Geistliches Leben

Mittwoch, 19. September 2018

Auf Augenhöhe mit dem Kleinen

Jesus Christus stellt das Kind als Maßstab in unsere Mitte – Gedanken zum Markus-Evangelium 9, 30–37 von Pastoralreferentin Annette Schulze

Wenn bei uns in der Klinik Jugendliche eine Freundin besuchen und ich sie im Flur oder im Aufzug miteinander reden höre, fällt mir ein Begriff auf. Sie sprechen immer wieder von: „MEGA… toll“, „MEGA -…cool“, in der Unfallklinik kommt auch „MEGA – viele OP’s“ vor, manchmal ist es einfach nur: „MEGA“!

Stark und „groß“ klingt das wie das griechische Wort „mega“ übersetzt heißt. „MEGA“ – das passt in unsere Zeit und Gesellschaft. Alles muss möglichst groß sein, toll und perfekt. Möglichst perfekt muss das Leben sein – und wir auch. „Selbstoptimierung“ nennen das Fachleute und meinen damit die Bemühung, sich selbst noch besser aussehen zu lassen, noch besser zu funktionieren, effektiver zu arbeiten, sogar effektiver Urlaub zu machen oder zu schlafen.

Ich frage mich, ob wir immer auf der MEGA-Schiene unterwegs sein müssen. Manchmal kommen wir uns doch auch klein, unbedeutend, unvollkommen vor – im großen Ganzen der Welt, wo es so vieles zu verändern und zu verbessern gäbe, wo wir aber nichts oder zumindest nicht viel ausrichten können.

Jesus gibt im Evangelium des heutigen Sonntags einen Maßstab, der gar nicht zum MEGA-Trend unserer  Zeit und zu unserem Bemühen, vor anderen gut dazustehen, passt. Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein. Es entspricht nicht unserem Bild von einem guten Leben, der, die oder gar das Letzte zu sein. Bescheidenheit hat durchaus einen Wert, aber das Letzte sein – der Diener aller – damit geht Jesus schon ziemlich weit. Als Beispiel für die Lebenshaltung, um die es ihm geht, stellt er ein Kind in die Mitte. Dieses Kind aufnehmen, so lautet sein Auftrag: das Kleine, Unbedeutende, Unfertige ernstnehmen, dem Unscheinbaren Aufmerksamkeit schenken und es unterstützen in dem, was es zum Leben braucht. Bei einem Kind fällt das nicht schwer: es muss gefüttert, gewickelt, gebadet und vor allem geliebt werden. Bei Erwachsenen, auch bei uns selbst, fragen wir selten nach Bedürfnissen. Aber auch ein erwachsener Mensch braucht Nähe, Zuwendung, Achtsamkeit.

Für mich ist es eine beeindruckende Vorstellung: die Zwölf im Kreis mit Jesus – und ein Kind in der Mitte, als Beispiel, als Vorbild, als ein Maßstab, worauf es Gott ankommt. Es geht um die ganz andere Perspektive: nicht darum, wer der oder die Größte ist, sondern darum, wer am kleinsten ist. Junge Eltern erleben, dass ein solches winziges Menschlein mit dem Augenblick seiner Geburt (und oft sogar schon davor) richtig großen Wirbel macht. Es gibt den Eltern neue Zeiten für Wachsein und Ruhe vor, für die Tag und Nacht keine Rolle spielen müssen. Denken und Fühlen kreisen auf einmal um das Wohlergehen dieses „mini“- Wesens, das zugleich auch Lehrmeister sein kann, wenn es uns zeigt, wie Leben ganz im Augenblick – aussehen kann: sei es im ungeduldigen Hunger, im genüsslichen Sattsein, beim Kuscheln, Spielen oder im völlig entspannten Schlaf.

Vielleicht ist es naiv, ein Kind als Ideal für unser Leben zu nehmen. Aber das Bild des Kindes macht deutlich, dass es in Gottes Sinn für ein „gelingendes“ Leben keine Vorbedingungen gibt. Niemand muss einen Erfolg oder eine Leistung vorweisen, um geliebt zu sein. Wir müssen nicht die Größten sein – wir können sogar damit aufhören, uns ständig mit anderen zu vergleichen! Denn erst dann wird es nötig, von „größer“ oder „kleiner“ zu sprechen. Wir können uns die Sorge sparen, beim Vergleichen schlecht abzuschneiden, weil wir nicht die Größte oder der Erste sind.

Denn Gott geht es um unser Leben als die, die wir sind. Das zeigt er uns auf seine besondere, liebevolle Weise: er macht sich so klein, dass wir Menschen es uns kaum vorstellen können, obwohl wir es jedes Jahr neu feiern. Gott wird Mensch. Er stellt ein Kind in die Mitte – legt es in eine Futterkrippe und damit ins Zentrum des christlichen Glaubens. Als Erwachsene gehen wir vor diesem Kind auf die Knie und darin begegnen wir Gott – auf Augenhöhe.

Für Gott steht das Kleine an erster Stelle. Wir stehen in der Mitte, ob wir uns „MEGA“ oder „mini“ fühlen. Wir können uns selbst erlauben, zu sein, wie wir sind, und können genau so die vielen Wunder bestaunen, die uns begegnen. An jedem Tag gibt es „MEGA“- Momente, wenn Gott uns in  seiner „mini“- Weise anrührt und wir begreifen: „mini“ und „MEGA“ – das ist nicht entscheidend. Entscheidend ist und bleibt, dass wir Gott aufnehmen, indem wir Menschen aufnehmen. Ihnen achtsam begegnen, sie fragen, was sie zum Leben brauchen, ihnen zu einem besseren Leben verhelfen. Damit setzen wir Gottes Auftrag in die Tat um, der oder die Letzte zu sein. Und das heißt: „MEGA“ viel Leben für „minis“ und mehr…

 

 

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