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Redaktion der pilger

Mittwoch, 25. Mai 2022

Eins in der Liebe

Auch in einer großen Masse bleibt jede und jeder ein einzigartiges

Vor Gott ist der Mensch ein einzigartiger Einzelner

Als Jugendlicher war mir dieses Evangelium immer suspekt. Wenn wir alle eins sind, dann wissen doch auch alle über mich Bescheid. Kennen meine Macken, Fehler und Schwächen. Gott sowieso, damit konnte ich mich abfinden. Aber auch alle anderen? Meine Oma, mein Opa, jeder x-beliebige Mensch? Diese Vorstellung fand ich schrecklich.
Wir machen einen Sprung. Folgen Sie mir in Gedanken in die unendlichen Weiten des Universums. Begleiten wir das Raumschiff Enterprise, das in unbekannte Galaxien vordringt, die kein Mensch je zuvor gesehen hat. Dann hält unser Raumschiff vor einem unheimlichen Phänomen an. Wir schweben vor einem grün pulsierenden Quader im Stile einer überdimensionierten Völklinger Hütte und hören eine vielschichtige, emotionslose Stimme: „Widerstand ist zwecklos. Sie werden assimiliert.“

Man muss nicht unbedingt ein Trekkie sein, um dieses Zitat zu kennen. Es beschreibt den unbändigen Expansionswillen der außerirdischen Rasse der Borg aus dem Star Trek Universum. „Assimilation“ meint die vermeintliche Vervollkommnung durch kybernetische Optimierung und die Eingliederung in das Kollektiv: „Alle sollen eins sein.“

Wer von den Borg assimiliert wird, hat keinen freien Willen mehr und vergisst seine Vergangenheit. All sein relevantes Wissen wird mit assimiliert und steht ab sofort allen Mitgliedern des Kollektivs zur Verfügung. Salopp gesagt: ein unendlich wachsendes, überall verfügbares „Wikipedia forever“. Einmal mit dem Kollektiv verbunden, spürt man keinen Schmerz mehr, weil es das Individuum nicht mehr gibt. Auch wenn es einige Vorteile mit sich bringt wie Wissen, Befreiung von Schmerz und Leid, so wird im Laufe der Serie schnell klar: Das möchte wirklich niemand, denn niemand möchte seine Identität oder seinen freien Willen aufgeben.

Springen wir erneut in der Zeit. Aus der Mitte des 23. Jahrhunderts weit zurück ins erste Jahrhundert. Ungefähr da werden die Zeilen des heutigen Evangeliums niedergeschrieben: „Alle sollen eins sein.“

Fast scheint es, als hätte der Erfinder der Borg für seine alptraumhaften Wesen das Johannes-Evangelium gelesen. Es liest sich fast wie ein Monolog der Borg-Königin.
Egal wie Sie zu Science-Fiction stehen, vielleicht können Sie meine Beunruhigung nachvollziehen bei der Betrachtung der eher philosophischen Frage, ob es wirklich so erstrebenswert ist, dass alle eins sein sollen? Zeigt nicht gerade das Beispiel der Borg, dass dies mit einem Zerfall der Menschlichkeit einhergeht? Sollte das Streben Jesu nach dieser Einheit nicht eher mit Misstrauen betrachtet werden? Wie kann ich mir dieses „In-Jesus“ oder „In-Gott“-sein vorstellen?

Es ist vor allem ein entscheidendes Merkmal, das die „Alle sollen eins sein“-Vision der Borg und die jesuanische „Alle sollen eins sein“-Vision voneinander unterscheidet. Während die Borg im Kollektiv ihre Emotionen verlieren, ist gerade die Liebe das Kennzeichen der jesuanischen Vision. Die Qualität dieser Liebe finden wir eindrücklich beschrieben in 1 Kor 13. „Die Liebe ist langmütig… Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand.“

Liebe ist eng verbunden mit dem Gedanken der Individualität, sonst wäre sie reine Selbstliebe. Sie setzt ein Gegenüber voraus, das angenommen wird, so wie es ist. Nicht kybernetisch oder sonst wie optimiert. In diese Liebesbewegung nimmt Gott uns mit hinein. Dieses „Alle sollen eins sein“ wird dadurch zu einer Einheit in Vielfalt und eben gerade nicht zum Verlust der Individualität. Wir hören damit nicht auf, wir selbst zu sein, sondern bleiben, wer wir immer schon waren.

Von daher brauchen wir auch keine Angst vor dieser Einheit zu haben, in der wir mit allem, was uns ausmacht, erkannt werden. Mit unseren Fehlern und Schwächen. Mein Gegenüber sieht nicht mit emotionslosen Augen auf mich, sondern im Geist der Liebe. Darin liegt neben Erkenntnis auch Erbarmen, Verständnis und Vergebung. Die Liebe „erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand.“ Nichts also, wovor ich mich fürchten müsste.

Wir machen nicht erst seit wir den Krieg im Herzen Europas brennen sehen die Erfahrung, dass wir noch weit von der Vision Christi entfernt sind, in ihm eins zu sein. Es mag noch ein weiter Weg für die Menschheit sein angesichts pervertierter Versionen des „Alle sollen eins sein“, das sich an vielen Brandherden dieser Welt – auch mitten in unserer Gesellschaft – zeigt. Es bleibt Aufgabe eines jeden Christen, diese Einheit zu suchen, auch im Wissen, dass sie letzten Endes nur Geschenk, nur Gnade ist.

Eine Vision übrigens, die der Star Trek Erfinder Gene Roddenberry möglicherweise teilte. Sie findet sich wieder in der Utopie einer geeinten Menschheit, die alle Kriege, Ungerechtigkeiten und sozialen Verwerfungen überwunden hat und erst dadurch in die Lage versetzt wurde, ihre Grenzen zu überwinden und sich auf den Weg zur Erforschung der unendlichen Weiten des Alls zu begeben. (Steffen Glombitza)

 

 

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