Geistliches Leben

Mittwoch, 05. August 2020

Halt und Stand

Niemals den Blick von Jesus abwenden

Fischerboot zur Zeit Jesu. Im Adam Bagalil Museum im Kibbutz Ginnosar am See Genezareth sind Reste eines solchen „Jesus-Bootes“ zu sehen. (Foto: actionpress)

Dieses Evangelium wurde verkündet in einer frühchristlichen Gemeinde, die Widerstand, ja Verfolgung ganz konkret erlebte: durch herrschende Kreise der Juden – nicht durch „die“ Juden, wie es oft fälschlicherweise behauptet wurde mit all den Folgen in der Geschichte durch die römische Staatsmacht, die sich selbst als „göttlich“ verstand und alle verfolgte, die einen anderen Herrn als Gott verehrten.

In diese Situation hat der Evangelist die Frohbotschaft Jesu verkündet; er hat also nicht nur eine Geschichte erzählt, sondern den Menschen Wege des Glaubens und der Hoffnung gezeigt. Und das in symbolstarken Bildern.
Die Geschichte  spielt auf dem Wasser. Wasser steht seit Urzeiten für das Chaos (im Schöpfungsgedicht und in den Psalmen). Bis in unsere eigene Sprache hinein reichen ähnliche Vorstellungen und Umschreibungen, besonders in Redensarten, wie z.B. von „Sturmfluten“ oder „Das Wasser steht uns bis zum Hals“ oder „Ich versinke in Angst und die Wellen schlagen über mir zusammen“ oder „Ich muss den Kopf über Wasser halten“.
Auch das Boot mit den Jüngern ist ein Bild: Wir sprechen vom „Schiff Petri“ und meinen damit die Kirche bzw. die Gemeinde. Jesus beauftragt seine Jünger, mit dem Boot auf die andere Seite des Sees vorauszufahren. Als erfahrene Fischer kennen sie den See mit seinen Tücken. Es wird Nacht, und es entsteht ein Sturm. Mitten in dieser Bedrohung kommt Jesus zu ihnen, er geht über das Wasser, ein Gespenst, sie erkennen ihn nicht, ihre  Angst wird größer. Sie schreien vor Angst, sie können das alles nicht einordnen, das kann doch nicht wahr sein.  Aus dem Dunkel heraus hören sie plötzlich die vertraute Stimme ihres Herrn: „Habt Vertrauen, ich bin es, fürchtet euch nicht!“ Petrus in seiner Spontanität sagt: „Herr, wenn du es bist, so befiehl, dass ich auf dem Wasser zu dir komme!“ Das Wasser trägt nicht, aber wenn es der Herr ist? Dann wird es mich tragen wie ihn. Der Herr sagt: „Komm!“ Petrus steigt aus. Der Blick auf den Herrn trägt ihn auf dem Wasser durch den Gegenwind. Wie weit wird ihn das Vertrauen auf den Herrn über  den Abgrund tragen? Solange er Jesus im Blick hat, ist er getragen. Als er auf den Wind und die Wellen schaut, umgibt ihn ein Meer von Angst. Die zieht ihn in die Tiefe. Er sackt ab, und schon steht ihm das Wasser bis zum Hals. In seiner Todesangst schreit er nach Jesus: „Herr, rette mich!“ Der glättet nicht die Wogen  und verjagt nicht sofort den Sturm, aber ER ist präsent. Der Hilferuf des Petrus verhallt nicht im Leeren. Jesus streckt ihm die Hand entgegen. „ Warum der Zweifel?“, fragt er ihn. Der Glaube hat seinen Zweifel als Schatten, als seinen „Bruder“ bei sich. „Du Kleingläubiger“, sagt Jesus. Der Glaube war bei Petrus nicht ganz verschwunden; nicht der große, aber ein kleiner Glaube hat sich erhalten mitten in der Angst.
Auch unser Leben ist keine ruhige, beschauliche Bootsfahrt. Jede und jeder von uns hat im Leben schon Gegenwind gespürt und dunkle Nächte erlebt und wird sie noch erleben: schwere Krankheit, Tod des Partners, Zerbrechen von Beziehung und Freundschaften, Brüche in der Familie zwischen Geschwistern und Eltern und Kindern, berufliche Enttäuschungen oder sogar Verlust des Arbeitsplatzes –ganz zu schweigen von all den Problemen, hervorgerufen durch die Corona–Pandemie.  All das, was mich bedroht, die „Wasser“, die mich bedrohen, kommen nicht nur von außen. Es sind vor allem auch meine eigenen Untiefen. Da kann man rudern und rudern und kommt trotzdem nicht voran.  In  solchen chaotischen Situationen – ähnlich wie die der Jünger – kann uns das Wort des Herrn erreichen: Fürchtet euch nicht, habt Vertrauen, ich bin mitten bei euch in den Ängsten und Nöten eures Lebens, mitten in eurem verqueren Leben! Erfahrungen unseres Lebens so zu deuten, dazu lädt uns das Evangelium ein. Wir dürfen gerade den Abstürzen, den Krisen unseres Lebens die Deutung geben, dass uns in ihnen das „Fürchtet euch nicht !“ des Herrn erreicht. Schauen wir in das Boot unserer Kirche. Wie soll es weitergehen?  Immer wieder hören wir von dunklen Flecken, von langen dunklen Zeiten, in denen Menschen an der Kirche leiden. Wie oft erfahren wir stürmischen Gegenwind, den wir oft selbst gegeneinander erzeugen. Dann kommt dieses Schiff Kirche ins Schlingern,  es entstehen in diesem Boot Turbulenzen, und viele verlassen das sinkende Schiff – aber nicht wie Petrus, der Jesus entgegengeht –, sondern um anderswo Orientierung zu suchen.   
In unserer katholischen Tradition ist Petrus in besonderer Weise das Bild für den Papst. So ist Papst Franziskus z.B. wohnungsmäßig aus dem Boot ausgestiegen, d.h. er wohnt nicht mehr im „abgesicherten“ Palast des Vatikans, sondern im Gästehaus, um so den Menschen näher zu sein. Er lässt aber auch andere scheinbare Sicherheiten hinter sich und versucht, auf neuen Wegen auf Jesus zuzugehen und diese Wege den Menschen aufzuzeigen.
Aber schauen wir nicht nur auf ihn. Wir alle sind eingeladen, miteinander neue Wege zu gehen und uns zu stärken. Augen zu und weiterrudern, das hilft nicht, sondern auf Jesus vertrauen. In diesem Vertrauen können wir uns gegenseitig stärken. Wenn wir so aussteigen und ihm entgegengehen, dann steigt er bei uns ein in unser Lebensboot. Und die Wellen beruhigen sich.

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