Geistliches Leben

Donnerstag, 15. November 2018

Ermutigung

In der Begegnung mit Gott wird uns neues Leben geschenkt – heute - Gedanken zum Markus-Evangelium 13, 24–32 von Diplom-Theologe Thomas Bettinger

Unser Evangelium ist Teil der Wiederkunftsrede, die, anknüpfend an die Zerstörung Jerusalems und des Tempels im Jahre 70 nach Christus, dramatische Bilder des Weltendes vorstellt: Der Kosmos wird erschüttert, sein Ordnung zer-stört. Inmitten des Chaos aber erscheint „der Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit auf den Wolken“. Seine Engel werden „die von ihm Auserwählten aus allen vier Himmelsrichtungen zusammenführen, vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels“. Diese Worte sind hineingesprochen in eine Gemeinde, die noch traumatisiert ist vom jüdisch-römischen Krieg und deren Glauben bedroht erscheint: Mit dem Tempel stirbt der Ort Gottes unter seinem Volk. Wo war Gott? Wie konnte er das zulassen? Wo ist er jetzt?

Sind mir diese Bilder aus fernen Zeiten nicht sehr fremd? Ich spüre die andere Lebenswirklichkeit, das andere Welt- und Gottesbild. Aber: Sehe ich nicht täglich Bilder der „großen Not“? Bilder des Grauens, von Terror und ungebändigter Unmenschlichkeit, von Folter, Morden, Kriegen, Armut und Elend vieler Menschen. Bilder von Ausbeutung durch einen ungezügelten Kapitalismus, von Umweltkatastrophen mit geradezu „biblischen“ Ausmaßen (ägyptische Plagen, Sintflut), von der systematischen Zerstörung unserer Lebensgrundlagen durch Politik und Wirtschaft (Abholzung des Regenwaldes, CO2-Ausstoß, Vergiftung der Meere mit Plastikmüll). Und in all das bin ich selbst tief verstrickt. Der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber vergleicht den Klimawandel mit den Folgen eines Asteroideneinschlags; hier haben wir das biblische Bild: „Die Sterne werden vom Himmel fallen“.

Ich sehe in den Bildern auch die Erfahrungen persönlicher „großer Not“: von Krankheit, Leiden, psychischen Notlagen, von Einsamkeit und Schuld. Viele Menschen sind gefangen in Depressionen, ihnen ist die Freude am Leben genommen. Ich denke an suchtkranke Menschen, die aus dem Teufelskreis der Selbstzerstörung nicht herauskommen.

Mit den Stilmitteln seiner Zeit, der apokalyptischen Literatur, zeichnet der Evangelist seiner Gemeinde in gewaltigen Bildern ein Hoffnungsbild geradezu triumphalistischen Ausmaßes:  die Wiederkunft „des Menschensohnes“, des Gekreuzigten und Auferstandenen, dem sich alle Mächte des Bösen beugen müssen, wird alle Not beenden. In schweren Zeiten und auswegloser Depression ermutigt er zum Leben: „Die Verständigen werden strahlen, wie der Himmel strahlt, und die Männer, die viele zum rechten Tun geführt ha-ben, werden immer und ewig wie die Sterne leuchten“ (Dan 12, 3). Wenn die „große Not“ geschieht, ist das nicht das Ende von allem, sondern ein neuer Anfang, eine Begegnung, die alles hell, licht, lebendig macht. Wir erkennen, „dass er nahe vor der Tür ist“, „er“ meint Christus oder, wie die Bibel in gerechter Sprache wiedergibt: „Gott“.

Es geht um eine Gottesbegegnung. Und die findet nicht erst am Weltende statt, sondern heute,  „mitten unter uns“. Die Wiederkunftsrede beginnt mit „Gebt acht“ und endet mit „Seid wachsam“. Jesus ruft uns auf, standhaft zu bleiben, auch wenn die Not groß ist. Er gibt uns alles mit, was wir brauchen, um auch in dunklen Zeiten nicht am Leben zu verzweifeln, nicht aufzugeben. „Ich habe euch alles voraus-gesagt“ (Vers 23). Bewusst steht diese Perikope vor der Passion Jesu. Gott ist nahe, in Jesus Christus als dem Gekreuzigten und Auferstan-denen. Selbst in der schlimmsten Katastrophe ist Gott da. Wo das Dunkel am Tiefsten ist, umarmt uns Gottes Liebe und führt uns ins Licht und ins Leben. Anselm Grün schreibt: „Das Kreuz will uns sagen: Es gibt keine Katastrophe, kein Scheitern, kein Zusammenbrechen, keine Verfinsterung der Seele, die nicht durch das Kommen des Menschensohnes, des Gekreuzigten und Auferstandenen, erlöst werden könnte.“  An mir bleibt es, wachsam zu sein, acht zu geben, mich täglich neu zu öffnen für die Gegenwart Gottes, für eine Begegnung, die mein inneres Dunkel erhellt, Wege aus der Ausweglosigkeit zeigt, Kraft und Zuversicht für ein mutiges Engagement für Welt und Mensch schenkt.

Angelius Silesius bringt das Gesagte wunderbar ins dichterische Wort: „Das Licht der Herrlichkeit scheint mitten in der Nacht. Wer kann es sehn? Ein Herz das Augen hat und wacht. / In der Welt ist‘s trübe, leuchten müssen wir – du in deiner Ecke, ich in meiner hier. / Halt an, wo läufst du hin, der Himmel ist in dir: Suchst du Gott anderswo, du fehlst ihn für und für. / Gott wohnt in einem Licht, zu dem die Bahn gebricht: Wer es nicht selber wird, der sieht ihn ewig nicht.“

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