Geistliches Leben

Mittwoch, 13. Februar 2019

Wehe der Kirche, wehe uns

Jesus verkündet die Grundzüge seiner „neuen Gemeinde“ - Gedanken zum Lukas-Evangelium 6, 17.20–26 von Pfarrer i.R. Monsignore Ernst Roth

Dieses Evangelium ist ein unangenehmes Evangelium, das wir mit seinen scheinbar weltfremden Formulierungen „Selig, die Hungernden“, „Weh euch, ihre Satten“, nicht gerne hören. Und so werden diese Worte von „Weltmenschen“ meist geglättet oder überhört. Doch so leicht dürfen wir es uns nicht machen. Betrachten wir einmal den Zusammenhang, in dem diese „Feldrede“ Jesu steht: Jesus ging auf einen “Berg”, um die ganze Nacht – wie es ausdrücklich heißt – zu beten. Nach dieser intensiven Begegnung mit Gott wählt er zwölf Jünger aus und bestellt sie zu Aposteln. Er steigt den Berg hinab,  im Tal erwartet ihn eine große Schar seiner Jünger und viel Volk, das aus dem ganzem Land herbeigeströmt war. Ihnen hält Jesus – nach Lukas – seine erste Rede, eine programmatische Rede, in der er die Grundzüge seiner „Neuen Gemeinde“ verkündet.


„Selig, ihr Armen“. Angesprochen sind damit zunächst die sozial Armen, die Bedürftigen, dieAusgegrenzten, alle, die in ihrer gottgewollten Lebensfülle hier eingeschränkt sind. Ihnen verheißt er die Umkehr ihrer Verhältnisse, Lebensfülle und nie endende Lebensfreude im vollendeten Reich Gottes am Ende der Tage. Jesus preist keineswegs die Armut als Ideal. Aber die Armen können schon glücklich sein, weil sie wissen, dass das Reich Gottes für sie da ist. Und Jesus geht auch nicht an den Armen, Notleidenden vorbei. Gerade vor dieser Rede geschahen nach Lukas eine Reihe von Heilstaten Jesu an Kranken und Behinderten. Bei ihm gehen Lehre und helfende Tat in eins. „Selig ihr Hungernden“. Gott selbst wird euch sättigen am Tisch des himmlischen Hochzeitsmahls. Das Wort Jesu über die Armen, die Hungernden ist auch nicht eine billige Vertröstung auf das Jenseits. Jesus erwartet schon von seinen Jüngern, dass sie – seinem Beispiel folgend – den Notleidenden helfend zur Seite stehen und sich bemühen, Hunger und Not zu lindern.


„Selig ihr Armen“ kann bei Lukas auch eine geistliche Armut meinen. Geistlich arm sind Menschen, die sich klein fühlen vor Gott, die sich in Demut ihrer Schwäche und Ohnmacht bewusst sind. Menschen, die dankbar sind für alle Gaben Gottes, die sich nicht autark fühlen aufgrund eigener Leistung und Besitz. Menschen, die aufgeschlossen sind für Gott und mit offenem Ohr und offenem Herzen die Verheißungen Gottes aufnehmen. Auch ihnen gilt das Wort Jesu: „Selig, ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes.“
Um der geforderten Sorge für die Armen Nachdruck zu geben, stellt Jesus im zweiten Teil der „Feldrede“ den Seligpreisungen vier Wehe-Rufe an die Reichen gegenüber. „Wehe euch, ihr Reichen, ihr Satten!“ Auch hier wird nicht das Reich-Sein, das Vermögend-Sein an sich apostrophiert, sondern es zielt darauf, wie der Reiche, der Satte mit seinem Wohlstand umgeht. Die Wehe-Rufe sind eine ernste Mahnung an diejenigen, die im Reichtum keinen Anteil an den Sorgen anderer Menschen nehmen, sondern ihren Reichtum selbstsüchtig nur für sich genießen und allein auf den eigenen Vorteil aus sind. Reichtum birgt immer die Gefahr, dass er den Menschen kurzsichtig macht, dass er gefesselt wird von den irdischen Gütern und die ewigen Güter aus dem Auge verliert. „Ihr werdet hungern, ihr werdet klagen und weinen.“ Damit verweist uns Jesus warnend auf das eschatologische (endzeitliche) Gericht, bei dem Gott den gerechten Zustand seines Bundesvolkes herstellen wird (siehe Parabel von Lazarus, Lk 16,25).


Die „Feldrede“ Jesu, Grundzüge des christlichen Gemeindelebens, Grundzüge der Kirche. Wenn wir zurückschauen auf die Kirchengeschichte, können wir feststellen, dass unsere Kirche immer dann dem Verhalten Jesu am nächsten war, wenn sie sich um Arme, Notleidende, Ausgegrenzte kümmerte. Da war sie und ihre Botschaft glaubwürdig. Unglaubwürdig wurde sie immer dann, wenn sie sich in weltlichen Dingen gut eingerichtet hatte und dem Reichtum nahe war. In diesem Sinne forderte Papst Benedikt in seiner Freiburger Rede eine „Entweltlichung der Kirche“. Und nicht von ungefähr spricht der derzeitige Papst immer wieder von einer „armen Kirche für die Armen.“ Er selbst sucht den Kontakt mit den Leute außerhalb der „feinen Gesellschaft“ und tut vieles für sie.
Die Wehe-Rufe Jesu gelten aber nicht nur für die Kirche als Ganze, sie sind eine ernste Mahnung an jeden von uns. Wir sind – weltweit gesehen – fast alle Wohlhabende, Satte. Und zugleich gibt es Millionen Hungernde auf derselben Erde. Tun wir genug, um die Not der anderen zu lindern, den Wohlstand zu teilen, oder schauen wir weg?

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