Geistliches Leben

Mittwoch, 01. April 2020

Palmsonntag: Weg zum Leben

Welcher Kreuzweg in dieser schwierigen Zeit ist der unsere - Gedanken zum Matthäus-Evangelium 21, 1-11 von Pastoralreferentin Annette Schulze

Der Kreuzweg ist nichts, was wir besonders reizvoll finden würden – ein schöner Bergpfad oder ein Waldweg wäre netter zum Spazierengehen. Aber das Leben lehrt uns – das ist in der aktuellen Situation besonders schmerzhaft deutlich -, dass es neben den hellen auch die anderen Pfade gibt: dunkle, verworren-chaotische Schritte ohne Sicht, so nah am Abgrund, dass kaum ein Fuß Platz findet… Das Leben fordert uns zu Kreuzwegen auf – die nicht nur Jesus damals gegangen ist, sondern die in unserem Heute vorkommen und uns näher, erschreckender betreffen und berühren, als uns lieb ist. Da gibt es Wege, auf denen klar wird, dass die Kraft nicht reicht …, auf denen ich ganz allein unterwegs bin…, bei denen alles wegbricht, was war, so dass ich wieder ganz am Anfang stehe… oder ganz am Ende…

Wie es wohl für Jesus gewesen ist? Ob er eine Ahnung hatte von dem, was auf ihn zukommen sollte? Ob ihn die Angst bewegt oder gelähmt hat? Ob er trotz allem noch Vertrauen haben konnte in Gott und in das Leben? Ob er noch wusste, wer er selber war?

Dietrich Bonhoeffer, der Theologe und Widerstandkämpfer,  formulierte es in seinen Tagen im Gefängnis so:
Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ich träte aus meiner Zelle gelassen und heiter und fest, wie ein Gutsherr aus seinem Schloß. (…)
Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, (…), hungernd nach Farben (…),
dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,
(…) müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,
matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?
Wer bin ich? Der oder jener? (…)
Bin ich beides zugleich?
Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!

Mich verweisen diese Gedanken auf den Weg Jesu – und ich frage mich, ob er ähnlich empfunden hat wie Bonhoeffer oder wie wir, die gerade auf den Kreuzwegen unseres Lebens unterwegs sind. Sicherheit und Normalität sind verlorengegangen – und so fragen wir nach dem Sinn, nach dem „Wer bin ich?“, wenn meine berufliche Aufgabe, meine Hobbies und so gut wie alle Kontakte wegfallen. Bin ich dann noch „wer“?
In der Zeit der Verkündigung haben viele Menschen Jesus begleitet. Sie wissen um seine Botschaft vom Gottesreich. Aber jetzt – nach dem großen „Hosanna“ beim Einzug in Jerusalem haben sie sich abgewendet – sie schreien nun „Ans Kreuz mit ihm!“ Auf einmal steht er alleine - verraten, verspottet, enttäuscht. Wer würde sich nicht fragen „Wer bin ich?“ in einer solch aussichtslosen Situation… Jesus gibt keine Antwort auf diese Frage. Er belässt es beim: „Du sagst es.“ Die Forderung, sich zu beweisen, bleibt bestehen und begleitet ihn bis zu seinen letzten Momenten am Kreuz. Da soll er zeigen, wer sein Gott ist. Da werden Beweise gefordert. Aber Gott lässt sich nicht zu einem Beweis herausfordern und lässt nicht zu, dass wir unsere Würde zuerst unter Beweis stellen müssen, bevor er uns seine Liebe schenkt.

Das letzte Wort Jesu am Kreuz weist eine Richtung: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Psalm 22 gehört für uns zum Kreuzweg und zum Tod am Kreuz. Aber wer diesen Psalm betet, gibt sich in Gottes Hand und versteht sich in Gottes Hand vom Beginn des Lebens an. Das Ende des Psalms formuliert den Dank für die Rettung – und das große Lob Gottes, das den Völkern verkündet wird: „Gott hat alles vollbracht!“ Mit dem ersten Vers des Psalms klang für Jesus und für seine Zeitgenossen auch der weitere Inhalt mit: Verzweiflung und äußerste Not, aber auch das Loslassen in und Leben aus Gottes Hand, die Bitte um Hilfe und die Rettung, für die Gott Lob und Dank zusteht für alle Zeit. „Gott hat alles vollbracht!“

Wir könnten versuchen, diese Gedanken mit in die kommenden Tage zu nehmen. Wir könnten es wagen, unser Bemühen um Kontrolle und Ideale zu lassen und uns ein- zu -lassen auf diesen Weg Jesu, der auch unser eigener Weg ist. Und wenn wir dabei merken, dass wir gar nichts im Griff haben, dass wir absolut ohnmächtig, verletzlich und einsam sind…? Was wäre, wenn wir dann auch diesen Schmerz - unser Kreuz - Gott anvertrauen im Bewusstsein, dass er längst alles vollbracht hat… und wir ihm und uns nichts beweisen müssen, sondern uns schlicht lieben und rufen lassen dürfen – zu immer mehr Leben…auch in Zeiten eines bedrohlichen Virus?


Lesetipp: die Passionsgeschichte Matthäus 26,14 - 27,66

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Beitrag an:  Annette Schulze
 
01. April 2020

Palmsonntag: Weg zum Leben

Welcher Kreuzweg in dieser schwierigen Zeit ist der unsere - Gedanken zum Matthäus-Evangelium 21,...


25. März 2020

Jesus lässt jeden Tag Auferweckung sein

Gedanken von Pastoralreferentin Luise Gründer zur Auferweckung des Lazarus (Sonntagslesung aus...


18. März 2020

Der Blinde

Jesus heilt, äußerlich und innerlich - Gedanken zum Johannes-Evangelium 9, 1-41 von Diplom-Theologe...


Anzeige

Abo der Pilger

Bestellen Sie bequem online Ihre persönliche Ausgabe der Kirchenzeitung.

Anmeldung im Benutzerbereich

Passwort vergessen?
neu registrieren