Geistliches Leben

Mittwoch, 20. November 2019

Sie alle waren Juden. Gedanken zum Lukas-Evangelium 23, 35b–43

Christen müssen dem Antijudaismus entschieden ein Ende setzen

Der Jerusalemer Historiker Robert Wistrich hat ihn einmal den längsten, ältesten Hass („the longest hatred”) genannt. Gemeint ist die Feindschaft gegenüber den Juden. Keine andere Gruppe von Menschen wird bis heute mit derartig hartnäckigen Vorurteilen belegt. Dieser Antisemitismus hat seine Wurzeln in einem Antijudaismus, dessen älteste Ansätze sich im Neuen Testament finden.
„Gott ist ermordet worden“, ist bei Bischof Melito von Sardes im Jahre 160 nach Christus zu lesen. Aufgrund der neutestamentlichen Aussagen kommt er zu dem Schluss, dass die Juden die Kollektivschuld für den Tod Jesu trifft. Befeuert durch den Vorwurf „Christusmörder“ beziehungsweise „Gottesmörder“ zu sein, zieht sich in der Folge ein blutroter Faden aus Hass, Diffamierungen und Gräueltaten vom Mittelalter über die frühe Neuzeit, die Zeit des Nationalsozialismus bis in unsere Tage. Für Deutschland muss nicht erst seit des antisemitischen Terroranschlags vom Oktober auf eine Synagoge in Halle erschüttert festgehalten werden, dass jede zweite Woche ein jüdischer Friedhof geschändet wird und der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung noch im Mai dieses Jahres den (äußerst umstrittenen) Rat herausgegeben hatte, er könne es „Juden nicht empfehlen, überall in Deutschland Kippa zu tragen“.
Auch wenn die Kirchen nach 1945 den Antijudaismus allmählich als Irrtum und Schuld anerkannt haben, ist der dunkle Schatten aus Diskriminierung und Unterdrückung noch nicht überall verflogen. Ursächlich für den Antijudaismus in der Kirche sind im Kontext der damaligen Zeit erklärbare, aber dennoch kritisierbare Aussagen des Neuen Testaments. „Die Leute standen dabei und schauten zu; die führenden Männer des Volkes (Israel) verlachten ihn …“, heißt über die Kreuzigung Jesu im heutigen Lukas-Evangelium. Die Juden werden hierbei von Lukas nicht nur in einem verächtlichen Licht dargestellt, sondern darüber hinaus in den Dunstkreis der direkten Verantwortlichkeit, zumindest Mit-Verantwortlichkeit für das Kreuzungsgeschehen gezogen, was an anderer Stelle in den Evangelien noch viel deutlicher zum Ausdruck gebracht wird. Die Römer werden nur allzu gern in der Gestalt des an anderer Stelle erwähnten Pontius Pilatus, der sich im Zusammenhang mit dem Todesurteil Jesu „die Hände (in Unschuld) wäscht“, als tendenziell unschuldig angesehen.
„Deizid“ (= Gottesmord) heißt das Verbrechen, das den Juden seit Jahrhunderten vorgehalten wird und das vor allem in der Volksfrömmigkeit besonders schaurige Blüten hervorgebracht hat. Umso wichtiger ist es auch und gerade am Christkönigssonntag, an dem das Kreuz und der Kreuzestod traditionell im Mittelpunkt steht, die Schuldfrage am Tod Jesu einmal zu beleuchten.
Dass Jesus sich durch sein Auftreten, seine Predigten und Forderungen Feinde innerhalb des Judentums gemacht hat, ist unstrittig. Dass er als Unruhestifter und Häretiker bei etlichen angesehen wurde, überrascht auch nicht. Dass sich vor allem aus dem Kreis der mächtigen und einflussreichen jüdischen Gruppe der Sadduzäer – auch der Pharisäer und der Schriftgelehrte – einige seinen Tod gewünscht haben, trifft ebenfalls zu. Dennoch ist festzuhalten, dass Jesus nach römischen Recht, mit der römischen Hinrichtungsart „Kreuzigung“ getötet wurde. Er wurde für schuldig befunden, gegen die römische Staatsmacht als „König der Juden“ rebelliert zu haben, was die Kreuzigungsaufschrift INRI letztlich besagt.
Das vernichtende biblische Urteil über die Juden, geht historisch gesehen auf die verschärften Abgrenzungstendenzen von Christen und Juden zurück, die sich spätestens nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahre 70 nach Christus  zugespitzt haben. In dieser Zeit wurde das Lukasevangelium verfasst und es ging darum, selbst Profil zu gewinnen und die „Gegenseite“ möglichst schlecht aussehen zu lassen. Polemik und Verallgemeinerungen hielten daraufhin Einzug in die Schriften des Neuen Testaments. Mit fatalen Folgen, wie wir aus der Geschichte wissen.
Auch wenn man Lukas und anderen neutestamentlichen Autoren nicht unterstellen kann, Judenverfolgungen herbeigeführt zu haben, gilt es heute umso mehr dafür zu sorgen, dass biblischer Antijudaismus nicht mehr zum Nährboden für Antisemitismus wird. Jesus, Maria, Petrus, Paulus und der Zwölferkreis waren zweifelsfrei Juden. Daraus sollte mehr denn je ein Respekt und eine Hochachtung gegenüber unseren älteren Schwestern und Brüdern im Glauben resultieren. Ihr Gott ist der Unsrige. Ihre Verunglimpfungen, ihr Leid, ihr erlebtes Unrecht sind eine Schande für uns. Wie lange soll das noch weitergehen?

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