Geistliches Leben

Donnerstag, 18. Januar 2018

„Kommt, hinter mir her!"

Umkehr und Nachfolge bedeuten Entscheidung für das Leben – Gedanken zum Markus-Evangelium 1, 14–20 von Diplom-Theologe Thomas Bettinger

„Kommt! Hinter mir her!“, ruft Jesus den Fischern Simon und Andreas zu. „Sogleich ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm.“ Hätte ich „sofort“ alles stehen und liegen gelassen, um einem mir wildfremden Mann, der nichts Anderes sagt als „Komm! Folge mir!“, hinterherzulaufen?

Tatsache ist, dass Männer – und Frauen! – Jesus nachgefolgt sind. Simon Petrus, sein Bruder Andreas, die Zebedäussöhne, Maria aus Magdala und all die anderen folgten Jesus als seine Jünger und Jüngerinnen. Viele ließen später ihr Leben für ihn als „Menschenfischer“. Ich habe große Zweifel, ob ich dabei gewesen wäre. Was wäre, wenn mich einer heute so riefe? Dieser faszinierende Handwerker aus Nazaret in Galiläa hat mich schon in jungen Jahren angerührt, festgehalten und seitdem nicht mehr losgelassen. Also bin ich ihm gefolgt. In Irrungen und Wirrungen, in Scheitern, Schmerzen und – Erfahrungen von Auferstehung. Ich wollte ihn loswerden, habe es aber nie geschafft. Mit ihm fand ich wieder aus Abgründen ins Leben zurück. Er gab mir Orientierung, Kraft und – Auftrag. Mit diesem Auftrag ringe ich bis heute, aber er macht mich lebendig und frei und – froh!

Vielleicht haben die Jünger etwas von dem, was mir passiert ist, in der Begegnung mit Jesus erfahren. Nur intensiver, direkter, unausweichlicher. Vielleicht haben sie auch schon von Jesus gewusst. Denn er hatte bereits zu predigen begonnen. Es kommt wohl beides zusammen: Eine „charismatische Erscheinung“ und eine mitreißende Botschaft. Mann und Botschaft bewirken, dass Männer und Frauen alles aufgeben, ihre Lebensstellung, ihren Beruf, Vater, Mutter, Familie, um hinter Jesus herzugehen. Sie geben jegliche soziale Sicherheit auf um Jesu willen, der ihnen einen „Berufswechsel“ zumutet: Statt Fische sollen sie Menschen fischen. Menschen gewinnen für seine Botschaft, für Jesus. Und das wird nicht nur schön und erfüllend, sondern auch mühsam, demütigend, schmerzhaft und – gefährlich.

Hier steht auch das Leitwort für das ganze Markus-Evangelium: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe, kehrt um und glaubt an das Evangelium.“ Jetzt ist die Stunde: Das Reich Gottes ist nahe, es kommt mit diesem Jesus von Nazaret. Man kann das griechische Wort für „Reich Gottes“ auch mit „Gottesherrschaft“ übersetzen. Ich selbst mag nicht gern von der Herrschaft Gottes reden, das klingt zu sehr nach Macht und männlich-herrischer Dominanz. Aber hier ist es ein gutes und wichtiges Wort: Gott übernimmt das Regiment in der Welt. Und dieses Regiment wird ein anderes sein.

Das griechische Wort euangelion meint in seinem profanen Gebrauch bedeutsame und für die Mächtigen erfreuliche Ereignisse. Im biblischen Verständnis erhält es eine andere, auch politische Bedeutung. Im Lobpreis Marias, im Magnificat (Lukas-Evangelium 1, 46–55), wird dies ohne Wenn und Aber ausgesagt: „Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.“ Das ist eine politische Botschaft, eine Kampfansage an die herrschenden Regimes – damals wie heute! Die Verkündigung der Gottesherrschaft ist keine Jenseitsvertröstung, sondern Hoffnung auf Wandel in unserer Welt heute.

Im euangelion schwingt die Botschaft des Freudenboten beim Propheten Jesaja (61, 1–2) mit, den Jesus in der Synagoge von Nazaret zitiert: „Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe“ (Lukas-Evangelium 4, 18f). Jesus bezieht dieses Wort auf sich selbst: „Heute hat sich das Schriftwort … erfüllt“ (Lukas-Evangelium 4, 21). Er ist der Gesalbte Gottes – Christus. Er ist der, in dem Gott in seiner ganzen Fülle wohnen wollte, „um durch ihn alles auf ihn hin zu versöhnen“ (Kolosserbrief 1, 19f). Was braucht die Welt heute mehr als das?

Es geht um eine Umstürzung der weltlichen Wertordnungen, es geht um eine Ordnung der Freiheit, der Menschlichkeit, in der Gott selbst Macht zerschlägt, in der Ohnmacht zuhause ist und die Niedrigen ins Leben ruft. Es geht um eine Ordnung, in der Menschsein – endgültig – möglich ist, und das Leben geachtet, bewahrt und gemehrt wird. Diese Gottesherrschaft ist eine Friedensordnung des Lebens, die jetzt schon die Herzen der Menschen mit einer Freude erfüllen kann, die drängt, als Jüngerinnen und Jünger Jesus Christus nachzufolgen.

Jesus ruft auch uns heute. Wie die Jünger am See von Galiläa müssen wir uns entscheiden. Gott braucht unsere Herzen, Hirne und Hände. Sonst bleibt alles nur ein Traum. Kehren wir um! Orientieren wir uns neu! Vertrauen wir dem Evangelium, vertrauen wir Jesus Christus. Nehmen wir vertrauensvoll das Leben aus Gottes Hand an. Dann können wir wie Petrus dem Ruf folgen: „Kommt, folgt mir nach!“. Jeden Tag neu.

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