Geistliches Leben

Mittwoch, 11. Dezember 2019

Bist du der, der kommen soll?

Frage nach dem „Gott mit uns“ bewegt auch heute

Johannes weist auf das Lamm Gottes, das Jesus Christus ist. Holzskulptur von Niclas Hagenauer (um 1480). Augustinermuseum Freiburg. (Foto: KNA)

In der Enge des Gefängnisses und den Tod vor Augen drängen sich Johannes entscheidende Fragen auf. Er hatte Jesus im Jordan getauft. Er sah seine Aufgabe darin, das Volk Israel auf die Ankunft des Messias vorzubereiten. Nur durch strenge Buße, so war er überzeugt, konnte Gott versöhnt und das Unheil abgewendet werden. Darum rief er seine Zuhörer zu Buße und Umkehr auf. Erst wenn Menschen ihr Leben geändert haben, würde Gott ihnen vergeben und gnädig sein. Er selbst lebte als strenger Asket und wetterte gegen den Sittenverfall. Weil er die Verfehlungen am Königshof anprangerte, wurde er in den Kerker gesteckt.
Ist er mit seiner Verkündigung gescheitert? Hat Jesus Recht, wenn er einen Gott verkündet, der gnädig ist und bereits vergibt, bevor der Mensch Buße tut? Seine Zweifel werden gebündelt in der Frage an Jesus „Bist du der, der kommen soll?“ Ist Jesus der Immanuel, der Gott mit uns?
Die Antwort Jesu besteht nicht in einem klaren „Ja! Ich bin es.“ Er verweist auf Erfahrungen, die Menschen mit ihm gemacht haben. Ein bloßes Ja wäre zu wenig gewesen und hätte nur den Kopf erreicht, aber nicht den ganzen Menschen angesprochen und bewegt. Die Jünger des Johannes sollen ihm berichten, was sie selbst erlebt hatten. Sie sollen Zeugen davon sein, dass Kranke durch die Begegnung mit Jesus geheilt wurden, dass Toten durch ihn neues Leben geschenkt wurde. In diesen machtvollen Taten konnte Johannes erkennen, dass die Verheißungen der Propheten über den Messias sich in Jesus erfüllen. Reicht dem Johannes die Antwort Jesu oder werden seine Zweifel nur noch größer? Könnte dieser Jesus ihn wenigstens im Gefängnis besuchen und vielleicht befreien? Wenn Jesus der Messias ist, hätte Johannes nicht einen Anspruch darauf, vor der drohenden Hinrichtung bewahrt zu werden?
Johannes ist es überlassen, die Antwort Jesu zu werten, die Worte der Propheten über den Messias zu bedenken und sich selbst zu entscheiden. „Oder muss er auf einen anderen warten?“
Auch heute bewegt Christen die Frage „Bist du der, der gekommen ist oder müssen wir auf einen anderen warten?“ Ist Jesus der, den wir an Weihnachten als den Mensch gewordenen Sohn Gottes feiern? Es genügt kaum, nur auf Heilungen einzelner Kranken durch Jesus zu verweisen, auf seine Botschaft und Zuwendung zu den Menschen, auf seinen Tod und seine Auferstehung. Wir fragen uns weiter: Warum hat er nicht alle geheilt? Seine Wundertaten wollten jedoch nur aufzeigen, dass einmal im Reich Gottes das Leben von Leid und Tod befreit sein wird und die endgültige Gemeinschaft mit Gott als beglückend erfahren wird. Durch sie hat Jesus darauf verwiesen, dass dieses Reich durch ihn bereits begonnen hat. Der Weg zur Vollendung aber wird lang und beschwerlich sein.
Wir dürfen es ausprobieren, ob der Glaube an den trägt, in dem der unendliche Gott in unserer irdischen begrenzten Welt Mensch geworden ist. Den Wenigsten von uns wird es bei der Frage nach ihm reichen, wenn wir nur auf das Glaubensbekenntnis verwiesen werden. Hilfreicher ist es, wenn wir Menschen begegnen, die in ihrem eigenen Leben erfahren haben, dass sie mit Jesus auch die dunkelsten Epochen ihres Lebens durchstehen konnten. Nun können sie diese Erfahrungen an uns weitergeben. Sie tragen vielleicht dazu bei, dass Zweifelnde und Suchende zu ihrer eigenen Antwort auf die Frage nach dem Messias finden.
Es bleibt die Frage von Menschen, die heimgesucht sind von erdrückendem Leid: Warum muss ich solche Situationen erleiden, während andere davon verschont bleiben oder aus ihnen befreit werden? Wo ist hier für mich der befreiende Retter, der Messias? Vorschnelle oder gar vermeintlich alles erklärende frömmelnde Antworten helfen nicht weiter. Manches Leid kann man nicht verstehen, es bleibt nur die Chance, es zu bestehen. Wir sind eingeladen, mit denen, die da Leid tragen, die Fragen auszuhalten und durch unser Verhalten Antworten anzudeuten und Auswege mitzugehen. Auch Christen können nicht darauf vertrauen, dass hier alles gut geht.
Sie dürfen aber darauf hoffen, dass alles seinen Sinn hat und von Gott zu einem guten Ende geführt wird.

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Beitrag an:  Theo Wingerter
 
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