Redaktion der pilger

Mittwoch, 18. Januar 2023

„Es gibt nur eine Welt“

Heute lebt Joanna Maria Otto in Berlin. Sie schreibt Bücher und hält Vorträge über Glaube und Naturwissenschaft. (Foto: Walter Plümpe)

Naturwissenschaft und Glaube: Für Joanna Maria Otto ist beides gleich wichtig und richtig

Eigentlich war Joanna Maria Otto Neurobiologin. Dann entdeckte sie die Welt des Glaubens für sich. Bis ins Kloster führte dieser Weg – und wieder hinaus. Heute sieht sie ihre Berufung darin, beide Welten zusammenzuführen.

Religiös aufgewachsen ist Joanna Maria Otto nicht. „Meine Eltern wollten uns das freistellen“, sagt die gebürtige Berlinerin, die jetzt wieder in der Hauptstadt lebt. Auch der evangelische Religionsunterricht, an dem sie als Schülerin zunächst teilgenommen hat, überzeugte sie nicht. „Das war eher Sozialkunde“, sagt sie. Als sie älter wurde, habe sie deshalb „lieber die Freistunde gewählt“.
Dennoch: „Da fehlte etwas“, sagt die 47-Jährige. Sie habe keine besonders glückliche Kindheit gehabt und nach Halt gesucht. „Ich habe schon damals gedacht: Es wäre wirklich praktisch, an Gott zu glauben. Aber ich konnte halt nicht.“

Stattdessen war sie begeistert von den Naturwissenschaften. Deshalb entschied sich Joanna Maria Otto für ein Studium der Biologie und Psychologie, um dann in Neurobiologie ihren Doktor zu machen. In Freiburg war das, wo sie im Universitätsklinikum als wissenschaftliche Angestellte arbeitete.

„Etwas hat mich angesprochen und nicht mehr losgelassen“

Es war eine gute Zeit, aber etwas fehlte immer noch. Dann kam der Tag, an dem ein Freund sie einlud, den Chor anzuhören, in dem er sang. „Sie sangen in einer katholischen Messe an Mariä Himmelfahrt“, sagt Otto. Sie ging hin, „und etwas hat mich angesprochen und nicht mehr losgelassen“. Immer häufiger besuchte Otto eine Kirche, eine Messe. Und sie wollte mehr wissen. „Der Freund erzählte mir, dass es ein Katechumenat für Erwachsene gibt“, sagt sie. „Aber als ich mich ans Erzbistum Freiburg wandte, konnten die nichts mit mir anfangen.“ Nach einigem Hin und Her geriet sie dann an das Augustinerkloster in der Freiburger Innenstadt. Einer der Chorherren nahm sich ihrer an. „Er hat mich dann auch getauft“, sagt Otto. Das war im Jahr 2006.

„Sie glauben doch wohl nicht an diesen Evolutionsquatsch?!“

Doch Begeisterung rief ihre Entscheidung nicht bei allen hervor. „Ein Kommilitone sagte: ‚Ich dachte, du bist eine abgeklärte Naturwissenschaftlerin‘“, erinnert sich Otto. Andere waren unangenehm berührt, wenn sie in der Mensa vor dem Essen betete. Sie hat aber auch erlebt, dass jemand sagte: „Schön, dass du dich das traust.“ Nett ist auch die Geschichte vom Aschekreuz. „Als ich am Aschermittwoch vom Gottesdienst zur Arbeit kam, sagte mein Professor ganz höflich: Entschuldigen Sie, Sie haben da was. Darf ich das mal wegmachen?“

Umgekehrt fühlte sich Otto auch in ihrer Pfarrei nicht wirklich wohl. „Sie war sehr traditionell, und ich habe Sätze gehört wie: ‚Sie glauben doch wohl nicht an diesen Evolutionsquatsch?!‘“

Doch, glaubt sie. Wobei „glauben“ vielleicht nicht das richtige Wort ist. Otto war und ist als Naturwissenschaftlerin überzeugt davon. Und davon, dass beides zusammengehen muss: Glaube und Wissenschaft. „Es gibt doch nur die eine Welt“, sagt Joanna Maria Otto. „Entweder wir sehen sie als Ganzes oder es funktioniert nicht.“ Bestätigt fühlt sie sich von der Bibel. „Ich mag den Psalm 139. Dort heißt es: ‚Nähme ich die Flügel des Morgenrots, ließe ich mich nieder am Ende des Meeres, auch dort würde deine Hand mich leiten.‘ Für mich heißt das, dass es keine Grenze gibt, hinter der ich außerhalb von Gott wäre. Auch keine Grenze des Denkens.“

Das immerwährende Studiumn der Dominikanerinnen zog sie an

Grenzen ganz anderer Art lotete Joanna Maria Otto im Kloster aus. Vier Jahre lang lebte sie als Dominikanerin im niedersächsischen Lage. „Eine der Regeln ist das immerwährende Studium, das hat mich angezogen“, sagt Otto. Auch das kontemplative Leben, die Konzentration auf das Gebet gefielen ihr. Und doch trat sie wieder aus. „Ich bin nicht ganz gesund“, sagt sie. „Irgendwann merkte ich: Es geht mir hier auf Dauer nicht gut.“ Vielleicht auch deshalb, weil es neben der vielen Hausarbeit in einem großen Kloster mit wenigen Schwestern doch nicht für das „immerwährende Studium“ reichte.

Otto ging zurück nach Berlin. Dort unterrichtete sie eine Zeit lang an einem katholischen Gymnasium Biologie und Physik. Aber auch das machte ihre Gesundheit nicht mit. Sie verließ die Schule – und hatte plötzlich Zeit. „Und da dachte ich mir: Jetzt kümmerst du dich mal richtig intensiv um die Fragen von Naturwissenschaft und Glaube.“ Sie recherchierte, las, notierte – und irgendwann hatte sie ein Buchmanuskript zusammen. „Ich hatte nicht geplant, dass das gedruckt wird“, sagt sie. „Aber so ist es umso schöner.“

Die Spiritualität des Klosters prägt sie bis heute

Das Buch heißt „Galilei, Darwin, die Kirche und ich“, und der Titel zeigt, worum es geht: zwei Welten zusammenzubringen. „Mir hat mal jemand gesagt: ‚Wissenschaft und Nonne, das geht nicht zusammen.‘ Ich finde doch: Ich bin der lebendige Beweis.“

Denn auch wenn sie keine Nonne mehr ist: Die Spiritualität des Klosters hat sie mitgenommen. Sie schätzt die Gebetspraxis, die Stille, die Tiefe. Nebenher singt sie in einer Schola und ist „Grenzgängerin“, wie sie sagt, in verschiedenen Berliner Kirchengemeinden.

Und sie hält Vorträge über, klar, Naturwissenschaft und Glaube. Und über die Frage, wie das zusammengeht. Die Evolution und die Relativitätstheorie und die Bibel. „Mein Leben ist jetzt stimmig“, sagt Joanna Maria Otto. „Ich habe die Synthese von allen Etappen meines Lebens gefunden.“ Und sie sagt voll Überzeugung: „Jetzt fühlt es sich gut an!“ (Susanne Haverkamp)

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