Geistliches Leben

Donnerstag, 19. Juli 2018

Jesus weiß, was wir brauchen

Er lädt uns ein, bei ihm Ruhe und Kraft zu finden – Gedanken zum Markus-Evangelium 6, 30–34 von Pfarrer i.R. Monsignore Ernst Roth

In diesen Wochen treten viele Menschen ihren ersehnten Urlaub an, um auszuspannen, um sich zu erholen, oder um neue Städte und Länder kennen zu lernen. Die Prospekte der Ferienorte und Reiseveranstalter locken mit herrlichen Fotos und ausführlichen Informationen über die vielfältigen Möglichkeiten der Urlaubsgestaltung vor Ort. Nur ein Angebot fehlt meistens: Ruhe und Stille. Und am Urlaubsort angekommen, stellt sich leicht ein innerer Zwang ein, die Angebote zu nutzen; man könnte ja sonst eine einmalige Gelegenheit verpassen! So vertauscht man leicht den Zwang und die Hektik des Berufsalltags mit der Hektik der Urlaubstage.

Im Evangelium heute empfängt Jesus seine Apostel, die er ausgesandt hatte in die benachbarten Dörfer und Städte. Sie kommen zurück von ihrer ersten, anstrengenden Missionstätigkeit und berichten ihrem Meister. Darauf sagt ihnen Jesus: „Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus.“ Und er fährt mit ihnen in einem Boot in eine unbesiedelte, einsame Gegend, um wirklich allein zu sein.

„Ruht euch ein wenig aus.“ Ist das nicht großartig von Jesus? Er ist verständnisvoll und mitfühlend; er weiß, was seine Jünger nach harter Arbeit jetzt brauchen: Ruhe. Sie sollen nicht nur Zeit haben zum Essen und Schlafen; sie sollen ihre aufreibende Missionsarbeit unterbrechen, zur Ruhe kommen, zu sich selber kommen, Zeit haben zum Nachdenken über ihre Sendung, Zeit haben, sich neu zu orientieren, mit Gott ins Gespräch zu kommen. Jesus führt so seine Freunde in eine Lebenshaltung ein, die auch ihm wichtig war: Das Sich-Zurückziehen in die Stille. Und in der Stille das Sich-Hinwenden zu Gott.

Dieses Beispiel, das Jesus seinen Aposteln gibt, darf auch für uns gelten. Viele von uns arbeiten und werkeln tagein tagaus, werden gefordert und z. T. überfordert von Berufsarbeit, Familie und anderen Verpflichtungen und kommen nicht zur Ruhe. Der Urlaub gibt uns dazu eine Chance. Das gewöhnliche Alltagsgetriebe, dem die meisten von uns ausgesetzt sind, reißt uns wie ein Strom mit, und wir merken meist gar nicht, wohin. Der Urlaub gibt uns die Möglichkeit, abzuschalten, Zwänge und Verpflichtungen loszulassen, sich Ruhe zu gönnen, Urlaub zu machen für Leib und Seele.

Ob ich in den Alpen die Mächtigkeit der Schöpfung schaue, ob ich in fremden Städten jahrhundertealte, herrliche Bauwerke bewundere, oder ob ich am Strand sitze, und die Unendlichkeit des Meeres demütig staunend erlebe, immer ist es ein leiser Anruf Gottes an mich, an Gott zu denken, Gott zu loben, wenn ich mir Zeit nehme, zur Ruhe komme, zu mir selber komme. Das wäre auch ein höchst wichtiges Urlaubsangebot!

Aber auch abseits des Urlaubs, für das Alltagsleben gilt: Leben braucht Pausen. Wenn ich unentwegt im Trubel des Alltags und der alltäglichen Verpflichtungen und Aufgaben stecken bleibe, verliere ich leicht die Orientierung, bin ich in Gefahr, die große Perspektive des Lebens aus dem Blick zu verlieren, das große Ziel, zu dem wir unterwegs sind. Dann kann das kleine oder große Problem, das ich habe, zum einzigen Horizont meines Lebens werden, in das ich mich verrenne, und alles andere verliere ich aus dem Blick. Da wird deutlich, dass es notwendig ist, den Kompass meines Lebens von Zeit zu Zeit neu zu justieren: Wozu lebe ich? Was ist mein Ziel? Wo finde ich Sinn? – Leben braucht Pausen! Leben braucht Orientierung!

Das gilt für alle Bereiche des Lebens. Eine Krankheit kann mich zu einer Auszeit zwingen, mich zwingen, mir von anderen helfen zu lassen, um mir meine Hinfälligkeit zu zeigen und um so das Leben neu verstehen zu lernen. Mitten im Streit kann es gut sein, eine Pause einzulegen und Abstand zum Problem zu gewinnen, um den Rivalen neu als Bruder oder Schwester zu erkennen. In schwierigen Situationen in einer Beziehung, in einer Familie, kann es entspannend wirken, das Verhältnis von Nähe und Distanz neu zu bedenken und zu ordnen. All diesen Beispielen ist eines gemeinsam: Abstand gewinnen! „Kommt, ... ruht ein wenig aus!“

Bei so manchem Rätsel seines Lebens braucht man vor guten Ratschlägen erst einmal seine Ruhe. Dann kann man wieder klarer sehen. In der Stille kann man neue Wege, kann man Gott finden – und sich selbst. Gönnen wir uns dann und wann eine Zeit der Ruhe, der Stille, der inneren Einkehr! Ob im Urlaub oder zuhause: Räume und Zeiten der Besinnung! Ich weiß, nicht wenige von uns heute haben Angst vor einer Oase der Stille, der Ruhe. Sie meinen, aus der Hektik des Alltags in ein dunkles Loch zu fallen. Sich „mit sich selber zu beschäftigen“, über sich selbst nachzudenken, kann mitunter tatsächlich unangenehm werden!

Und doch ist es gut und notwendig, sich von Zeit zu Zeit neu zu orientieren, das Ziel des Lebens neu ins Auge zu nehmen, zu sich selber zu kommen, sich und sein Leben mit Gott ins Gespräch zu bringen. Leben braucht Pausen! Ob im Urlaub oder zuhause. Jesus lädt uns dazu ein. „Kommt mit an einen einsamen Ort ... und ruht euch ein wenig aus!“

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