Geistliches Leben

Mittwoch, 12. Februar 2020

Gutes Leben

Vor Gott ganz werden, und frei

Am traditionellen Ort der Bergpredigt wurde im Jahr 1937 die "Kirche der Seligpreisungen" errichtet. (Foto: actionpress)

Unsere Verse aus dem Matthäusevangelium gehören zur Bergpredigt, der „Magna Charta des Reiches Gottes“. Die Seligpreisungen, die ihr voranstehen, bieten einen radikalen Gegenentwurf zu menschlicher politischer Ordnung und deren Wertvorstellungen. Dies galt damals unter dem Regime römischer Gewalt und gilt auch heute: Der neoliberale Kapitalismus und seine Menschenverachtung prägen die „Wirtschaftsordnungen“ weltweit.

Jesus preist in der Bergpredigt die Menschen selig, die unter diesen Rahmenbedingungen leiden: die Armen, die Hungernden, die Gewaltlosen und Friedfertigen. Er preist und tröstet die Trauernden und Barmherzigen, er preist die, die wegen ihres Einsatzes für Gerechtigkeit und „um meinetwillen“ beschimpft, verfolgt und verleumdet werden.
Unsere ausgewählten Verse sind Ausführungsbestimmungen der Seligpreisungen. Jesus verkündet sie mit „Vollmacht“ (Matthäus 7, 28): „Ich aber sage euch“! In ihnen geht es um „das Große, das Gott denen bereitet hat, die ihn lieben“ (1 Korinther 2, 10), so Paulus in der Lesung.
Jesus bezieht sich in der Bergpredigt auf das jüdische Gesetz, die Thora. Er stellt sich nicht gegen und schon gar nicht über die mosaische Offenbarung: „Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben! Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen“ (Matthäus 5, 17). Jesus aktualisiert und konkretisiert das Gesetz, besonders das Zehnwort (Exodus 20, 1–19 und Deuteronomium 5, 6–21), auf seine Zeit und auf seine Botschaft hin. Er stellt sich in die Reihe der Propheten, die nichts anderes taten. Er nimmt vom Gesetz nichts zurück. Er fordert aber ein, dass es gelebt wird in der Intention des Gebers, Jawehs selbst.
Drei der zehn Gebote werden in unserer Perikope von Jesus neu ausgelegt: Das Mord-, Ehebruchs- und Meineidsverbot. Es geht ihm dabei um ein gerades, aufgerichtetes und aufrechtes Leben. In der Genesis sagt Gott zu Abraham: „Geh vor mir her und sei ganz“ (Gen 17, 1). Sei ganz – an Leib und Seele, eins mit Dir selbst und eins mit Gott! Und wir können ergänzen: und solidarisch mit deinen Mitmenschen. Es geht Jesus um ethische Integrität, um Ganzheit, um ein Leben in Übereinstimmung mit sich selbst, um Menschen, die sich selbst wertschätzen und achtsam mit sich und ihrer Mitwelt umgehen.
Jesus legt die Gebote des Zehnworts aus, in dem er einen Schritt vor der Tat ansetzt. Er fordert eine Haltung ein, die die eigene Sensibilität schärft, dass es erst gar nicht zu den Delikten kommt. Er nimmt die Vorgänge im Herzen ins Visier, hier ist die Brutstätte des Bösen. Die „Bibel in gerechter Sprache“ hat eine sehr eigenwillige Übersetzung der Verse hier vorgelegt: „Ihr habt gehört, dass Gott zu früheren Generationen sprach: Du sollst nicht töten. Wer aber tötet, wird vor Gericht als schuldig gelten. Ich lege euch das heute so aus: Die das Leben ihrer Geschwister im Zorn beschädigen, werden vor Gericht als schuldig gelten. Und die ihre Geschwister durch Herabwürdigung beschädigen, werden in der Ratsversammlung als schuldig gelten. Und wer ihnen das Lebensrecht abspricht, wird im Gottesgericht als schuldig gelten.“ Jesus nimmt nicht nur das eigentliche Tötungsgebot in den Blick. Mit dem Satz: „Wer seinem Bruder zürnt“ kann auch der „soziale Tod“ gemeint sein, das Ausgrenzen von Menschen, ihr Niedermachen, Abwerten, Verachten. Die Verletzung von Menschen, verhinderte Teilhabe am Leben der Gemeinschaft sind Minderung des Lebens. Wer einen Menschen einen „Gottlosen“ nennt, so eine mögliche Übersetzung des Wortes „Narr“ in Vers 22, schließt ihn aus der Heilsgemeinschaft aus.
Die Ehe gründet für Jesus auf einer unwiderruflichen Liebeseinheit. Wer seine Augen und Sinne „lüstern“ auf eine andere Person richtet, verletzt diese Gemeinschaft. Sicher ist hier nicht jede erotische Anziehung zwischen Männern und Frauen verurteilt. Erotik macht das Leben spannend und auch schön. Aber es gibt ein Begehren, das meine Integrität, meine Ganzheit erschüttert und mich schon innerlich zum Ehebruch disponiert. Dazu gehört, dass man die Situation sucht, wo dies auch geschehen kann. Jesus zeigt uns, dass jede Ehe, die gelingt, in der Gemeinschaft etwas Heilsames ausstrahlt, sie ermutigt andere zum Ja der Liebe, zum Leben.  
Beim Meineid ruft Jesus in eine absolute Wahrhaftigkeit hinein. Meineide und Lügen zerstören Vertrauen, zerstören Ehen, Familien, Freundschaften, ja ganze Nationen. „Im Krieg stirbt die Wahrheit zuerst.“ Jesus fordert die Achtung vor den Menschen, vor dem Leben, so wie es ist, ein. Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit fördern das Leben, sie sind Voraussetzung dafür, dass ich selbst als ein Mensch in Übereinstimmung mit mir selbst leben kann. Jesus ruft dazu auf, den inneren Menschen und sein Handeln in eins zu bringen – ganz zu sein. So können wir Abraham folgen und wie er den Willen Gottes tun: „Geh vor mir her und sei ganz!"

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