Aus dem Bistum

Mittwoch, 04. September 2019

Von Nationalsozialisten schwer misshandelt

Schicksal von Pfarrer Jakob Martin erregte weit über die Pfalz hinaus Aufmerksamkeit

Eines der wenigen Fotos von Pfarrer Jakob Martin findet sich auf seinem Sterbebildchen. Er soll in Neustadt-Königsbach nicht vergessen werden. Foto: Bistumsarchiv Speyer

In Neustadt-Königsbach wurde am 24. August der Platz vor der Kirche nach dem ehemaligen Pfarrer der Gemeinde, Jakob Martin (1880-1938), benannt. Mit der Ehrung wird an einen entschiedenen Gegner des Nationalsozialismus erinnert, dessen Schicksal 1933 weit über die Grenzen der Pfalz Aufmerksamkeit erregte – und sogar beim Abschluss des Reichskonkordats Erwähnung fand. Dr. Thomas Fandel, Leiter des Speyerer Bistumsarchiv, zeichnet seinen Lebens- und Leidensweg nach.

Martin, der aus Zeselberg stammte, hatte in der Weimarer Republik als Mitglied der Kreisvorstandschaft der Bayerischen Volkspartei in der Pfalz den besonderen Unmut der Nationalsozialisten auf sich gezogen. Gleich dreimal erschienen in der NS-Presse Artikel gegen den Pfarrer, dessen politischen Vorgaben die große Mehrheit der Königsbacher folgte: Bei der Reichstagswahl im März 1933 ergab sich eine Dreiviertel-Mehrheit für die katholischen Parteien.
Aufgrund seiner klaren Haltung sah sich Martin nach dem Sturz der bisherigen Regierung in Bayern 1933 persönlich in Gefahr. Aus Mußbach drang sogar das Gerücht nach Königsbach, Martin „sei der erste, den die Nationalsozialisten an die Wand stellen würden“. Ende März hielt der Pfarrer sich kurzzeitig im Saargebiet auf. Dort musste er den Zugriff der Nationalsozialisten nicht fürchten, da die Region unter der Verwaltung des Völkerbundes stand. Erst nach einer telegraphischen Bestätigung durch die pfälzische SA-Führung, dass seine Verhaftung nicht in Frage komme, fuhr der Geistliche am 23. März 1933 wieder nach Königsbach zurück.
Bei den gewalttätigen Ausschreitungen gegen konservative und bürgerliche NSDAP-Gegner in der Pfalz im Juni 1933 zählte Martin dennoch zu den Opfern. Im Zuge der brutalen Aktion wurden in 21 pfälzischen Gemeinden Geistliche in „Schutzhaft“ genommen oder misshandelt. In Königsbach wurde am Abend des 23. Juni 1933 das Pfarrhaus gestürmt, in dem der Pfarrer mit zwei seiner Schwestern wohnte. Kurz vor 22 Uhr wurden nach heftigem Läuten Fensterscheiben eingeworfen, das Tor zum Kelterhaus und die rückwärtige Haustür aufgebrochen. Der Geistliche wurde von zwei SS-Männern verhaftet, die ihn in Begleitung weiterer SS- und SA-Leute aus Neustadt, Gimmeldingen und Mußbach aus dem Ort führten. Die Königsbacher Katholiken wurden mit Schlagstöcken und Schusswaffen eingeschüch­tert, um sie davon abzuhalten, ihrem Seelsorger zu helfen. Martin wurde mit Schlägen und Fußtritten misshandelt. Auf der Landstraße nach Mußbach wurde der Geistliche in einen Lkw verladen, der ihn nach Neustadt brachte. Bei einem Zwischenauf­enthalt bei der Gauleitung im „Braunen Haus“ musste der Pfarrer erneut Schläge erdulden. Anschließend wurde er ins Gefängnis eingeliefert. Wegen seiner Verletzungen ließ der Gefängnis­verwalter Martin noch in derselben Nacht durch den Bezirksarzt behandeln.
