Geistliches Leben

Mittwoch, 15. Januar 2020

Erlöst, gerufen

Gelebte Nachfolge, damals und heute

Was hat das mit uns, unserem Leben, unserem Alltag, sogar unserem Glaubens-Alltag zu tun? Doch so abstrakt dieses Evangelium zum Zweiten Sonntag in Jahreskreis erscheint, es trifft uns: Es sagt uns unsere Erlösung zu. Es fordert uns zur Antwort: in die Konsequenz der Nachfolge. Dies zu verstehen, kann uns dieses kleine Andachtsbild „Johannes der Täufer in der Einöde“ helfen, das der niederländische Maler Geertgen tot Sint Jans (1460/1465 bis 1490/1495) im Jahr 1490 schuf.  
Diese sommerlich grünende, anmutige Landschaft mit ihren Hügeln, Bäumen, Büschen, dem Bach und dem Teich, den Vögeln, Hasen und Rehen ist nicht einfach „Gegend“ oder Hintergrund. Vielmehr erschließt sich das Bild erst von der Landschaft her. Bei aller stillen Schönheit ist sie im ursprünglichen Sinn „Einöde“. Das muss ja nicht unwirtliche, trockene Wüste oder Steppe sein, in der Johannes der Täufer der Tradition nach anzutreffen wäre. „Einöde“ ist – vom Wort her – „Leere“, „Einsamkeit“, die überall sein kann. In ihr hat dieser nachsinnende Johannes in seiner sichtlich von schweren Gedanken bedrückten Gemütsverfassung seinen rechten Platz.
Da sitzt er, ganz in sich vergesunken, auf einer mit Gras bewachsenen Felsenbank, barfuß, bekleidet mit dem braunen Gewand aus grobem Kamelhaar und einem weiten blauen Überwurf. Seinen gedankenschweren Kopf, den immerhin ein Kranz aus goldenen Strahlen umgibt, stützt er mit der rechten Hand, seine Brauen hat er hochgezogen, sein Blick geht ins Ungewisse. Nichts ist an ihm von dem Rufer in der Wüste, der wortgewaltig zur Umkehr ruft, dass Scharen von Menschen zu ihm kommen und nach seiner Taufe zur Vergebung der Sünden verlangen. Nichts hat er von dem starken Gottesboten und Vorläufer, der die Wege des Herrn bereiten soll. Links neben ihm liegt ruhig, ergeben ein weißes Lamm, hinter dessen Haupt ebenfalls goldene Strahlen aufleuchten, doch in Form eines Kreuzes. „Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt“ (Johannes-Evangelium 1,29 und 36). Dies sagte Johannes über Jesus Christus, als er ihn kommen sah.
Damit erweist sich Johannes der Täufer als Prophet des Alten Testaments, der an der Schwelle zum Neuen Testament steht. In seinen Worten ist zu hören, was der Prophet Jesaja über den Gottesknecht sagt, bis hin zum Bild des Lammes: „Er hat unsere Krankheiten getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen … Er wurde durchbohrt wegen unserer Vergehen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Züchtigung auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir hatten uns alle verirrt wie Schafe, jeder ging für sich seinen Weg. Doch der Herr ließ auf ihn treffen die Schuld von uns allen. Er wurde bedrängt und misshandelt, aber er tat seinen Mund nicht auf. Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, und wie ein Schaf vor seinem Scherer verstummt, so tat auch er seinen Mund nicht auf … Er wurde vom Land der Lebenden abgeschnitten und wegen der Vergehen meines Volkes zu Tode getroffen … Mein Knecht, der gerechte, macht die Vielen gerecht; er lädt ihre Schuld auf sich … Er hob die Sünden der Vielen auf und trat für die Abtrünnigen ein“ (Buch Jesaja 53,1–12). In diesem prophetischen „Hymnus“ über den „Gottesknecht“, der darin gipfelt, dass dessen Lebenshingabe als „Schuldopfer“ bezeichnet wird, sind frühester Glaubenstradition zufolge Jesu Leidensweg und Kreuzestod „vorgebildet“: Jesus Christus ist der Gottesknecht.
Johannes der Täufer war mit dem Lied vom Gottesknecht vertraut. Er „weiß“ also um das Schicksal dieses Lammes, als das er Jesus Christus sieht, der die Sünden der Welt hinwegnimmt. Er „weiß“ um das „Schuldopfer“ des Gottesknechts: um das Leiden und Sterben Jesu Christi. Darüber sinnt er hier nach, mehr noch: Er hat sich so darin hinein versetzt, dass es ihn seelisch und körperlich trifft, dass er mitgeht und mitleidet. Das belastet und bedrückt ihn, lässt ihn in sich zusammensinken zu dem Häufchen Elend, das er hier ist. Genau dies ist zutiefst Vorbild für gelebte Kreuzesnachfolge, die ja nicht eine bloße „fromme“ Übung ist, sondern der existentielle Vollzug des Christseins.
Geertgen tot Sint Jans malte dieses Bild offensichtlich in zutiefster Betroffenheit aus seiner eigenen Christusnachfolge. So sollte das Bild ihm selbst und dem, dem es zur Andacht diente, genauso innerlich treffen und animieren, sein Kreuz aufzunehmen und Jesus nachzufolgen. Mit diesen großen Anspruch ist das Bild „zeitlos“: Jetzt gilt es uns, wie auch dieses Evangelium uns trifft.

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