repräsentative Studien. Tier- und Umweltschützer – aber auch die Kirchen – kann das freuen: Sie rufen traditionell dazu auf, beim Silvesterfeuerwerk mehr Verzicht zu üben und das eingesparte Geld für wohltätige Zwecke zu spenden.  

Die heutigen Silvesterfeuerwerke, gesetzlich übrigens im Sprengstoffrecht geregelt, entwickelten sich aus Lärm- und Schießbräuchen, die schon seit Jahrhunderten zum Jahreswechsel gehörten. Statt mit Krachern aus dem Supermarkt aber schossen unsere Urväter mit Vorderladern, die selbst gestopft werden mussten - oder mit Gewehren. In der Nacht auf den ersten Januar, berichtete ein Chronist anno 1810 aus Köln, „knatterten an allen Enden der Stadt Flinten- und Pistolenschüsse“. Doch während heute meist ziellos in die Luft geballert wird, lärmten die Menschen einst vor den Häusern des Bürgermeisters, des Pfarrers oder anderer Respektspersonen. Die jungen Burschen ließen es besonders vor den Häusern der heiratsfähigen Mädchen krachen. „Die Sitte war ja ganz schön“, freute sich ein Dorfschreiber im Bergischen Land, „aber wegen der Feuerwaffen auch gefährlich – auch weil zu viel Schnaps gesoffen wurde“.
Kein Wunder, dass die Behörden das Treiben der Flintenhelden immer wieder mit Verboten belegten. „Alle begegnende leedigen Purschen sollen gefänglich angehalten werden“, heißt es in einer schwäbischen Verfügung aus dem 18. Jahrhundert. Viele Gemeinden hatten eigens nächtliche Kontrolleure verpflichtet, die alle Gewehr- und Pistolenschützen aus dem Verkehr ziehen sollten. Wer nicht schoss, lärmte am Altjahresabend mit Peitschenknall oder zog trommelnd und trompetend durch die Gemarkung. So wie noch heute in vielen alpinen Regionen, wo die Bürger an den Abenden vor Neujahr mit Schellen und Glocken lärmend umherziehen – besonders schön in der Innerschweiz, wo die maskierten Trychler trommelnd durch Meiringen und andere Dörfer ziehen.

Glocken von nahezu allen Kirchtürmen läuten das neue Jahr ein. Musikalisch noch anspruchsvoller sind Konzerte und Chorgesänge zum Jahreswechsel. In protestantischen Regionen wird Neujahr von Posaunen angeblasen, oft vom Kirchturm aus, wo zu mitternächtlicher Stunde Choralbläser ihre Grüße entbieten. Natürlich gibt es das auch in katholischen Kirchen. Sehr beliebt sind auch hier Neujahrskonzerte, etwa im Speyerer Dom, traditionell um 15 Uhr am ersten Tag des noch jungen Jahres. Ganz vereinzelt noch halten Chöre die Tradition des Neujahrsansingens am Leben und ziehen am Silvesterabend von Haus zu Haus. „Hört, ihr Leut‘ und lasst Euch sagen, die Glock hat eben zwölf geschlagen“, heißt es in einem der bekanntesten Neujahrslieder. „Nun ist das alte Jahr dahin, das neue klingt in frohem Sinn.“  

Wir haben heute die Sternsinger, die rund um den Dreikönigstag unterwegs sind, um die Weihnachtsbotschaft in die Häuser zu tragen und für Kinder und Jugendliche in armen Regionen der Erde zu sammeln. Doch schon der heilige Bonifatius berichtete über die Gepflogenheiten von Sängerscharen, die zum Jahreswechsel umherzogen. Bettelnd und lärmend ging es damals von Haus zu Haus, weshalb der Silvestertag in manchen Regionen auch „Betteltag“ hieß. Gesammelt wurde freilich für den eigenen Beutel. „Es schläget sich jährlich eine Rotte zusammen, um schändlichen Gewinns willen, kömmt des Tags über in keine Kirchen und geht bei Nacht mit dem Stern, mit einem tölpischen und gottlosen Rumpelreigen oder abgöttlichen Gesang und Liedern in Städten und Dörfern herum, daß sie Geld sammeln, damit sie hernach zu saufen haben“, klagte 1684 ein Prediger in Mecklenburg über die Neujahrsumgänge. Immer häufiger registrierten die Behörden im Zusammenhang mit den Neujahrsgesängen Straftaten wie Hausfriedensbruch und Raufereien, ja sogar Mord. Vielerorts wurde der Brauch deshalb verboten.
 
Etwas vom alten Geist der einstigen Umgänge zum Jahreswechsel lebt noch in manchem alpinen Brauch fort. In den Perchtenläufen zum Beispiel, die heute vor allem im Salzburger Land lebendig sind. Besonders ins Auge fallen dabei die „Turm-Perchten“ mit ihrem zwei bis drei Meter hohen Kopfputz. Im heidnischen Volksglauben waren die Perchten einst rätselhafte Gestalten, die sich als unheilvolle Dämonen, manchmal aber auch als Glücksbringer zeigten. Genauer betrachtet waren sie Mittler zwischen Gut und Böse, zwischen Vernunft und Willkür. Im Volksmund ist die Zeit „zwischen den Jahren“ ohnehin mit allerlei Aberglauben behaftet. Heimatkundler bringen diese Zeit auch gern mit der „Wilden Jagd“ in Verbindung. Laut lärmend sollen übernatürliche Gestalten einst durch die Nacht, über den Himmel gestürmt sein. Diese übernatürlichen Jäger galten dann als Vorboten für Schicksalsschläge und Katastrophen. Zudem war in den Losnächten und -tagen Wäschewaschen ebenso verboten wie Nähen, Spinnen, Staub fegen oder Stall ausmisten. Außerdem war es die Zeit der Orakel, wie es sich im Blei-, Zinn- oder Wachsgießen für manche Menschen noch heute am Silvesterabend zeigt.

Bei all diesen Gepflogenheiten ist eines nicht zu vergessen: Der Tag und die Stunde des Jahreswechsels ist von Menschen festgelegt, insofern sind Überlegungen zum Wirken „höherer Mächte“ wirklich Aberglaube: Der Anfang des Jahres wurde durch die Kalenderreform des Julius Cäsar im Jahr 45 vor Christus vom damals üblichen 1. März auf den 1. Januar verlegt. Und selbst der 1. Januar ist nicht überall Neujahrstag: Dieser ist in China am 22. Januar 2023 und im Südpazifik am 14. Juli 2023. Den Muslimen gilt der 19. Juli 2023 als Neujahr und den Juden der 16. September 2023. Wie lange die Spanne eines Jahres dauert, darauf hingegen haben Menschen keinen Einfluss. Diese Zeit wird durch einen vollständigen Umlauf der Erde um unsere Sonne bestimmt, mathematisch-astronomisch ungenau sind das 365 Tage.

In der katholischen Welt hat der Neujahrstag zwei wichtige Bedeutungen: Der 1. Januar ist das Hochfest der Gottesmutter Maria. Und 1967 erklärte Papst Paul VI. den Neujahrstag auch zum Weltfriedenstag. Der damit verbundene Wunsch ist zeitlos aktuell. Leider auch 2023. Wolfgang Wirt und KNA

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