Als es nach dem Zusammenbruch des „Dritten Reiches“ zu einem Gerichtsverfahren wegen „Verbrechens gegen die Menschlichkeit“ kam, bezeugte der Mediziner: Der Pfarrer „sah fürchterlich aus und war von oben bis unten mit Blut bedeckt“. Einer der Täter sagte aus, die Verladung auf den Lkw sei „nicht in menschenwürdiger Weise“ abgelaufen, „sondern etwa so, wie man ein Stück Vieh hinauftransportiert“.
Martin sowie die anderen im Juni 1933 in „Schutzhaft“ genommenen Geistlichen kamen erst wieder frei, nachdem sie sich schriftlich verpflichtet hatten, sich in Zukunft jeglicher Kritik an der Regierung Hitler zu enthalten. Bei der Entlassung aus der Haft am 26. Juni 1933 verbot der für die Neustadter Gegend zuständige SA-Sonderbeauftragte Pfarrer Martin, bis zur Heilung seiner Wunden sich in die Öffentlichkeit zu begeben und Besuch zu empfangen. Es wurde sogar ein Wachposten zum Pfarrhaus abkommandiert. Der Geistliche überlistete die Wache jedoch insofern, als er Besucher im Garten des Pfarrhauses empfing.
Trotz aller Bemühungen der neuen Machthaber wurde der Fall Königsbach weit über die Grenzen der Pfalz hinaus bekannt, sogar der spätere Papst Pius XII. erfuhr davon. Auch in der Presse des Auslandes wurde der Fall thematisiert. Da in den Beiträgen fälschlicherweise die Rede davon war, dass Martin sich im Krankenhaus befinde und mit den Sterbesakramenten versehen worden sei, versuchte die NS-Propaganda, die Öffentlichkeit über den eigentlich entscheidenden Punkt des Vorfalls – die brutale Misshandlung – zu täuschen. In Aufzeichnungen, die sich heute im Bistumsarchiv Speyer befinden, betonte Martin: „‚Justitia‘ wurde die Augenbinde abgenommen und der ‚Veritas‘ wurde sie angelegt! … Recht ist, was dem Staate nützt; Unrecht ist, was dem Staate schadet!“
In der Folgezeit hielt sich Pfarrer Martin in rein politischen Dingen gemäß den Vorgaben der Bistumsleitung zurück. Jedoch geht aus seinen Aufzeichnungen hervor, was er wirklich dachte. Besonders bemerkenswert ist ein Dokument zu der Volksabstimmung am 19. August 1934, mit der sich Hitler nachträglich die Vereinigung der Ämter des Reichspräsidenten und des Reichskanzlers in seiner Person absegnen ließ. Martin hielt fest, wie in Königsbach das Wahlergebnis manipuliert wurde. Da aus NS-Sicht zu viele „Nein“-Stimmen zusammengekommen waren, wurde ein Teil der entsprechenden Wahlzettel den „Ja“-Stimmen zugeordnet. Martins in der damaligen Zeit höchst gefährlicher Kommentar: „Selbstverständlich wurde ein Widerspruch dagegen nicht erhoben! Denn im Konzentrationslager ist man bald!“
Ab 1935 hatte Pfarrer Martin mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen, die zeitweise sogar sein weiteres seelsorgliches Wirken unmöglich machten. Am 23. Juli 1938 starb der Geistliche. In einem für die damalige Zeit bemerkenswert deutlichen Nachruf hieß es im „Pilger“: „Wo Pfarrer Martin auch wirkte, immer und überall, wenn Zeitströmungen und Irrlehren gleich Nebeln die Geister zu verwirren suchten, da war sein Blick und sein Urteil wie die Luft seiner Heimat, gesund und klar, mitunter auch scharf. Dabei scheute er als Kaplan wie als Pfarrer keine Arbeit und Mühe, um sich einzusetzen für Gottes ewige Wahrheit und das Heil der Seelen.“

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